Alltag in Ägypten

09. März 2011 14:51; Akt: 09.03.2011 19:14 Print

Tote Christen und begrapschte Frauen

Tödliche Kämpfe zwischen Christen und Muslime, Übergriffe auf Frauen, die für ihre Rechte demonstrierten – Ägypten ist in der postrevolutionären Realität angekommen.

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Kopten demonstrieren vor dem ägyptischen Staatsfernsehen mit einer Bibel gegen die Zerstörung einer Kirche. (Bild: Reuters/Mohamed abd el Ghany)

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Eine Revolution macht noch keine besseren Menschen. Diese Erfahrung machten in den letzten Tagen Angehörige der koptischen Minderheit und Frauen in Ägypten. Bei Zusammenstössen zwischen Christen und Muslimen in der Hauptstadt Kairo sind mindestens 13 Menschen getötet worden. Etwa 140 Menschen wurden nach offiziellen Angaben verletzt.

Nach Angaben des Priesters Samaan Ibrahim wurden alle Opfer durch Kugeln getötet, auch die Verletzten hätten Schusswunden erlitten. Ibrahim ist Priester im Stadtteil Mokattam, wo es am Dienstagabend zu den Zusammenstössen kam. Aus Wut über die Zerstörung einer Kirche in einem Vorort der ägyptischen Hauptstadt durch Muslime vergangene Woche hatten sich mehrere tausend Christen zu Demonstrationen versammelt. Sie blockierten eine wichtige Zufahrtsstrasse, setzten Reifen in Brand und schleuderten Steine auf Autos.

Schusswaffen, Prügel und Messer

Die Demonstranten seien dann von Bewaffneten attackiert worden, die auch Häuser und Warenlager in Brand gesetzt hätten, sagte Priester Ibrahim. Bei den mehrstündigen gewaltsamen Auseinandersetzungen sind nach Angaben aus Sicherheitskreisen Schusswaffen, Prügel und Messer zum Einsatz gekommen. Augenzeugen zufolge schossen Soldaten in die Luft, um die Menschenmenge aufzulösen.

In Ägypten kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Kopten und Muslimen. Bei einem Anschlag auf koptische Christen in Alexandria in der Neujahrsnacht waren mehr als 20 Menschen getötet worden. Die Kopten sind die grösste christliche Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten und machen rund zehn Prozent der 80 Millionen Einwohner Ägyptens aus. Sie sehen sich im Alltag Diskriminierungen und Benachteiligungen durch Muslime ausgesetzt.

Angriff auf Demo für Frauenrechte

Während der Proteste gegen Ex-Präsident Hosni Mubarak hatten Christen und Muslime noch Seite an Seite demonstriert. Wie weit der Weg zu einer modernen Gesellschaft in Ägypten nach wie vor ist, zeigte sich ebenfalls am Dienstag auf dem Tahrir-Platz. Mehrere hunderte Frauen forderten dort anlässlich des Weltfrauentages gleiche Rechte und ein Ende sexueller Belästigung. Dann mussten sie genau dies durch eine männliche Gegendemonstration über sich ergehen lassen, die sie zudem mit Schmährufen eindeckte.

«Alle wurden gejagt, einige geschlagen. Sie haben uns überall betascht», sagte Dina Abou Elsoud, Eigentümerin eines Hostels und Organisatorin des Frauenmarsches, der «Washington Post». Auch andere Frauen berichteten über sexuelle Übergriffe. Der Vorfall erinnert an die CBS-Reporterin Lara Logan, die während der Jubelfeiern über Mubaraks Abgang auf ähnliche Weise bedrängt wurde. Nagla Rizk, Professorin an der amerikanischen Universität in Kairo, sagte, sie sei voller Hoffnung zur Kundgebung gegangen. Nun sei sie sehr enttäuscht: «Das widerspricht vollkommen dem Geist des Tahrir.»

Mussa will Land reformieren

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, will im Fall seiner Wahl zum nächsten ägyptischen Präsidenten das Land grundlegend reformieren. Er gilt derzeit als grosser Favorit bei der Wahl, die im Sommer stattfinden soll. Neben dem Kampf gegen die Korruption wolle er Ägypten zu einem modernen, demokratischen Staat machen, sagte der frühere Aussenminister am Dienstag in Kairo. Bis dahin gibt es noch viel zu tun.

(pbl/sda/ap)