Erdogan in Arabien

14. September 2011 14:32; Akt: 14.09.2011 15:00 Print

Der starke Mann vom Bosporus

von Peter Blunschi - Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan tourt durch den arabischen Frühling. Er attackiert Israel und wirbt für den säkularen Staat – eine Strategie mit Tücken.

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Recep Tayyip Erdogan (l.) am Dienstag in Kairo mit Nabil al Arabi, dem Generalsekretär der Arabischen Liga. (Bild: Keystone/AP/Khalil Hamra)

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Vor hundert Jahren lästerte man in Europa über den «kranken Mann am Bosporus». Es war die Zeit, in der das marode Osmanische Reich seinem Zerfall entgegentaumelte. Heute wirkt eher das überschuldete und alternde Europa wie ein «kranker Mann». Anders die heutige Türkei: Wenn Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in diesen Tagen Ägypten, Tunesien und Libyen besucht, strotzt er vor Selbstbewusstsein und sendet eine klare Botschaft aus: Die Türkei will – wieder – eine Führungsrolle in der Region einnehmen.

Die Wahl der Reiseziele ist kein Zufall: Es sind die drei Staaten, in denen der «arabische Frühling» Fuss gefasst hat und die Langzeit-Despoten vertrieben wurden. Erdogan preist sein Land als Modell an: Islamisch, demokratisch und wirtschaftlich erfolgreich. Im zweiten Quartal 2011 verzeichnete die türkische Wirtschaft ein Wachstum von 8,8 Prozent. Während Europa schwächelt, läuft der türkische Motor im hochtourigen Bereich. Damit kann man Eindruck schinden: Tatsächlich ist die Türkei für viele Araber ein Vorbild.

EU-Beitritt keine Perspektive mehr

Zusätzlich punktet Erdogan mit seinen Attacken gegen den langjährigen Verbündeten Israel. Am Dienstag kritisierte er in einer Rede vor den Aussenministern der Arabischen Liga in Kairo – eine seltene Ehre für einen Nicht-Araber – erneut den israelischen Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte im vergangenen Jahr. Israel müsse «den Preis für seine Verbrechen bezahlen», polterte der türkische Regierungschef. Zudem bekundete Erdogan Unterstützung für den geplanten Antrag der Palästinenser auf Anerkennung eines unabhängigen Staats bei der UNO: «Das ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.»

Die Sympathien der Araber hat er damit auf sicher, ebenso das Misstrauen des Westens. Doch das scheint Tayyip Erdogan zunehmend egal zu sein, zu sehr ist er von Europa enttäuscht. Für die Türkei sei der EU-Beitritt schlichtweg keine Perspektive mehr, sagte der prominente deutsche Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit zu Spiegel Online. Europa habe der Türkei zu lange die Integration verweigert und Erdogan jetzt kaum eine andere Wahl, als die «Karte der Regionalmacht» in Arabien zu spielen.

Bekenntnis zum säkularen Staat

Doch damit kann er sich leicht verzocken. Im Interview mit einem ägyptischen Privatsender überraschte der im Westen oft als Islamist verschriene Erdogan mit einem Bekenntnis zum säkularen Staat: Das Prinzip der Trennung von Staat und Religion müsse in der neuen ägyptischen Verfassung garantiert sein, betonte Erdogan. Die Muslimbruderschaft, die seine islamisch-konservative Partei AKP sonst gerne als Vorbild bezeichnet, reagierte verärgert. Erdogan sein ein respektabler Führer, «aber die Ägypter wollen einen islamischen Staat», erklärte ein Sprecher der Vereinigung gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Auch im liberalen Lager stösst der türkische Ministerpräsident nicht nur auf Zustimmung. Als er am Dienstag den Sitz der Arabischen Liga verliess, beschimpften ihn syrische Aktivisten laut CNN als «Feigling» – Erdogan hatte zur brutalen Unterdrückung des Volksaufstands in ihrer Heimat kein Wort verloren. Hier zeigen sich die Grenzen des Führungsanspruchs: Mit seinen Appellen zur Mässigung stösst Erdogan beim syrischen Präsidenten Baschar Assad auf taube Ohren. Auch sonst hat die Türkei in der Region bislang wenig bewegt.

Gewaltige Probleme im Innern

Kommentatoren vor allem in Deutschland verweisen darauf, dass der «starke Mann vom Bosporus» keineswegs so gut in Form ist, wie er sich gibt. Die Türkei habe «im Innern noch gewaltige Probleme zu bewältigen», schrieb etwa der «Tagesspiegel». Die Kurdenfrage bleibt trotz Fortschritten ungelöst, wie die zuletzt verstärkten Angriffe der kurdischen Arbeiterpartei PKK zeigen. Der Osten spürt wenig vom Wirtschaftswunder, und mit der Rechtsstaatlichkeit steht es nach wie vor nicht zum Besten.

Dennoch wäre es ein Fehler, Tayyip Erdogan zu unterschätzen. Der 57-Jährige ist ein cleverer Taktierer. Trotz steter Anfeindungen durch das kemalistisch-nationalistische Lager hat er dreimal die Parlamentswahl gewonnen und das Land reformiert. Während der Westen gegenüber dem «arabischen Frühling» eine zögerliche Haltung einnimmt, nicht zuletzt aus Angst vor der «islamistischen Gefahr», prescht er resolut vor und markiert Präsenz, auch wirtschaftlich – in seinem Schlepptau reist ein ganzes Bataillon Geschäftsleute.

