Schweizerin im Chaos

20. Dezember 2011 23:30; Akt: 21.12.2011 10:38 Print

«Das ist Gewalt auf unterstem Niveau»

von Simona Marty - Militär und Demonstranten liefern sich blutige Strassenschlachten. Derweil versucht die Schweizerin Martina Bundi, in Kairo ein normales Leben zu führen. Die 25-jährige NGO-Mitarbeiterin erzählt von ihren Eindrücken.

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Hilfswerks-Mitarbeiterin Martina Bundi glaubt nicht, dass sich die Situation in Ägypten rasch bessert. (Bild: zvg/Reuters)

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Wie erleben Sie die Gewalt in Kairo?
Martina Bundi:
Die Stimmung auf dem Tahrir-Platz ist unglaublich angespannt. Menschen rennen panisch in alle Richtungen, weil sie nicht wissen, woher die nächsten Schüsse kommen. Im Sekundentakt werden blutende Demonstranten in provisorische Spitäler gebracht. Doch auch diese werden immer wieder mit Tränengas und Gummischrot angegriffen. Die extreme Willkür der Gewalt ist beängstigend. Sowohl verschleierte Frauen als auch Kinder werden angegriffen. Vergangenen Samstag ist ein 14-jähriger Junge von einer Kugel getötet worden.

Erst kürzlich ging ein Foto einer verletzten, verschleierten Frau um die Welt...
Eine verschleierte Frau absichtlich auszuziehen und sie halb tot zu schlagen, ist Gewalt auf unterstem Niveau. Es ist absolut unverständlich, wie man einen Menschen mit Eisenstöcken verprügeln, ihn mit Militärschuhen mehrmals gegen den Kopf treten und dann liegen lassen kann. Das Militär und die Polizei haben jegliches Mass verloren.

Können Sie selber sich noch normal in Kairo bewegen?
Die Strassenschlachten konzentrieren sich auf wenige Strassen und stören deswegen den Alltag der hiesigen Bevölkerung wenig. Wenn man sich stets auf dem Laufenden hält und der staatlichen Presse keinen Glauben schenkt, findet man via Twitter und Facebook schnell heraus, welche Strassen man umgehen sollte. Die Situation kann sich jedoch innert weniger Minuten komplett verändern, weswegen ich während den Protesten oft mit einem mulmigen Gefühl durch die Strassen im Zentrum von Kairo laufe. Ich vermeide es gewisse Strassen nach Einbruch der Dunkelheit alleine zu begehen. Als westlicher Gast läuft man in diesem Land manchmal Gefahr, zum Spielball der staatlichen Medien gemacht zu werden. Westliche Journalisten und sonstige Besucher werden regelmässig der Spionage bezichtigt. Dies gibt dem Militär die Möglichkeit, die Unruhen auf externe Einflüsse abzuschieben.

Wie ist denn die Stimmung unter den Ägyptern selbst?
Die Bevölkerung ist stark gespalten. Die revolutionäre Opposition ist in der Minderheit. Die Muslimbrüder, welche sich während der Revolution noch an den Protesten beteiligt hatten, haben sich nun wieder auf die Seite ihres alten Verbündeten, des Militärs, gestellt. Die Demonstranten kämpfen demnach nicht nur gegen das Militär, sondern auch gegen die Islamisten.

Wie hat sich die Lage im Vergleich zur Revolution Anfang Jahr verändert?
Die Massenproteste vom vergangenen Januar glichen in ihrer zweiten Hälfte mehr einem grossen Dorffest als einer Revolution. Die jetzigen Ausschreitungen würde ich eher mit einem Bürgerkrieg vergleichen. Die Armee und die Polizei wenden seit dem Sturz Mubaraks viel brutalere Formen der Gewalt an. Es wird immer klarer, dass das Militär kein Interesse hat, die Macht an eine zivile Regierung zu übergeben. Die aktuelle Lage hier in Kairo zehrt an den Kräften der Demonstranten und es stellt sich die Frage, wie lange sich die Opposition noch gegen das Militär stellen mag.

Bedeutet das ein baldiges Ende der Gewalt?
Ich glaube nicht, dass die Demonstranten ohne Weiteres aufgeben werden. Aber wenn das Militär weiter standhält, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Militärs ihr Ziel erreichen und Ägypten erneut in einen Militärstaat verwandeln.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sepp Trütsch am 21.12.2011 03:49 Report Diesen Beitrag melden

    Gwunderig

    "Gewalt auf unterstem Niveau"? Was dann wohl "Gewalt auf höchstem Niveau" ist???

  • Mauro A. am 21.12.2011 00:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dorffest???

