Enthauptung

03. September 2014 16:30; Akt: 30.04.2015 19:12 Print

Was uns die IS-Videos wirklich sagen

Im Hinrichtungsvideo der IS-Terroristen wirkt Geisel Steven Sotloff auffallend gefasst. Das liegt nicht unbedingt an seinen starken Nerven.

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In der Hand der Terrormiliz Islamischer Staat befinden sich noch mindestens zwei westliche Geiseln: Der britische Journalist (Bild) und eine US-Amerikanerin, deren Identität nicht veröffentlicht wird. Cantlie wird vom IS zu Propagandazwecken missbraucht: In bisher drei Videos, die die Terrormiliz im September und Oktober 2014 veröffentlichte, vertrat er die Sache der Terroristen. Im November 2012 war Cantlie zusammen mit dem US-Journalisten James Foley (nicht im Bild) in Syrien entführt worden. Am 16. November 2014 veröffentlichte der IS ein Video, das die Ermordung des 26-jährigen US-Hilfsarbeiters zeigt. Kassig konvertierte während seiner Gefangenname zum Islam und nahm den Namen Abdul-Rahman an. Er war im Oktober 2013 in Syrien entführt worden. Sein Vater Ed ist Lehrer, seine Mutter eine Krankenschwester. Am 3. November 2014 wurde das Video der Ermorung von veröffentlicht. Der 43-jährige Brite arbeitete für eine Hilfsorganisation. Im Dezember 2013 war er in Syrien entführt worden. Am 13. September 2014 veröffentlichte der IS das Video von der Ermordung des 44-jährigen Briten . Er hatte für eine Hilfsorganisation in Syrien gearbeitet, als er im März 2013 entführt wurde. Am 2. September 2014 veröffentlichte die Terrormiliz IS ein Video, das die Ermordung des 31-jährigen US-Journalisten dokumentiert. Der Amerikaner Sotloff berichtete aus Libyen und Syrien, er sprach gut Arabisch. Im Jahr 2013 war er im syrischen Aleppo entführt worden. Am 19. August 2014 erschien das erstes Video der Terrormiliz IS, auf dem die Ermordung des 40-jährigen US-Journalisten zu sehen ist. Er machte Obama für seinen Tod verantwortlich. Experten gehen davon aus, dass die Opfer gehofft hatten, damit ihr Leben retten zu können. war als freischaffender Journalist in Syrien tätig, bevor er im November 2012 entführt wurde. Er galt als äusserst liebenswürdiger Mensch, der über die Leiden der Bevölkerung in Syrien berichten wollte. Foleys Eltern John und Diane erzählten an einer Pressekonferenz von ihrem Sohn, auf den sie jetzt stolz sind.

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Gestern tötete die Terrormiliz Islamischer Staat (IS, vormals Isis) mit dem Journalisten Steven Sotloff bereits die zweite US-Geisel. Sie stellten von beiden Ermordungen ein Video her und veröffentlichten dieses. Wie sein Kollege James Foley richtete auch Sotloff seine letzten Worte an den US-Präsidenten Barack Obama: Er machte ihn für seinen Tod verantwortlich.

Beide Geiseln übermittelten im Angesicht ihres Todes die Botschaft ihrer Mörder. Beide wirkten dabei überraschend gefasst. Woher kommt das?

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Sollen Medien die IS-Propagandavideos zeigen oder nicht?
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Eine naheliegende Erklärung wäre das Stockholm-Syndrom. Dieses psychologische Phänomen zeigt auf, weshalb manche Geiseln ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Kidnappern entwickeln: Die Opfer sind völlig von den Entführern abhängig und erleben eine Situation, in der alles Gute – das Essen, ein Lächeln, das Lockern von Fesseln – von den eigentlichen Peinigern kommt.

Geiseln vertreten die Sache ihrer Mörder

Doch Experten zweifeln an dieser These. «Normalerweise fallen Geiseln, denen der Tod droht, in einen Schockzustand», sagte Chris Chainey, früher bei der britischen Polizei als Unterhändler bei Geiselnahmen tätig, zur «Daily Mail». Weil von einem Schock im Video nichts zu bemerken sei, geht Chainey davon aus, dass die Amerikaner nicht mit ihrem unmittelbaren Tod rechneten. Er vermutet, dass die Terroristen den Männern bis zuletzt vorgegaukelt hatten, sie könnten durch Kooperation ihr Leben retten, und sie dadurch dazu brachten, ihre Sache zu vertreten.

Dem entsprechen die Feststellungen der international tätigen kriminaltechnischen Forschungseinrichtung, die das erste Enthauptungsvideo analysiert hatte. Laut «Telegraph» bemerkten die Experten ein kleines Aufblitzen, während Foley seinen Text aufsagte. Dies deute darauf hin, dass sich der Gefangene verhaspelt hatte und wieder neu anfangen musste – dass also mehrere Takes nötig waren, die der IS dann im Studio zusammenschnitt. Die professionelle Machart der IS-Videos stützt diese Version.

