Drama vor Tunesien

05. Juni 2011 20:53; Akt: 05.06.2011 20:54 Print

Fast 30 Leichen geborgen

Im Flüchtlingsdrama vor der tunesischen Küste sind nach der Wiederaufnahme der Suche am Sonntag 26 Leichen geborgen worden. Das gab ein Polizeisprecher der Küstenstadt Sfax bekannt.

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Am ereignet sich ein weiteres Flüchtlingsdrama. Vor Tunesien kentert ein Boot mit 850 Menschen. Ein Flüchtlingsschiff mit über 500 libyschen Flüchtlingen läuft vor dem Hafen von Lampedusa auf Grund. In einer Massenpanik hatten sich viele der verzweifelten Menschen - darunter auch schwangere Frauen und kleine Kinder - ins Wasser gestürzt. Dabei sind offenbar mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. Einer der 53 Überlebenden der Flüchtlingstragödie erhält medizinische Betreuung. Die italienischen Behörden befürchten bis zu 250 Tote, nachdem ein völlig überladenes Flüchtlingsboot in einem schweren Sturm gekentert war. Auch diese schwangere Frau hat die Tragödie überlebt. Noch am frühen Morgen wurden die Überlebenden in Lampedusa von Bord des Rettungsbootes geholt. Die Hoffnung, weitere Überlebende bergen zu können, ist mittlerweile sehr gering. Ein Flüchtlingsboot ist in der Nacht vor Lampedusa in einen schweren Sturm geraten. Etwa 200 Immigranten gingen dabei über Bord. Sechs Stunden nach dem Schiffbruch waren bereits 20 Leichen geborgen. 48 Menschen konnten bis zum Morgen gerettet werden. Darunter sind auch Schwerverletzte. Nach Angaben des Hafenamtes handelt es sich höchstwahrscheinlich nicht um Tunesier, sondern um Menschen, die aus Libyen geflohen sind. Die italienische Polizei hat 98 Flüchtlinge von einem sinkenden Boot vor der Mittelmeerinsel Lampedusa geborgen. Sie wurden mit Hubschraubern nach Lampedusa in Sicherheit gebracht. Hunderte von Immigranten flüchteten aus einem süditalienischen Lager bei Taranto und versuchten, in Zügen Richtung Norden zu fahren. Es ist nicht die erste Episode dieser Art. Viele Tunesier wollen nach Frankreich. Vor der Grenze erwartet sie jedoch ein anderes Aufnahmelager. Mit einem Hungerstreik und einer Brandstiftung auf der Mole von Lampedusa hatten Flüchtlinge auf Lampedusa einen raschen Abtransport von der Insel verlangt. Doch der Transport der Migranten in andere Auffanglager gestaltet sich langsamer als angekündigt . Westwind und hoher Seegang verhinderten tagelang das Anlegen von Schiffen und erschwerten so die Verteilung der Flüchtlinge auf andere Lager. Schliesslich konnte ein Passagierschiff im Hafen der Insel anlegen, wie italienische Medien berichteten. Mit dem Schiff sollten im Laufe des Tages circa 1700 Immigranten Lampedusa verlassen. Dies sei etwa die Hälfte der noch auf der Insel ausharrenden Tunesier. Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi hatte versprochen, das überfüllte Eiland werde innert 48 Stunden frei von Flüchtlingen sein. Im Rahmen seines Kurzbesuches nutzte der Cavaliere auch die Chance, die zweistöckige Villa mit Meerblick zu besichtigen, die er dieser Tage erworben hat. «Villa Zwei Palmen» heisst das neue Berlusconi-Haus mit Garten direkt am Meer, das im Internet für einen Kaufpreis von 1,9 Millionen Franken angeboten wurde. Die weisse Villa mit grossen Palmen im Garten liegt nicht weit vom Flughafen der Insel entfernt. Italienische Medien beschreiben die Situation unter den noch verbleibenden Flüchtlingen auf Lampedusa als «zunehmend unerträglicher». Im Hafen der Insel wurde die Registrierung der Flüchtlinge fortgesetzt. In langen Schlangen warteten sie darauf, fotografiert zu werden und Fingerabdrücke abzugeben. Seit Wochen herrschen unhaltbare Bedingungen auf der kleinen Insel, die mehrheitlich von der Fischerei und dem Tourismus lebt. An den Strassen häufen sich Abfallberge, die nun den Namen «Hügel der Schande» bekommen haben. In den Strassen ist der Geruch unerträglich. Die Migranten leben in behelfsmässig eingerichteten Zeltlagern, viele schlafen seit Wochen im Freien und haben nicht ausreichend zu essen. Italiens Aussenminister Franco Frattini verlangte unterdessen, dass auch andere EU-Länder einen Teil der Flüchtlinge aus Nordafrika aufnähmen. «Es ist bemerkenswert, wie wenig Solidarität die europäischen Länder zeigen», erklärte er. Amnesty International kritisiert den Umgang mit den Flüchtlingen: Sie seien unter «entsetzlichen» Bedingungen sich selbst überlassen worden, erklärte die Menschenrechtsgruppe. Doch auch seitens der Inseleinwohner war Kritik laut geworden: «Die Tunesier haben die Insel besetzt und damit begonnen, die Menschen in ihren Häuser zu bedrohen», sagte der Gouverneur der Region Sizilien, Raffaele Lombardo. Sie forderten wiederholt Hilfe aus Rom an.

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Damit erhöht sich die Zahl der geborgenen Toten einschliesslich der bereits am Donnerstag aus dem Wasser geholten zwei Leichen auf 28. Die tunesischen Behörden hatten von 200 bis 270 Vermissten gesprochen, nachdem am Dienstag ein Flüchtlingsboot mit 850 Menschen an Bord nach einer Motorpanne vor den Kerkenna-Inseln gekentert war. 583 Passagiere waren gerettet worden.

Die Bergungsaktion war am frühen Donnerstag wegen schlechtem Wetter zwei Tage ausgesetzt worden. Am Sonntagabend mussten die Arbeiten erneut eingestellt werden.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf hatte unter Berufung auf die tunesische Hilfsorganisation Roter Halbmond zunächst von 150 geborgenen Leichen berichtetet. Ein Militärsprecher in Tunis dementierte die Angaben aber später.

Traurige Statistik

Der Rote Halbmond stand für eine Klärung des Sachverhalts bis Sonntag nicht zur Verfügung. Das Boot hatte die grossteils aus Schwarzafrika stammenden Flüchtlinge von Libyen zur italienischen Insel Lampedusa bringen sollen.

Die toten und noch vermissten, vermutlich ertrunkenen Flüchtlinge reihen sich in eine traurige Statistik ein. Seit Beginn der Aufstände in Nordafrika verschwanden rund 1650 Menschen auf ihrer Flucht vor Armut und Krieg in den Fluten des Mittelmeers. Die Zahl übersteigt den bisherigen Rekord von 2008.

Damals ertranken bei der letzten grossen Flüchtlingswelle im Laufe des Jahres offiziell 1274 Menschen in der Strasse von Sizilien. Seit Januar wählten 42 000 Immigranten die als extrem gefährlich geltende Route, um Italien und damit Europa zu erreichen. Oft sind die Boote wenig seetauglich, fast immer überladen. Viele Afrikaner können zudem nicht schwimmen.

(sda)