Brisante Enthüllung

08. April 2014 12:42; Akt: 08.04.2014 12:42 Print

Steckt die Türkei hinter syrischem Giftgas-Angriff?

Für den Chemiewaffeneinsatz in Damaskus vom letzten August ist die Türkei verantwortlich. Das Ziel: Die USA zum Eingreifen zu zwingen. Das sagt ein Top-Investigativ-Journalist.

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Die USA verkünden am , dass sie sich bei der C-Waffen-Vernichtung beteiligen wollen. Einer der Wagen der UN-Chemiewaffeninspektoren in Syrien ist am 26. August 2013 von Scharfschützen beschossen worden. Die Mitglieder des Teams seien unverletzt, hätten ihre Mission aber unterbrechen müssen, um das Fahrzeug zu ersetzen. Die Schüsse fielen demnach in einer Pufferzone zwischen den von Rebellen und Regierungstruppen kontrollierten Teilen von Damaskus. Welche Seite sie abgegeben hat, war zunächst unklar. Angela Kane, UNO-Beauftragte in Damaskus: Chemiewaffen-Experten der UNO sind von Damaskus aus aufgebrochen, um die angeblich mit Giftgas bombardierten Gebiete in Augenschein zu nehmen. Die internationale Gemeinschaft beratschlagt sich über eine «mögliche Antwort» auf den mutmasslichen Chemiewaffen-Einsatz in Syrien. Alle Augen sind auf die USA gerichtet, die ein militärisches Eingreifen nicht ausschliessen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel soll ihrem britischen Amtskollegen Cameron am Telefon gesagt haben, es gebe wenig Zweifel an der Schuld des Assad-Regimes am Giftgasangriff. Auch der französische Präsident François Hollande sieht ein «Bündel Belege» dafür, dass es am 21. August einen Chemiewaffeneinsatz bei Damaskus gegeben hat. Die Experten der Vereinten Nationen untersuchen den angeblichen Giftgasangriffs ab Montag, 26. August 2013. Generalsekretär Ban Ki Moon hat dem Vorfall höchste Priorität gegeben. Am 25. August teilt das syrische Aussenministerium mit, UNO-Vertreter zu einer Untersuchung in der betroffenen Region zuzulassen. Die Zustimmung gilt als Erfolg der deutschen UNO-Spitzendiplomatin Angela Kane (im Bild mit dem syrischen Aussenminister Walid al-Muallem). Ein Mann und eine Frau trauern um getötete Angehörige: Bei einem nach Angaben der Opposition 1300 Personen ums Leben gekommen sein. Ein Mann inmitten von Leichen, darunter auch Kinder, im Damaszener Vorort Duma. Syrische Oppositionelle werfen der Regierung vor, Giftgas gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt zu haben. Das Regime weist die Vorwürfe zurück. Die Waffeninspektoren, die im Auftrag der UNO früheren Vorwürfen nachgehen sollen, ... ... befinden sich im Zentrum von Damaskus.

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Der Artikel des Pulitzerpreisträgers Seymour Hersh schlug in Ankara ein wie eine Bombe: Der US-amerikanische Investigativ-Journalist behauptete darin, dass – «mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit» – die Türkei hinter den Giftgas-Angriffen vom 21. August 2013 in Ghouta, einem Vorort von Damaskus, steckt.

Journalist Hersh stützt seine Behauptung auf Aussagen eines ehemaligen hohen US-Geheimdienst-Mitarbeiters, dessen Name er nicht preisgibt. Demnach hätten US-Agenten herausgefunden, dass das Giftgas Sarin via die Türkei nach Syrien gelangt sei. Dort seien es Mitglieder der radikalislamischen Al-Nusra-Front gewesen, die die Chemiewaffen eingesetzt hätten, nachdem sie von Türken geschult worden seien.

Obamas Zögern in neuem Licht

Ziel der türkischen Regierung sei es gewesen, die USA zu einem Eingreifen in den Syrien-Konflikt zu zwingen. US-Präsident Barack Obama hatte im selben Jahr verkündet, der Einsatz von Chemiewaffen sei eine «rote Linie», die der syrische Präsident Baschar al-Assad nicht überschreiten dürfe.

Die Erkenntnisse des Geheimdiensts erklärten auch, warum Obama plötzlich gezögert habe, so Hersh weiter. Der US-Präsident hatte bekanntlich 2012 erst den Kongress um Einwilligung für eine Militäreinsatz in Syrien gebeten – anders als 2011, als er ohne parlamentarische Bewilligung eine Intervention in Libyen angeordnet hatte. Der Umweg über den Kongress führte schliesslich dazu, dass kein Militäreinsatz stattfand.

Geleaktes Treffen stützt Hershs Behauptung

Glaubwürdig erscheint die Geschichte des Journalisten Hersh vor dem Hintergrund eines kürzlich durchgesickerten Gesprächs von Ende März 2014, an dem unter anderem der türkische Aussenminister Ahmed Davutoglu und ein Geheimdienstmitarbeiter teilnahmen. Dabei soll ein inszenierter Angriff Syriens auf türkisches Territorium geplant worden sei, der ein Eingreifen der Türkei in den Konflikt im Nachbarland rechtfertigen sollte.

Auch die Reputation des mehrfach ausgezeichneten Journalisten spricht für ihn. Hersh hatte 1969 während des Vietnamkriegs das Massacker von My Lai aufgedeckt. 1970 erhielt er für diese Recherche den Pulitzer-Preis. Und im Jahr 2004 war er massgeblich daran beteiligt, den Folter-Skandal von Abu-Ghraib im Irak öffentlich zu machen.

Die türkische Regierung beeilte sich, die Behauptungen des Journalisten entschieden zurückzuweisen, wie «Hürriqet Daily News» schreibt. Ob es sich bei Hershs Artikel um eine Verschwörungstheorie handelt oder nicht, bleibt vorläufig unklar.

(kmo)