Ein Jahr nach Giftgas-Attacke

21. August 2014 21:37; Akt: 21.08.2014 21:37 Print

«Die UNO kam, sah – und half nicht»

Am Donnerstag jährt sich der Giftgas-Angriff im syrischen Damaskus mit über 1400 Toten. Wie geht es den Überlebenden heute? Vier Menschen erzählen – und erheben schwere Vorwürfe.

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Vor einem Jahr wurden die Bewohner in der Ghouta-Ebene, den südlichen und östlichen Vorstädten von Damaskus, von einem Giftgas-Angriff überrascht. Mehr als 1400 Menschen starben, Hunderttausende mussten wegen Verbrennungen, Verätzungen und Atemproblemen behandelt werden.

Noch heute leiden viele der Überlebenden unter den Folgen der Gas-Attacke. Die Hilfsorganisation Wadi hat kürzlich mit vier Menschen gesprochen, die den Horror in jener Nacht erlebt haben.

Rotes Kreuz und UNO in der Kritik

Einer der Überlebenden koordinierte am Tag nach dem Chemiewaffen-Angriff die medizinische Hilfe in den diversen Gesundheitszentren. Ein Jahr nach dem Drama erhebt er schwere Vorwürfe gegen das Rote Kreuz und gegen die UNO. Während der andauernden Belagerung der Ghoutas sei die Hilfe der Organisationen nicht zu spüren gewesen.

«Die UNO kam zu Besuch, um der Welt zu zeigen, dass sie in der Region tätig ist», sagte der Mann zu Wadi. In Wirklichkeit «hat die Organisation aber nicht einmal ein Prozent der Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllt». Gefragt, wie es ihm heute gehe, sagte er: «Jedes Mal, wenn wir Lärm oder ein Krachen hören, geraten meine Familie und ich in Panik.» Bei anderen Leuten habe er gemerkt, «dass sie nicht mehr lachen und auch nicht mehr weinen können».

Danke, Angelina Jolie

Auch einer der Ärzte, der damals Giftgas-Opfer behandelt hatte, unterstellte den internationalen Hilfsorganisationen, nicht genug zu unternehmen, um den Menschen in den Ghoutas zu helfen. «Offiziell zeigen sie sich in ihren Communiqués sehr betroffen und haben die Chemiewaffen des Regimes beschlagnahmt. Aber sie erlauben Assad, noch schlimmere Verbrechen zu verüben.»

Die internationale Gemeinschaft zeige Mitgefühl mit den Opfern, «unternimmt aber gar nichts», so der Vorwurf des Mediziners. Er bedankte sich jedoch bei Aktivisten wie Angelina Jolie oder George Newcomb für deren Unterstützung.

Die Menschen in den Ghoutas sind die wahren Opfer

Ein weiterer Augenzeuge, der anonym bleiben wollte, erzählte dem Mitarbeiter von Wadi, dass er bis heute unter den Folgen der Attacke mit dem Giftgas Sarin leide: «Ich habe Verbrennungen zweiten Grades im Gesicht.» Die Verletzungen seien entstanden, als er anderen geholfen habe, sich ihre verätzten Stellen mit ebenfalls verseuchtem Wasser abzuspülen. Das sei aber nicht das Schlimmste: «Ich leide an Panikattacken und Depressionen.»

Die Menschen in den Ghoutas seien leer ausgegangen, ist sein Fazit. Sie seien die Opfer, aber gerade ihnen werde am wenigsten geholfen. Daher sei die Frustration gross. «Ein Menschenleben ist hier nichts mehr wert», folgerte er daraus.

Worte bringen den Leuten nichts

Zuletzt äusserte sich eine 27-jährige Frau, halb Syrerin, halb Palästinenserin. Sie wünschte sich, dass westliche Hilfsorganisationen «das Leben eines Arabers genauso hoch einschätzen wie das eines Westlichen». Die Bevölkerung in Ghouta könne mit den «schönen Slogans nichts anfangen», sagte sie und forderte ganz klar: «Es muss gehandelt werden.»

Der Frust der Betroffenen ist verständlich. Noch heute riegelt die Armee des Assad-Regimes die Menschen in den betroffenen Gebieten ab, sie sind von der Aussenwelt abgeschnitten. Das erschwert es Hilfsorganisationen allerdings auch, die Notleidenden zu erreichen.

(kle)