An westliches Publikum gerichtet

Die gute Qualität dieser Videos zeigt zudem, dass sich die Filme gezielt an ein westliches Publikum richten. Dies erklärt auch, warum der Henker ein Brite ist, der seine Drohungen an Obama in seiner Landessprache formuliert, für arabischsprachige Zuschauer gibt es Untertitel.

Am auffallendsten ist, dass in keinem der beiden Videos Blut zu sehen ist, während der Mörder den Hals seines Opfers aufschlitzt – ein Zeichen dafür, dass die Hinrichtung des US-Journalisten «möglicherweise inszeniert war und die tatsächliche Ermordung ohne Kamera stattfand», wie der «Telegraph» weiter schreibt.

Videos sind medientauglich

Ghaffar Hussain, Extremismus-Experte der britischen Quilliam Foundation, zieht auf einen weiteren interessanten Schluss aus den Videos. Es seien zwar schreckliche Bilder zu sehen. Doch das Fehlen von Blut während der eigentlichen Ermordung zeige, dass die IS-Filmemacher eine Grundregel der Horrorfilmindustrie befolgen: Zeige nur so viel, wie der Zuschauer gerade noch erträgt, und überlasse den Rest seiner Fantasie.

Dieser letzte Aspekt ist der wohl interessanteste. Denn anders als bei früheren Enthauptungsfilmen geraten westliche Medien angesichts solcher «unblutigen» Ermordungen in Versuchung, diese Videos zu zeigen. Womit die IS-Terroristen auch die Medien für ihre Propagandazwecke instrumentalisiert hätten.

(kmo)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Päde am 03.09.2014 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Zynismus

    Auch wenn es zynisch tönt, hätte man den Irak (mit Saddam) belassen wie er war, wäre dies wohl nie passiert ...... Stattdessen haben die Amis die Arabische Büchse der Pandorra geöffnet, sie haben aus den jahrelangen Fehlern in Lateinamerika nicht wirklich gelernt ....

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  • Marco am 03.09.2014 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    "friedliche Zeit"

    Uns hat man vor 2 Jahren im Geschichtsunterricht gelehrt, dass d die Kriegszeiten vorbei seien und die Menschheit vernünftig geworden sei... Der Ukrainekonflikt, der Gazastreifen und das hier zeigt mir jedoch, dass die Menschheit immer noch gleich zurückgeblieben ist... Ich finde es schrecklich, dass eine Terrororganisation die Menschen bis aufs letzte demütigt, sieht so der Krieg im 21. Jahrhundert aus? In 10 Jahren kann man Kriege im Livestream mitverfolgen und mitfeiern oder was?!

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  • D.Wellbeck am 03.09.2014 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    Einer unter Tausenden...

    Es ist erschütternd, was da passiert ist, aber einen grossen Unterschied macht sein Tod auch nicht mehr. Sie waren Kriegsjournalisten und kannten das Risiko. Mir tun mehr die anderen Unschuldigen Leid, die nicht einmal fliehen können!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Franz am 04.09.2014 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    logische Überlegung

    Warum sollte die IS Hinrichtungen faken? Töten sie denn überhaupt gar niemanden? Doch sie töten und kriegen am Laufmeter oder? Wenn sie schon so fleissig am Töten sind (und das wird doch gar nicht angezweifelt oder?) dann kann man auch die Tatsache akzeptieren, dass diese Leute anderen mit einem Sackmesser den Kopf abschneiden.

  • CeCe am 04.09.2014 07:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    was für ein grausamer Job. " Die Enthauptungsvideos zu analysieren". Hoffe, dass die Streitkräfte dieser Welt, diese Mörder sehr schnell stoppen und ihnen die gerechete Strafen erteilen.

  • AndyR am 04.09.2014 06:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @Säsch

    Menschen verändern sich und in Geiselhaft erst recht! Was wollen Sie konkret mit Ihrer Aussage vermitteln?

  • Heiri M. am 04.09.2014 00:16 Report Diesen Beitrag melden

    Unfaire / verfälschte Betroffenheit

    Die beiden Enthauptungen sind grässlich. Es sind aber Frauen und Kinder in gleicher Weise abgeschlachtet worden und kein Politiker äussert sich ähnlich betroffen davon. Die Journalisten haben sich freiwillig und für Geld dem Risiko ausgesetzt. Die Frauen und Kinder und andere unschuldige Opfer dieser islamistischen Barbaren wurden in ihrer Heimat umgebracht. So doppelbödig ist die Politik. Ein Skandal. Und auch deshalb geht das Morden weiter...

  • Pills am 03.09.2014 23:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Drugs

    Hohe Dosis Lorazepm (Swiss made) Oder Benzodiazepine 100% Logisch StockholmSyndrom 100% nicht Wahr

    • p.hil am 04.09.2014 00:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      sinn?

      wat?

    • sadf am 04.09.2014 04:06 Report Diesen Beitrag melden

      ........

      lorazepam ist ein benzodiazepin....

    • AndyR am 04.09.2014 05:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Lorazepam

      Ist ein Tranquilizer aus der Gruppe der Benziodiazepine genau wie Diazepam usw...

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