Bürgerkrieg

15. Mai 2012 19:49; Akt: 15.05.2012 20:16 Print

Ärzte in Syrien unter Dauerbeschuss

«Mit Patienten erwischt zu werden ist genauso, wie mit einer Waffe erwischt zu werden», warnen in Syrien tätige Ärzte von Médecins sans Frontières. Die Regierung verbietet ihnen Erste Hilfe zu leisten.

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Szene in einem Spital in Qusayr, 15 Kilometer von Homs. (Bild: AFP)

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In Syrien werden Verletzte und medizinisches Personal von den Regierungstruppen und den Sicherheitskräften gezielt angegriffen und bedroht. Dies berichten Mitarbeiter der Médecins sans Frontières (MSF). Die Organisation, die in Syrien nicht arbeiten darf, hatte heimlich mehrere Teams in das Land geschickt.

Die MSF-Vertreter berichteten aus den Städten Homs und Idlib, wo die Opposition besonders stark ist. «Mit Patienten erwischt zu werden ist genauso, wie mit einer Waffe erwischt zu werden», wurde ein Chirurg in einem Dorf in Idlib von MSF zitiert.

«Die Atmosphäre in den meisten medizinischen Einrichtungen ist extrem gespannt.» Die Mitarbeiter leisteten nur Erste Hilfe, um im Fall eines militärischen Einsatzes die Einrichtungen rasch räumen zu können.

«Mehrere syrische Kollegen werden vermisst», sagte am Dienstag die Leiterin der MSF-Einsätze in Paris, Marie-Noelle Rodrigue. Die Behörden und alle Kriegsparteien müssten sicherstellen, dass die Mediziner ohne Angst vor Repressalien arbeiten könnten.

UNO-Konvoi von Sprengsatz beschädigt

In Bedrängnis geraten sind auch die UNO-Beobachter. Ein Konvoi sei zwischen die Fronten und geraten und von einem improvisierten Sprengsatz getroffen worden, teilte ein Sprecher des internationalen Vermittlers Kofi Annan über den Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Drei der vier Fahrzeuge seien beschädigt worden. Weitere Details oder Angaben zu möglichen Opfern machte er nicht.

Syrische Rebellen erklärten, Regierungstruppen hätten in der zentral gelegenen Stadt Chan Scheichun mit Panzerabwehrraketen oder von gepanzerten Fahrzeugen aus das Feuer auf Teilnehmer einer Beerdigung eröffnet. Dabei seien mindestens 21 Menschen getötet sowie wenigstens eines von vier UNO-Fahrzeugen beschädigt worden.

Ein Mitglied des UNO-Teams sagte in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur Reuters, er und seine sechs Kollegen befänden sich in Sicherheit bei den Rebellen. Sie versuchten, eine sichere Rückkehr zu ihrer Basis zu organisieren. Die Beobachter hatten die Rebellenhochburg gegen Mittag besucht, als die Gewalt ausbrach.

Regierung vermeldet Wahlbeteiligung

Ungeachtet der anhaltenden Gewalt verkündete die syrische Regierung, an der Parlamentswahl in der vergangenen Woche hätten sich 51,26 Prozent der Wahlberechtigten beteiligt. Diese Zahl wird von der Opposition, die zum Wahlboykott aufgerufen hatte, allerdings in Zweifel gezogen. Sie geht von einer Wahlbeteiligung von maximal 20 Prozent aus.

Nach Angaben von Politikern in Damaskus konnten sich die Baath- Partei von Präsident Assad und ihre Verbündeten 200 der insgesamt 250 Mandate sichern. Assad hatte diese erste Wahl nach der Zulassung neuer Parteien als Meilenstein auf seinem Weg der demokratischen Reform dargestellt. Regimekritiker sprachen dagegen von einem «lächerlichen Theaterstück».

Lage in Tripoli beruhigt sich

Die libanesischen Streitkräfte rückten am Dienstag in die Stadt Tripoli ein, nachdem der Konflikt in Syrien auch auf das Nachbarland übergegriffen war. In der zweitgrössten Stadt des Libanons kamen bei drei Tage anhaltenden Kämpfen zwischen Aleviten und Sunniten seit Samstag sechs Menschen ums Leben.

Soldaten und Polizisten patrouillierten in den Strassen. Erste Geschäfte wurden wieder geöffnet. Präsident Assad und weite Teile der herrschenden Elite Syriens gehören der Volksgruppe der Aleviten an, während die Oppositionsbewegung vor allem von Sunniten getragen wird.

(sda)