Ägypten

13. Februar 2011 10:26; Akt: 13.02.2011 10:37 Print

Sinneswandel der ägyptischen Medien

von Maggie Hyde, AP - Die staatlichen Medien in Ägypten schlagen ganz neue Töne an. Waren sie bislang das ergebene Sprachrohr von Hosni Mubarak, feiern sie nun den Sturz des langjährigen Präsidenten.

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19. März: Die Bürgerinnen und Bürger Ägyptens stimmen über Verfassungsänderungen ab, die Parlaments- und Präsidentenwahlen ermöglichen sollen. Die Abstimmung stösst nicht bei allen auf Zustimmung: Ein Jugendlicher protestiert dagegen auf dem Tahrir-Platz, 18. März 2011. 15. Februar: Ein Kommitee wird mit der Erarbeitung der neuen Verfassung beauftragt. Sie soll den Weg für Wahlen frei machen. 14. Februar 2011: Ein Vertreter des Obersten Militärrats ruft die Ägypter dazu auf, die Arbeit wieder aufzunehmen und zum Alltag zurückzukehren. 12. Februar 2011: Am Tag nach dem Rücktritt von Hosni Mubarak feiern die Demonstranten ihren Sieg. Auf den Strassen Kairos zelebrieren die Menschen die neue Ära. Demonstranten räumen den Tahrir-Platz in Kairo, wo sie während 18 Tagen für mehr Demokratie gekämpft hatten. An einem Stein legen die Demonstranten Blumen nieder – in Erinnerung an den Sieg der Strasse. Grenzenloser Jubel am 11. Februar 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Die Demonstranten feiern Mubaraks Rücktritt nach zweieinhalb Wochen langen Protesten in Ägypten. Menschen brechen in Tränen aus. Wildfremde Menschen umarmen sich auf der Strasse in Kairo. Hupkonzerte auf den Strassen Kairos. Der Aufstand hat Wirkung gezeigt: Der verhasste Tyrann ist weg. Ein Kind küsst einen Soldaten: Offiziell hat jetzt ... ... die Armee die Macht über das Land. Tahrir-Platz am 11. Februar: Ein historischer Tag für Ägypten. Die Ägypter und Ägypterinnen im Freudentaumel. Auf dem zentralen Tahrir-Platz, seit Beginn der Proteste am 25. Januar das Herz des Volksaufstands, tanzten und hüpften hunderttausende Regimegegner unter ägyptischen Fahnen, wie Augenzeugen berichteten. Ausserhalb des Präsidentenpalasts in Kairo. Die Ägypter lassen ihrer freude freien Lauf.

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Sie sagten zu, sich künftig stärker um die einfachen Leute zu kümmern. Das staatliche Fernsehen versprach sogar, ehrlicher in der Berichterstattung zu werden.

Während der 18-tägigen Proteste in Ägypten, die schliesslich zum Rücktritt Mubaraks führten, hatten regierungstreue Zeitungen und das staatliche Fernsehen die Demonstranten stets als eine kleine Minderheit von Unruhestiftern dargestellt.

Verträumte Aufnahmen vom Nil

In den Strassen von Kairo herrschte der Ausnahmezustand, doch der Sender Al Nil TV zeigte verträumte Aufnahmen des Nils.

Am Samstag, einen Tag nach Mubaraks Amtsverzicht, schwenkten die Medien plötzlich um. «Das Volk hat das Regime gestürzt», meldete die führende Tageszeitung «Al Ahram». Ein Reporter des staatlichen Fernsehens berichtete über eine Siegesfeier der Demonstranten vor dem Präsidentenpalast in Kairo.

«In diesem Moment atmen die Ägypter die Freiheit», kommentierte er die ausgelassene Stimmung. «Die Haie des alten Regimes haben Ägypten ausbluten lassen», hiess es in einem Leitartikel der staatlichen Tageszeitung «Al Gomhuria».

Bedeutungsverlust der staatlichen Medien

Der Oberste Rat der Streitkräfte, der nach Mubaraks Rücktritt die Macht übernommen hat, nutzt die vom Staat finanzierten Medien nun zwar selbst, um sich an die Öffentlichkeit zu wenden.

Der unabhängige Verleger Hischam Kassam glaubt jedoch, dass die staatlichen Medien an Bedeutung verlieren könnten, wenn die neue Regierung die Mittel streiche. «Es ist ein langsamer Niedergang, es kann länger als ein Jahr dauern», sagte er. «Aber es ist vorbei.»

Während der Proteste hatte die aufgebrachte Menge regierungstreue Medien zum Teil angegriffen. Zu den grössten und gewaltsamsten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei kam es vor dem Informationsministerium, wo auch das staatliche Fernsehen seinen Sitz hat. Viele warfen Informationsminister Anas al Fikki vor, er organisiere eine Medienkampagne gegen die Proteste.

Die Macht von Al Jazeera

Wenige Stunden vor Mubaraks Rücktritt am Freitag skandierten vor dem Ministerium Tausende: «Die Lügner sind hier - wo ist Al Jazeera?» Der Nachrichtensender aus dem Golf-Emirat Katar war von der ägyptischen Regierung immer wieder für seine wohlwollende Berichterstattung über die Proteste kritisiert worden.

Viele gehen davon aus, dass die Live-Bilder von den Demonstrationen auf Al Jazeera zum Erfolg der Revolte beigetragen haben.

Journalisten begehrten auf

Aber auch innerhalb der Medien wurden während der Proteste Stimmen laut, die einen unabhängigen Journalismus forderten. Am Donnerstag forderten Mitarbeiter der Zeitung «Al Ahram» die Entlassung des Chefredaktors wegen der negativen Berichterstattung über die Protestbewegung. Ausserdem plädierten sie für eine Entschuldigung für die «sehr unmoralische Berichterstattung».

Wann der Sinneswandel genau einsetzte, ist unklar, doch die Konsequenzen sind kaum zu übersehen. Am Samstag veröffentlichte das staatliche Fernsehen über die Nachrichtenagentur MENA eine Stellungnahme, in der es «dem ägyptischen Volk für die grossartige Revolution, geführt von den Besten der ägyptischen Jugend» gratulierte.

«Das ägyptische Fernsehen wird ehrlich in der Verbreitung seiner Botschaft sein», versprach die Rundfunkanstalt. «Das ägyptische Fernsehen gehört dem ägyptischen Volk und wird ihm zu Diensten sein.»