Tunesien

03. März 2011 12:32; Akt: 03.03.2011 13:16 Print

Flüchtlinge in Not - Katastrophe droht

Völlig überfordert: Eine Handvoll tunesischer Polizisten und Soldaten steht am Grenzübergang Ras Dschedir und versucht, den Flüchtlingsstrom aus Libyen zu regeln.

(Video: APTN-Video)
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Gastarbeiter aus Ägypten, Bangladesch, viele Schwarzafrikaner, erschöpft und schockiert von der Gewalt der vergangenen Tage, sehen nur noch den rettenden Grenzübergang, mobilisieren ihre letzten Kräfte, drängeln nach vorne.

Es herrscht dichtes Gedränge an der blauen Schranke, die beide Staaten voneinander trennt. Die Beamten lassen die Flüchtlinge aber nur tröpfchenweise passieren. Zehntausende Flüchtlinge alleine an diesem Grenzübergang - es herrscht Chaos, und ohne schnelle Hilfe droht eine Katastrophe.

Niemand hilft

Per Megaphon ruft Mohammed Aslam, Gastarbeiter aus Bangladesch, seine Landsleute am Grenzübergang zur Ruhe und Geduld auf. Sie hätten für eine Baufirma in Tripolis gearbeitet, berichtet er.

Mit Beginn der Gewalt seien er und seine Kollegen aber mit einem Mal auf sich alleine gestellt gewesen. «Wir wollen zurück nach Bangladesch, aber wir haben von unserer Regierung noch nichts gehört», sagt Aslam.

Kapazitätsgrenzen

Eine Gruppe Ägypter, die es auf die tunesische Seite geschafft hat, empört sich ebenfalls über die Regierung ihres Landes: «Wo ist die ägyptische Botschaft?», rufen sie.

«Die Tunesier tun alles, was sie können», sagt Tamer Mohammed, einer von ihnen. «Wir bekommen zu essen und zu trinken, aber wir können uns nicht waschen. Ich habe seit einer Woche nicht geduscht.»

In den vergangenen zwei Wochen sind nach örtlichen Behördenangaben mehr als 80 000 Menschen in Ras Dschedir angekommen. Gegen 30 000 Menschen warten noch auf der libyschen Seite der Grenze.

«Wenn die Zahl zunimmt, dann bekommen wir es mit einer humanitären Katastrophe zu tun», sagt Moez Dachroaui, der örtliche Feuerwehrchef.

Hunderte Flugzeuge nötig

Laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) flohen seit Beginn der blutigen Gewalt von Muammar el Gaddafis Sicherheitskräften gegen oppositionelle Demonstranten mehr als 180 000 Menschen aus Libyen.

Die Sorge um die Flüchtlinge wächst - und die internationale Staatengemeinschaft kämpft bei ihren Hilfsbemühungen gegen die Zeit. Das UNHCR hat die Staaten der Welt zur Entsendung hunderter Flugzeuge zur Rettung von Flüchtlingen an der tunesischen Grenze aufgerufen.

Schiffe und Nahrungsmittel

Das UNO-Ernährungsprogramm (WFP) hat Soforthilfen für die insgesamt rund 2,7 Millionen von der Krise betroffenen Menschen angekündigt und schickt Schiffsladungen mit Nahrung.

Frankreich und Grossbritannien wollen tausende ägyptische Flüchtlinge mit Schiffen und Flugzeugen in ihre Heimat bringen, mehrere Staaten haben Hilfsmissionen in das Grenzgebiet geschickt.

In Choucha, sieben Kilometer vom Grenzposten Ras Dschedir entfernt, stehen bereits hunderte weisse Zelte der UNO. Doch die Menschen wollen weg, so schnell wie möglich. Hunderte warten am Strassenrand auf Busse, die sie zum Flughafen von Djerba oder zum Hafen von Zarzis bringen sollen.

Ägypten in der Kritik

Ein Vertreter des ägyptischen Aussenministeriums versichert, sein Land tue alles Menschenmögliche. In den vergangenen drei Tagen seien etwa 20 000 Ägyptern in ihre Heimat gebracht worden.

Der tunesische Rettungsarzt Samir Abdelmoumen, der in dem Lager im Einsatz ist, hält Ägypten dagegen vor, zu wenig für seine gestrandeten Bürger zu unternehmen. «Vor allem Tunesien stellt Schiffe und Flugzeuge», sagt er. «Ich habe den Eindruck, Ägypten will diese Leute nicht.»

Noch sei die Lage einigermassen unter Kontrolle, sagt Abdelmoumen. «Aber wir sind nicht auf 10 000 oder 15 000 weitere Flüchtlinge vorbereitet.»

(sda)