Allianz gegen den IS

09. September 2014 14:24; Akt: 09.09.2014 15:55 Print

Türkei als Geisel der IS-Terroristen?

Die Türkei ist ein wichtiger Partner der USA im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. Doch ihre Verlässlichkeit wird zunehmend angezweifelt. Das hat mehrere Gründe.

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Recep Tayyip Erdogan und Barack Obama vor einem Jahr in Washington. (Bild: AFP/Mandel Ngan)

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Zehn Staaten wollen sich im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS, vormals Isis) zusammenschliessen: die USA, Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Dänemark, Polen, Kanada, Australien und die Türkei. Das verkündete US-Aussenminister John Kerry.

Das Nato-Mitglied Türkei ist dank seiner geografischen Lage ein wichtiger Partner für westliche Missionen im Nahen Osten. Das hatte sich nicht zuletzt im Afghanistan-Krieg gezeigt. Doch wie zuverlässig ist das Land am Bosporus im Kampf gegen den IS?

Am 11. Juni überfielen IS-Terroristen das türkische Konsulat im irakischen Mossul. Seither befinden sich 49 Türken – darunter drei Kinder – in der Gewalt der Terroristen.Vor diesem Hintergrund werden zunehmend Stimmen laut, wonach die Türkei im Kampf gegen den IS erpressbar geworden sei. Gründe für diese Befürchtung gibt es gleich mehrere – ganz abgesehen davon, dass der damalige Premier Recep Tayyip Erdogan in seinen Reden vor der Präsidentschaftswahl immer wieder betont hatte, dass die Sorge um die Geiseln höchste Priorität habe.

Klare Worte fehlen. Oppositionspolitiker in Ankara werfen der Regierung und dem türkischen Geheimdienst MIT vor, radikale Islamisten im Kampf gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad mit Waffen unterstützt zu haben. Beweise dafür gibt es freilich keine. Dennoch fällt auf, dass Staatspräsident Erdogan das Wort «Terrororganisation» im Zusammenhang mit dem IS tunlichst vermeidet, etwa im Interview mit Al Jazeera.

Menschen- und Warenschmuggel. Die Türkei gilt als wichtiges Durchgangsland für ausländische Dschihadisten, die sich dem IS in Syrien oder im Irak anschliessen wollen. Laut «Financial Times» soll die Grenze bei Reyhanli mittlerweile besser kontrolliert werden. Andere Medien wie die Nachrichtenagentur Bloomberg widersprechen dem allerdings.

Ölhandel mit dem IS? Laut CNN schmuggelt der IS Öl, das er aus eroberten Ölfeldern im Irak gewinnt, in die Türkei. Dort werde es in lokalen Raffinerien aufbereitet, bevor es der IS wieder in seine Gebiete transportiert. Mit dem Geld aus dem Ölverkauf finanziert sich die Terrormiliz.

Der türkische Abgeordnete Mehmet Ali Ediboglu von der Oppositionspartei CHP wirft der Regierung sogar vor, dass die IS-Extremisten viel Geld verdienten, indem sie Öl aus ihrem Machtbereich in Syrien und dem Irak in der Türkei verkauften. Die Regierung weist dies zurück. Jeder, der von einer Zusammenarbeit zwischen der Türkei und dem IS spreche, sei ein Landesverräter, so Aussenminister Ahmet Davutoglu.

Rekrutierung von Dschihadisten. Bis zu 7 Prozent aller IS-Kämpfer (neuste Schätzungen gehen von 17'000 Kämpfern aus) sind Türken, wie Atilla Kart, Abgeordneter der Oppositionspartei CHP, der Nachrichtenagentur Cihan sagte – Tendenz steigend. Kart wirft der Regierung vor, zu wenig zu unternehmen, um einschlägig bekannte Gruppen daran zu hindern, türkische Dschihadisten anzuwerben: «Diese Gruppen sind allgemein bekannt, sowohl in der Bevölkerung als auch in der Regierung. Es ist unmöglich, dass die Polizei nichts darüber weiss.» Für Unmut sorgte auch, dass am 28. Juni laut «Al Monitor» rund 100 IS-Sympathisanten in Istanbul ungehindert und unter freiem Himmel das Ende des Ramadan feierten.

Hauptprobe nicht bestanden

Ob die Türkei angesichts dieser Vorwürfe ein zuverlässiger Partner im Kampf gegen den IS ist, wird sich zeigen. Die Hauptprobe hat Ankara nicht bestanden: Als ein US-Spezialteam Anfang Juli versuchte, mehrere Geiseln – darunter die mittlerweile ermordeten Journalisten James Foley und Steven Sotloff – zu befreien, zögerte die Türkei laut «Today Zaman» zu lange mit der Erlaubnis für die Benutzung des südtürkischen Stützpunkts Incirlik. Nicht, dass die US-Befreiungsmission allein deswegen scheiterte – doch die Unentschlossenheit der Türkei trug ihren Teil dazu bei.

(kmo/gux)