    Sorry gute Frau Bundi und 20Min Team, aber ich war im Januar in Kairo. Falls Sie meinen, sich vor Schüssen zu schützen und vor mit Macheten bewaffneten Personen flüchten zu müssen gleiche einem Dorffest, dann weiss ich nicht, was Sie unter Feiern verstehen. Wo waren Sie zu der Zeit? Vielleicht gerade in Hurghada? Zudem finde ich es sehr seltsam, dass es an einem Dorffest so viele Tote und Verletzte gibt!!! Ich habe das Trauma bis heute nicht verkraftet - zudem war die einzige zuverlässige Quelle alJazera, da weder Internet noch Mobil funktionierten!

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  • Skupi am 21.12.2011 03:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zweifelhaft!

    Ich zittiere die Autorin: "Die Massenproteste vom vergangenen Januar glichen in ihrer zweiten Hälfte mehr einem grossen Dorffest als einer Revolution. " - und es ist mir unklar wieso versucht sie den ägyptischen Teil der Arabischen Revolution(das zu den ersten und wichtigsten Teilen gehört) herabzustufen! Als ob eine einfache Journaliatin/Aktivistin in der Lage wäre so was grosses korekt es ein zu schätzen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • natalie am 21.12.2011 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Gewalt auf unterstem Niveau

    Die Gewalt ist schrecklich und die Menschen haben mein vollstes Mitgefühl. Was mir aber Angst macht. Sind die vielen traumatiesierten Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge, die leider auch sehr viel Gewalt in die Schweiz importieren. Die Menschen bräuchten hier menschliche Zuwendung und Schutz, aber leider sind es mittlerweile so viele geworden und leider auch viele die negativ auffallen, das man richtig spürt, wie genug die Bürger haben und alle allmählich überfordert sind mit diesem importierten Elend.

  • Urs Meier am 21.12.2011 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Haben Frauen und Kinder mehr Wert?

    Was macht es für einen Unterschied, ob auch verschleierte Frauen angegriffen werden und Kinder? Sind Frauen und Kinder mehr wert als Männer? Auch ein Mann ist einer Gewehrkugel schutzlos ausgeliefert, oder?

    • Mann am 21.12.2011 10:57 Report Diesen Beitrag melden

      genau

      Das hab ich mir auch schon gedacht. Gewalt auf unterstem Niveau? Ist denn heutzutage Gewalt gegen Männer, normal geworden oder sind wir einfach weniger Wert als Frauen und Kinder? Die Mehrheit der Toten in allen Kriegen/Konflikten sind Männer , Beteiligte oder Zivilisten.

    • Doc PhilGood am 21.12.2011 11:44 Report Diesen Beitrag melden

      Falsch

      Die Feministinnen kennen die Antwort.Und ja, Gewalt gegen Menschen ist falsch. Und wer bewaffnet und gepanzert auf Unbewaffnete losgeht (ganz gleich ob Kind, Frau oder Mann) und diese halbtot oder totprügelt ist kein Polizist, Soldat oder Krieger. Er ist ein erbärmlicher Feigling.

    • Tinu am 22.12.2011 01:30 Report Diesen Beitrag melden

      Grundsätzlich: Nein!

      Die Frauen in diesen Kulturen haben ja sowieso nichts zu sagen, deswegen sollten sie auch nicht Opfer von Demoauflösungen sein. Grundsätzlich sind Männer diejenigen die gewaltbereit sind und sich Strassenschlachten liefern. Kinder, sofern sie nicht irgendwelche Bomben zünden usw., sind eigentlich Tabu! Ein Mann gegen ein Kind, wie unfair ist das denn!? Wenn alle über einen Kamm geschert werden, sieht man, dass der Mensch immer noch ein Tier ist. Gott mach die Tiere, der Mensch macht sich selber. Georg Chr. von Lichtenberg

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  • Pavel P. am 21.12.2011 04:32 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr interessantes Interview

    Um ehrlich zu sein, bin ich mehr an Frau Bundi interessiert, als an Ägypten. Jenes ist nämlich aus mehreren Gründen kein Reiseziel von mir und die junge Dame gibt sehr intelligente Antworten.

  • Sepp Trütsch am 21.12.2011 03:49 Report Diesen Beitrag melden

    Gwunderig

    "Gewalt auf unterstem Niveau"? Was dann wohl "Gewalt auf höchstem Niveau" ist???

  • Skupi am 21.12.2011 03:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zweifelhaft!

    Ich zittiere die Autorin: "Die Massenproteste vom vergangenen Januar glichen in ihrer zweiten Hälfte mehr einem grossen Dorffest als einer Revolution. " - und es ist mir unklar wieso versucht sie den ägyptischen Teil der Arabischen Revolution(das zu den ersten und wichtigsten Teilen gehört) herabzustufen! Als ob eine einfache Journaliatin/Aktivistin in der Lage wäre so was grosses korekt es ein zu schätzen.

    • Ben Diskrill am 21.12.2011 11:53 Report Diesen Beitrag melden

      Wie bitte ?

      Manchmal hat eine einfache Journalistin/Aktivisten die am Puls des Problems lebt, mehr Ahnung als alle Geleerten in der westlichen Welt zusammen.

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