Schweizer Kriegsreporter Pelda

15. Januar 2014 13:51; Akt: 23.01.2014 12:00 Print

Bei den Radikalsten der Radikalen

von Ann Guenter - Der Al-Kaida-Ableger Isis richtet in Syrien und im Irak unvorstellbare Grausamkeiten an. Der Schweizer Kriegskorrespondent Kurt Pelda verfolgte den Aufstieg der Ultra-Islamisten hautnah mit.

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Grenzüberschreitendes Minikalifat: Al-Kaida-Ableger Isis (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) errichtet entlang des Flusses Eurphrats einen Gottesstaat. In der irakischen Provinz Anbar, wo auch die von den Extremisten überrannten Städte Falludscha und Ramadi liegen, fand im Januar 2014 eine Offensive der Regierungstruppen gegen Isis statt. Sunnitische Kämpfer (im Bild) leisten in Falludscha Widerstand gegen die grausamen Isis-Mitglieder. Er ist der Chef der Isis: Abu Bakr al-Baghdadi oder Abu Du'a. Die USA haben für seine Festsetzung eine Belohnung von 10 Millionen Dollar ausgeschrieben. Die Syrer sagen mittlerweile: Isis ist schlimmer als Assad. Der Sprecher der Isis, Abu Mohammed al-Schami, neben einer Isis-Flagge. Auch er ist ein prominentes Mitglied der Isis: Kommandant Schakir Waheib bei der Stürmung der irakischen Anbar Provinz. Isis hinterlässt Tod und Zerstörung: Andersdenkende werden geköpft, Geiseln, darunter auch eine Reihe westlicher Fotografen und Journalisten, öffentlich hingerichtet. In Sicherheit: Eine syrische Familie blickt von der türkischen Grenze aus herüber in ihre bürgerkriegsversehrte Heimat. In der Nähe ist auch die syrisch-türkische Grenzstadt Asas, inzwischen ein wichtiger Stützpunkt der Isis. Die gemässigteren Rebellengruppen kämpfen in Syrien (im Bild: Damaskus) gegen meherere Fronten, gegen die Regierungstruppen von Präsident Assad einerseits, gegen die Al-Kaida-Exstremsiten andererseits. Im syrischen Bürgerkrieg sind rund 130'000 Menschen gestorben. Millionen mussten fliehen (im Bild: die Stadt Daraya). In Trümmern: das Da Al-Schifa-Spital in Aleppo.

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Sie sind die Grausamsten der Grausamen: die Ultra-Islamisten von Isis, Al-Kaida-nahen Dschihadisten-Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien. Seit Tagen liefern sich diese Ultra-Islamisten im Nordosten und Nordwesten Syriens Schlachten mit den Rebellen der gemässigteren Islam-Brigaden – mit Erfolg und unvorstellbar hohem Blutzoll. An einem einzigen Tag sollen die Isis-Kämpfer 60 Aufständische und auch westliche Gefangene exekutiert haben. Die Rebellen sind in einen Mehrfrontenkrieg geraten: gegen Assad und gegen die Al Kaida.

Der Chef von Isis ist Abu Bakr al-Baghdadi. Der 42-Jährige gilt als erfolgreicher als Osama bin Laden. Denn ihm gelang, was vor ihm noch keinem gelang: Er will ein neues Emirat oder Kalifat im gesamten Nahen Osten errichten und hat den Grundstein dafür bereits gelegt. Sein Minikalifat erstreckt sich dem Fluss Euphrat entlang zwischen Syrien und dem Irak (siehe Karte). Die Isis hat hier die Scharia eingeführt, betreibt einen eigenen Busservice, verlangt sogar eigene Steuern.

Der Schweizer Kurt Pelda ist einer der wenigen deutschsprachigen Journalisten, die es wagten, nach Syrien zu reisen – siebenmal insgesamt. Sein Ausgangspunkt war stets die syrische Grenzstadt Asas, inzwischen ein wichtiger Stützpunkt der Isis.

Kurt Pelda, Sie waren mehrmals in Asas. Was können Sie von dort erzählen?

Kurt Pelda: Als ich das erste Mal über die türkische Grenze nach Asas kam – das war im Frühjahr 2012 –, sah man dort noch keine Islamisten und ich war der einzige Ausländer. Aber schon ein Jahr später sah ich dort Leute aus aller Herren Länder. Die Kleinstadt war und ist ein Einfallstor für Dschihadisten aus Europa. Diese ziehen von hier weiter zum Kampf nach Aleppo und weiter nach Süden. Anfangs war es hier noch friedlich, jetzt ist es unter der Herrschaft von Isis lebensgefährlich. Als Journalist kann man nicht mehr nach Asas fahren.

Wie kam es dazu?