Die Türken sehen im Umbruch und im immensen Nachholbedarf der jungen arabischen Gesellschaften in erster Linie eine Chance. Nichts verdeutlicht dies besser als Erdogans Besuch in Libyen am Donnerstag. Als erster ausländischer Regierungschef seit dem Fall von Tripolis erweist er der neuen Regierung seine Reverenz. Auch seine Provokationen sind in der Regel wohlkalkuliert. So rasselt er gegenüber Israel zwar verbal mit dem Säbel. Einen Besuch im Gaza-Streifen, mit dem er liebäugelte, sagte er jedoch ab.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Oetzi am 14.09.2011 16:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grossmaul

    Israel zu kritisieren zeigt eher auf eine Schwaeche als eine staerke. Den Juden als Suendenbock herzuhalten war schon immer das Merkmaln historischer Schwaechlinge oder Wahnsinnige. Auf dem Schlachtfeld hat Erduan sowieso nicht gegen Israel auszu machen besonders wenn Israel die halbe tuerkische Armee ausgeruestet hat. Noch ein Grossmaul aus der Region!

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  • G.M. am 14.09.2011 15:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fussstapfen von Sultan Suleyman

    Er tritt in den Fussstapfen von Sultan Suleyman. Intelligent, flexibel und sehr machtvoll. Er wird die Welt verändern...

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  • Bernhard Imboden am 14.09.2011 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Ghaddafi-Virus

    Erdogan hat sich ganz offenensichtlich den Ghaddafi-Virus eingefangen. Er sollte sich unbedingt schonen und besser auf seine Gesundheit achten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ben Nievergelt am 15.09.2011 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo: Wachstum von 8,8 Prozent

    Wir sollten in Europa nicht misstrauisch gegenüber der Türkei sein, denn dieses Land ist die einzige Brücke zu den Arabischen Märkten welche wir drigend brauchen. Jahrelang haben wir Europäer Arabisches und Türkisches Geld verwaltet, welches nun in die Türkei fliesst. Erdogan ist ein Genie, ein Taktiker! Leute, macht die Augen auf und lästert nicht mit der Innenpolitik anderer Länder! Bisher hatte es uns ja auch nie interessiert, wieso sollen wir uns heute gegen die Türkei stellen! Wirtschaftwunder Türkei, das ist Musik!

  • Mhemet Gül am 15.09.2011 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    Türkei nein danke!

    Die Türkei hat selbst grosse Probleme und Erdogan sollte sein Maul nicht zu gross aufreissen. 50 Prozent des türkischen BIP wird nur in Instanbul erarbeitet. Ein grosses Erdbeben in Instanbul und die Türkei ist erledigt! Türkei nein danke!

    • Tunahan Türkoglu am 07.12.2011 23:17 Report Diesen Beitrag melden

      Mehmet Gül Nein DANKE

      Nur in Istanbul??? Und was ist mit Izmit, Bursa, Sakarya Ankara, Antalya Izmir und weitere Städte? Gab es dann in griechenland oder in Spanien, Italien, Irland Belgien und ein par weitere EU Länder wurden diese Staaten dann auch vom Erdbeben heimgesucht, dass diese in so einer schwieriger Wirtschaftskrise leiden? Dein Beitrag kann man überhaupt nicht nachvollziehen.

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  • Jenny Ebner am 15.09.2011 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    Europa ist nicht Zentrum der Welt

    Erdogan und die Türkei machen alles richtig, was wir von uns Europäern nicht behaupten können. Wir sollten endlich begreifen, dass Europa nicht das Zentrum der Welt und wir nicht Herrscher der Erde sind. Wir sollten die Türkei, deren Politik und vor allem dessen Ministerpräsidenten respektieren. Seid keine Geschichtslehrer und erzählt nicht immer von den 100 jährigen Gruselgeschichten um Angst zu machen! Verhandelt mit der Türkei und profitiert von dessen Wirtschaftsleistung, sonst sind wir bald Geschichte!

    • Integrierte Ausländer am 13.10.2011 23:27 Report Diesen Beitrag melden

      Gratulation

      Danke für ihre meinung

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  • Samuel Wild am 15.09.2011 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Erdogan; ein Mann ein Wort

    Erdogan; ein Mann mit Charisma, entgegen unseren Politikern in Europa, welche alles verschleiern und nur Gutreden. Schaut euch Griechenland an; seit 10 Jahren wird uns die EU-Lüge täglich vorgetragen, dessen Politker die Bücher gefällscht haben! Die EU-Lüge wird von den Deutschen & Franzosen laut hinausgetragen und nun versuchen sie den Flächenbrand zu verhindern. Die Türkei arbeitet an ihrem Erfolg weiter! Bravo, ihr seid noch ehrliche Menschen, vor allem hat die Türkei die EU-Lüge vor uns Europäern erkannt; Erdogan, ein Mann mit Charisma & Intelligenz.

  • Ellio Magenis am 15.09.2011 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo Türkei, bravo Erdogan

    Erdogan ist ein echter Mann, der zu seinem Wort steht und sein Land vorwärtsbringt! Ein sehr guter Aussen- und Innenpolitiker. Ihr solltet mal aufhören die Türkei für Ihre Taten, welche vor über 100 Jahren begangen wurden zu verurteilen. Schaut euch mal in Europa um, Griechenland ist bankrott, Spanien, Portugal & Italien gehts nicht besser! Wir haben in Europa alles verschlafen während Erdogan gearbeitet hat! Statt uns mit Kurden, Griechen, Armien & Israel zu beschäftigen, sollten wir mehr arbeiten und innovativer sein! Israel verübt seine Gräueltaten gegen Palästina im Jahre 2011...

    • Tugba Yasar am 16.09.2011 17:18 Report Diesen Beitrag melden

      Richitg!

      Ich gebe dir völlig recht!

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