Schweizer in Kairo

01. Februar 2011 18:54; Akt: 01.02.2011 18:55 Print

«Wir bastelten Molotov-Cocktails»

von Joel Bedetti - Alteingesessene Schweizer in Kairo denken nicht an die Flucht. Sie erzählen 20 Minuten Online, wie sie den Unruhen trotzen.

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Schweizer beim Fondue-Plausch im Swiss Club Cairo. (Bild: 20 Minuten/ZVG)

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Während Schweizer Firmen ihre Leute im brodelnden Ägypten abziehen harren alteingesessene Schweizer in Kairo aus. «Ich fühle mich sehr sicher», sagt Helga Waldner, pensionierte Schuldirektorin. Seit 25 Jahren lebt die Thurgauerin in Kairo und ist im Vorstand des Swiss Club Cairo. Sie schaut zu Hause Al-Jazeera. Die Auswirkungen der Unruhen spürt aber auch sie. «Die Nachbarn sind mit Knüppeln patrouilliert und haben jeden Fremden weggeschickt.»

Auch Einkaufen ist schwierig geworden. «Gestern stand ein Panzer vor dem Supermarkt», erzählt Walder. Wie alle Schweizer habe sie aber Vorräte angelegt. «Sorgen macht uns nur, dass das Gas und der Strom ausfallen könnten.» Obwohl sie das Volk verstehe, demonstriere sie nicht mit. «Es ist die Revolution der Ägypter, nicht unsere. Wir sind eine privilegierte Schicht und haben Mubaraks Diktatur nie gespürt.»

Vernünftige Diskussionen

Christina Abla hingegen ist nahe dem Tahrir-Platz, als 20 Minuten Online sie am Vormittag anruft (zeitweise funktioniert das Mobilfunknetz). «Ich beobachte gespannt, was sich ereignet», sagt die Schweizerin, die im Stadtzentrum wohnt und im Schweizerklub als Kindergärtnerin arbeitet. Sie habe einige Landsleute auf dem Platz selbst gesehen.

Angst habe sie keine, beteuert Abla, die seit 26 Jahren in Kairo lebt und mit dem ägyptischen Künstler Mohammed Abla verheiratet ist. «Die Stimmung ist friedlich, die Leute, auch die Jungen, diskutieren vernünftig.» Als jedoch ein Polizeiauto vorbeigefahren sei, habe sich die Wut des Volkes gezeigt. «Das Auto zog sich so schnell zurück, dass es noch ein privates Fahrzeug demolierte.»

Raclette-Abende

Wie Abla und Walder sei der Grossteil der Auslandsschweizer in Kairo geblieben, sagt Botschafter Dominik Furgler zu 20 Minuten Online. «Die meisten leben seit Jahrzehnten hier, sprechen die Sprache und sind mit Ägyptern verheiratet», so Furgler. In der Botschaft sind 1600 Schweizer immatrikuliert. 1000 leben im Raum Kairo, der Rest in Alexandria.

Organisiert sind die Auslandsschweizer im Swiss Club Cairo. Hier treffen sich die Frauen zum monatlichem Lady’s Breakfast, es gibt regelmässig Fondue und Raclette-Abende und Bauchtanzlektionen. Der Swiss Club soll auch als Schutzhafen dienen sollen für Schweizer, die sich in ihren Wohnungen nicht sicher fühlen. Das Angebot scheint zurzeit nicht benutzt zu werden. «Es ist niemand da», sagt der ägyptische Geschäftsführer des Clubs auf Anfrage.

Molotov-Cocktails

Weg ist auch Klubbpräsidentin, Daniela Rüttimann. Sie ist mit ihren Kindern, in die Schweiz gereist. «So lange die Schule geschlossen ist, kehren wir nicht zurück», so Rüttimann, deren ägyptischer Gatte zurückgeblieben ist.

Sie fühlte sich nicht mehr sicher, sagt sie. «Am Freitag hatte im Angst um mein Leben, als die Plünderungen begannen» Um sich zu schützen, bastelten sie aus Alkohol und Benzin Molotov-Cocktails. Die Anleitung dazu hatten die Kinder in der deutschen Schule bekommen. «Sie haben in Chemie so ein Projekt gehabt», erzählt Rüttimann.

Mitfiebern

Auch Schweizer Freunde und ägyptische Nachbarn hätten sie im Bau der Sprengsätze instruiert. «Der Zusammenhalt in der Bevölkerung ist riesig», sagt Daniela Rüttimann. Trotz der Flucht hat Rüttimann keine Angst vor einer Islamisierung Ägyptens. Sie fiebere gar mit dem Volk mit. «Ich bin extrem stolz auf die Ägypter. Niemand hat ihnen die Revolte zugetraut.»