Von Asas und anderen Grenzstädten aus konnten die Isis-Kämpfer den Grundstein für ein Minikalifat legen. Erst wurden sie von den Einwohnern freudig begrüsst und als Befreier gefeiert, weil sie einst im Irak gegen die Amerikaner und jetzt in Syrien gegen Assad kämpften. Zunächst gaben sich die Dschihadisten friedlich, verteilten Glace und wollten die Menschen mit sozialen Kampagnen für sich gewinnen. Dann begannen sie, die Daumenschrauben anzuziehen und die Scharia durchzusetzen. Im Sommer kam es dann zur endgültigen Kehrtwende mit öffentlichen Hinrichtungen jener, die Isis für Ungläubige und Spione des Westens hielt. Namhafte Kommandanten und Financiers der Rebellen wurden gefoltert und geköpft, die Gräueltaten aufgenommen und ins Internet gestellt. Die Menschen werden völlig willkürlich getötet. Die Syrer sagen mittlerweile: Isis ist schlimmer als Assad. Tatsächlich gibt es kaum eine Gruppierung, die ihre Brutalität und Grausamkeit so ungefiltert zelebriert.

Weswegen begann der Isis-Terror gerade im Sommer?

Wohl wegen der Waffenlieferungen, die die Amerikaner den Rebellen in Aussicht stellten. Für Isis war klar: Kommen die Rebellen an diese Waffen, können sie uns aus Syrien vertreiben. Man darf nicht vergessen: Assad erliess schon 2011, also kurz nach Ausbruch der Revolution, eine Generalamnestie für islamistische Gefangene. Darunter waren viele Al-Kaida-Kämpfer. Dies stärkte am Schluss auch Isis. Und es erschwerte die Waffenlieferungen des Westens: Man wollte ja nicht, dass diese Waffen in die Hände der Kaida fielen. Ein sehr cleverer Schachzug von Assad. Ohne diesen hätte er den Krieg bis jetzt wohl verloren.

Al Kaida beziehungsweise Isis kämpfen in Wahrheit also für und nicht gegen Assad?

Davon ist auszugehen. Die Isis-Gegner unter den Rebellen beschuldigen diese, Geiseln an Assads Geheimdienste ausgeliefert zu haben. Unter ihnen war ein britischer Arzt, der am Schluss in Assads Gefängniszellen umkam. Assads Geheimdienste sollen bereits bei der Gründung des Isis die Finger im Spiel gehabt und Geld und Waffen geliefert haben, heisst es. Und: Isis ist im Bürgerkrieg selten mit Kämpfen gegen Assads Truppen hervorgetreten, was den Verdacht der heimlichen Kollaboration erhärtet. Zudem hat Al Kaida im Osten Syriens Ölfelder unter Kontrolle gebracht. Es heisst, dass Assad Al Kaida Geld gibt, damit das Öl weiter durch die Pipelines fliesst und damit den Nachschub für seine Truppen sicherstellt. Zumindest stärkt das Vorgehen von Isis letztlich vor allem Assad: Ihre Kämpfer vertrieben die zivile Opposition oder öffneten Nachschubwege für Assads Truppen. Im Gegenzug scheint Assad die Isis-Hauptquartiere etwa in Aleppo mit Luftangriffen zu verschonen. Es wirft jedenfalls Fragen auf, dass die Regierungstruppen diese Zentren bislang noch nie aus der Luft angegriffen haben.

Haben Sie in Syrien etwas von Abu Bakr al-Baghdadi gehört, dem Chef des Isis?

Er ist sehr gefürchtet und sehr geheimnisumwittert. Das beginnt allein damit, dass es kaum ein Bild von ihm gibt. Das Fahndungsfoto der Amerikaner ist veraltet, Baghdadi trägt heute bestimmt einen Bart. Vom Irak nach Syrien kam er wohl im Frühling 2013, so genau weiss das niemand. Ebenso wenig, wo er sich jetzt aufhält. In den letzten Monaten hat er sich jedenfalls ungehindert einen Gebietsstreifen von Aleppo bis fast nach Bagdad sichern können. Sollte es den irakischen Sicherheitskräften gelingen, die irakische Provinz Anbar wieder zurückzuerobern, dürfte Baghdadis Minikalifat wie ein Kartenhaus zusammenbrechen.

Sie begegneten in Syrien auch Dschihadisten aus Europa – erzählen Sie.

Ich traf auf etwa ein paar Dutzend kämpfende Europäer. Viele von ihnen Wohlstandsbürschchen mit kriminellem Hintergrund. Die wenigsten konnten Arabisch. Viele von ihnen wollten zuerst aus höheren Motiven in den Kampf gegen Assad ziehen, wurden dann aber von extremistischen Gruppen wie Isis vereinnahmt und instrumentalisiert. Die Geheimdienste schätzen, dass rund 500 Europäer in Syrien sind, ich vermute aber, dass es mehr sind. Neusten Schätzungen zufolge sind bereits zehn Prozent von ihnen im syrischen Bürgerkrieg umgekommen.

Was denken Sie, wie geht es weiter mit Syrien?

Angesichts der wechselnden und undurchsichtigen Allianzen denkt man in den USA darüber nach, letztlich doch Assad zu unterstützen, um die Region zu befrieden. Auch eine Teilung Syriens wird in Betracht gezogen. Ich ging eigentlich nach Syrien, um zu sehen, wie Assad gestürzt wird. Das geschah nicht. Hilfe aus dem Westen kam keine und die Menschen haben es aufgegeben, darauf zu warten. Sie fühlen sich vom Westen im Stich gelassen und ich finde, das wurden sie auch.