«Das ist Krieg»

19. Februar 2011 14:00; Akt: 19.02.2011 12:30 Print

Grausige Szenen in bahrainischer Klinik

von Hadeel Al-Shalchi, AP - «Das ist Krieg.» So beschreibt der Orthopäde Bassem Deif die grausigen Szenen in seiner Klinik nach der gewaltsamen Niederschlagung der regimekritischen Proteste in der bahrainischen Hauptstadt Manama.

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In Bahrain haben die Ärzte zurzeit alle Hände voll zu tun. (Bild: Keystone)

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Den Ärzten des Salmanija-Krankenhauses bieten sich am Freitag Bilder, die selbst den Hartgesottensten unter ihnen die Tränen in die Augen treiben.
Zum zweiten Mal in zwei Tagen hat die Klinik eine wahre Flut von verwundeten Demonstranten zu bewältigen, gegen die Sicherheitskräfte von König Hamad bin Isa al Chalifa zuvor mit Waffengewalt vorgegangen waren.

«Er wurde in den Kopf geschossen. Ich habe die Kopfwunde gesehen», sagt eine Krankenschwester einer Gruppe von fassungslosen Frauen, während eine Ärztin schluchzend an der Schulter eines Kollegen Zuflucht sucht.

So etwas habe es noch nie erlebt, berichtet das Personal der Salmanija-Klink. Zwar gab es demnach am Freitag keine Todesopfer, tags zuvor waren jedoch mindestens fünf Menschen bei Gewaltakten ums Leben gekommen.

Wie im Krieg

Bassem Deif starrt ungläubig auf Röntgenbilder. Auf einem ist ein von einer Kugel zertrümmerter Oberschenkelknochen zu sehen. Ein anderes Bild scheint die Achselhöhle eines Mannes zu zeigen, die von einem Geschoss durchdrungen wurde.

Er wisse nicht einmal, um welche Art von Munition es sich handele, weil er noch nie einen Krieg erlebt habe, erklärt Deif. Eilig hetzt er durch die Gänge, während er dem Personal Anweisungen zuruft.

Unversehrte Demonstranten helfen

Unterdessen helfen unversehrte Demonstranten dabei, im Krankenhaus für einen geordneten Ablauf zu sorgen. Einige verteilen Wasser und Nahrungsmittel. Andere tragen Sorge, dass nur Familienmitglieder, Personal und Opfer das Krankenhaus betreten.

So hat es sich der 37-jährige Hussein Mohammed zur Aufgabe gemacht, die Namen und persönliche Angaben der Verletzten und vermissten Demonstranten zu notieren. Nachdem sie nun so oft angegriffen worden seien, hätten sie sich automatisch besser organisiert, sagt er.

Eine Gruppe von jungen Freiwilligen ruft derweil sichtlich angespannt zu Blutspenden auf. «Blutgruppe 0-Negativ - Frauen, Männer, wir brauchen ihre Spende!», ruft einer von ihnen in den Raum. Sofort stellen sich Dutzende Menschen an.

Über Facebook und den Kurzmitteilungsdienst Blackberry Messenger habe er erfahren, dass Spender benötigt würden, erzählt der 26-jährige Mohamed Adel, der gerade telefonisch Freunde mobilisiert. «Wenn ich wenigstens einen Beutel Blut spenden kann, habe ich unserer Sache schon gedient,» erklärt er.

Die Barriere der Angst sei nun gebrochen, fährt er fort. Nun werde man erst recht auf die Strasse gehen. «Indem sie uns auf diese Weise attackieren, fachen sie unseren Herzenswunsch, den Märtyrertod zu sterben, nur weiter an», erklärt er.

Medien müssen helfen

In einer Ecke der Klinik beugen sich Ahamd Mattar und dessen Freunde über einen Laptop mit Internetanschluss. Sie laden mit dem Handy aufgenommene Videos hoch, auf denen gewaltsame Angriffe, Verletzte und Interviews mit Ärzten und Sanitätern zu sehen sind. Die Medien müssten in dieser Krise helfen, erklärt Mattar. «Wir müssen mit unseren Bildern an die Öffentlichkeit.»

Unterdessen haben sich vor der Notaufnahme des Salmanija-Krankenhauses Hunderte Demonstranten eingefunden. «Nieder mit al Chalifa! Nieder mit dem Regime!», skandieren sie. Dicht zusammengedrängt, klatschen einige in die Hände. Einge weinen, während andere singen.

Den gesamten Arm im Gipsverband, steht der 31-jährige Adel Aradi steht derweil bereit, um Verwundete zu empfangen. Tags zuvor war er von der Polizei aus seinem Auto gezerrt und verprügelt worden, nachdem er zu nah an den Schauplatz der Proteste auf dem Perlen-Platz im Zentrum Manamas gefahren war. Obwohl er verletzt sei, habe er sich verpflichtet gefühlt, im Krankenhaus zu sein und zu helfen.

«Sie werden unseren Willen nicht brechen. Ich bin bereit zu sterben, damit meine Kinder nicht unter dem Regime der Herrscherfamilie leiden müssen, wie ich das tue», erklärt er. «Sie sollen die Wahl haben.»