Aufruhr in der arabischen Welt

04. Februar 2011 22:57; Akt: 04.02.2011 22:58 Print

Kleines Katar ganz gross

von Brian Murphy, AP - Als die Protestbewegung im arabischen Raum um sich griff, rief der umstrittene jemenitische Staatschef Ali Abdullah Saleh in Katar an und bat den Herrscher des kleinen Emirats um Hilfe. Viel höher geht es nicht in der arabischen Hackordnung.

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Als Mäzen des Nachrichtensenders Al Dschasira beweist die superreiche Monarchie Katar wieder einmal ihren unverhältnismässig grossen Einfluss: Al Dschasiras umfassende Berichterstattung über die Unruhen in Ägypten und anderswo wird von Kritikern als Ermutigung zum Aufstand kritisiert, von vielen anderen aber als Stimme arabischen Selbstverständnisses gefeiert. Katar ist solche Aufmerksamkeit schon gewöhnt. Binnen einer Generation ist aus dem unscheinbaren Sandfleck am Persischen Golf einer der selbstbewusstesten Akteure in einer Region der ganz grossen Egos geworden.

Erst im Dezember verblüffte das 1,7 Millionen Einwohner zählende Land die Weltöffentlichkeit, als es den Zuschlag für die Fussball-WM 2022 erhielt. Katar ermöglichte Israel seinen ersten Aussenposten am Golf, erlaubte den USA einen ihrer grössten Luftstützpunkte auf der arabischen Halbinsel und fungierte in Libanon wie im Sudan als Friedensstifter. Mit seinen Öl- und Gasmilliarden kauft es sich weltweit in Unternehmen ein, bei Hochtief, VW und Porsche wie beim Londoner Kaufhaus Harrods oder in Hollywood. «Man kann nicht sagen, dass sich Katar mit seinen Ambitionen zurückhält», meint Abdulchalek Abdulla, Professor für Nahostpolitik an der Universität der Emirate.

Gründer von Al Dschasira

Das zeigt sich nach arabischem Verständnis vielleicht nirgendwo mehr als an Al Dschasira. 1996 von den Herrschern von Katar gegründet und am Vorbild von CNN und anderen internationalen Nachrichtensendern orientiert, erreicht Al Dschasira - auch in englischer Sprache - nach eigenen Angaben 220 Millionen Haushalte in über 100 Ländern. Dabei legte es sich mit etlichen arabischen Staaten an, die freie Medien nicht gewohnt sind. Vorige Woche rief Präsident Saleh aus Jemen bei Emir Scheich Hamad bin Chalifa al Thani an, wie die amtliche jemenitische Nachrichtenagentur Saba berichtete: demnach bezeichnete er Al Dschasira als «Feind der Araber» und ersuchte ihn, den Sender an die Kandare zu nehmen.

Unter den Journalisten, die bei den Zusammenstössen in Kairo angegriffen wurden, waren nach Angaben von Al Dschasira auch zwei Korrespondenten des Senders. Sein Studio wurde vorige Woche von den Behörden geschlossen, doch gelang es dem Sender, mit Hilfe fest auf Dächern installierter Kameras und telefonisch übermittelter Berichte seine Berichterstattung fortzusetzen. Al Dschasira hat seine Berichterstattung stets als ausgewogen verteidigt und lässt - eine Seltenheit bei arabischen Anstalten - auch kritische Stimmen zu Wort kommen. Es gibt ausführliche Interviews mit israelischen Politikern, auf der Website sind auch israelfreundliche Kommentare erlaubt.

«Zuständig für alle Unruhe in der Region»

Weder der Emir noch ranghohe Vertreter haben zur Arbeit von Al Dschasira Stellung genommen - kein Wunder, ist es doch definitiv nicht Stil der Führung, sich in heikle öffentliche Debatten einzumischen. Nach Meinung mancher neigt Katar den Protestbewegungen in der Region zu, doch es zählt zu den autokratischsten Staaten am Golf; alle Fäden der Macht laufen in den Händen der Herrscherfamilie zusammen. Politisch bewegt sich Katar in einem breiten Spektrum. Es pflegt enge Beziehungen um Iran und militanten Gruppen wie der Hamas, lässt aber den US-Stützpunkt zu. Arabischen Hardlinern zum Trotz erlaubte es Israel 1996, ein Handelsbüro zu eröffnen, liess es aber nach dem israelischen Einmarsch im Gazastreifen im Januar 2009 wieder schliessen.

Der zunehmende Einfluss Katars schien unterdessen Ägypten zu verärgern, dass einen Rivalen um seine traditionelle Rolle als Feuerwehrmann der Region heranwachsen sah. Vor zwei Jahren blieb Präsident Hosni Mubarak einem Gipfeltreffen der Arabischen Liga in Katars Hauptstadt Doha fern, was allgemein als persönliche Brüskierung des Emirs betrachtet wurde. Dann boykottierten Ägypten und Saudi-Arabien eine von Katar geleitete Gaza-Hilfskonferenz, weil der Hamas-Chefideologe Chaled Maschaal und der iranische Staatschef Mahmud Achmadinedschad teilnahmen. Als Vermittler wurde Katar unter anderem 2008 im Libanon und derzeit zwischen Gruppen aus Darfur tätig. «Katar scheint die Zuständigkeit für alle Unruhe in der Region für sich reklamieren zu wollen, wohlwissend, dass sie eines Tages an die eigene Tür klopfen kann», meint der Golf-Experte Christopher Davidson.

Am Dienstag, so meldete die katarische Nachrichtenagentur, griff der Emir selbst zum Telefon: Er wollte mit dem syrischen Präsidenten Baschar Assad die «Entwicklungen in der Region» erörtern. Könnte das etwas damit zu tun gehabt haben, dass Oppositionsgruppen in Syrien sich zu Protesten anschicken?