Entführte Christen

25. Februar 2015 17:08; Akt: 26.02.2015 12:00 Print

«Wir fürchten, dass der IS die Männer getötet hat»

von Nicolas Saameli - IS-Terroristen entführen Hunderte syrische Christen. 20 Minuten sprach mit dem Schweizer Musa Konutgan über die Lage in der Region.

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In der Nähe der syrischen Stadt al-Hasakah haben Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ganze Dörfer geräumt. Sie nahmen unzählige syrische Christen oder Suroye (siehe Infobox) gefangen. Wie viele Geiseln die Terroristen tatsächlich genommen haben und was mit ihnen geschehen soll, ist unklar. 20 Minuten sprach am Dienstag mit Musa Konutgan, Vorstandsmitglied der Schweizer Sektion der European Syriac Union.

Herr Konutgan, wissen Sie, wie viele syrische Christen der IS tatsächlich gefangen nahm?
Auch wir können es nicht genau sagen. Wir gehen von etwa 100 Entführungsopfern aus und von etwa 200 Personen, die von den Dschihadisten in ihren Dörfern festgehalten werden*.

Was wird mit diesen Menschen passieren?
Wir befürchten leider, dass der IS die Männer schon getötet hat. In der Vergangenheit gingen die Dschihadisten oft nach demselben System vor: Die Männer werden enthauptet oder erschossen, die Frauen und Kinder werden als Geiseln gehalten und zum Gefangenenaustausch angeboten. Wie die Dschihadisten diesmal vorgehen, wird sich zeigen.

In den Reihen der syrischen Christen kämpfen auch Schweizer. Wurden auch Schweizer entführt? Und haben Sie selbst Bekannte unter den Entführungsopfern?
So viel ich bisher weiss, ist niemand mit Verbindungen zur Schweiz darunter. Ich habe noch Verwandte in Syrien, sie leben aber in einer anderen Region.

Wissen Sie, wie viele Schweizer auf den Seiten der syrischen Christen kämpfen?
Ich kann nicht genau sagen, wie viele es sind, aber wir gehen von ungefähr einem Dutzend Schweizer in den Linien des Syriac Military Council aus. Der ehemalige Offizier der Schweizer Armee, Gewargis Hanna, ist heute Kommandant der christlichen Brigade des MFS. Johan Cosar – auch ein ehemaliger Schweizer Offizier – bildet assyrische Kämpfer aus.

Wer sind die Verbündeten der syrischen Christen?
Wir kämpfen gemeinsam mit den kurdischen YPG-Einheiten. Die Kurden und wir Assyrer-Suryoye haben im Norden Syriens eine demokratische Selbstverwaltung nach Schweizer Vorbild aufgebaut, die in drei Kantone eingeteilt ist. Die Assyrer-Suryoye gehören zu den Gründungsinitiatoren. Es gibt die Regel, dass immer ein Kurde, ein Araber und ein Assyrer-Suryoye ein Ministerium gemeinsam führen.

Was tun die syrischen Christen in Europa, um Ihrem Volk zu helfen?
Wir betreiben Lobbying und versuchen die Politik für die Anliegen unseres Volkes zu gewinnen. Wir schicken Geld und Hilfsgüter. Es sind aber auch viele dazu bereit, im Kampf zu helfen.

Wie ist es für Sie, aus der Schweiz zuzusehen, wie Ihr Volk angegriffen wird?
Es zerreisst mir das Herz! Als ich am Montag von den Entführungen erfahren habe, konnte ich keine Sekunde schlafen. Ich bin Familienvater und habe kleine Kinder zuhause. Wenn ich nicht durch sie in der Schweiz gehalten würde, wüsste ich nicht, ob ich noch hier wäre. Die IS-Dschihadisten töten mein Volk, und die Welt lässt es tatenlos geschehen. Wo ist die Unterstützung des Westens, der Waffen an Barzani im Irak schickt, aber uns in Syrien im Stich lässt?

* Am Donnerstag gab die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte 220 Entführungsopfer an.