Mubarak tritt zurück

10. Februar 2011 22:30; Akt: 11.02.2011 17:14 Print

«Die Geschichte wird über mich urteilen»

von Christopher Torchia, AP - Jetzt also doch: Präsident Hosni Mubarak hat die Forderung der Demonstranten nach sofortigem Rücktritt erfüllt. 30 Jahre hielt er sich an der Macht.

Bildstrecke im Grossformat »
Während 30 Jahren hat Hosni Mubarak ein autoritäres Regime in Ägypten angeführt. Am 11. Februar 2011 trat er angesichts der Massenproteste gegen sein Regime im Zuge des Arabischen Frühlings zurück. Am 2. Juni 2012 ist der Ex-Präsident, der gesundheitlich angeschlagen ist, wegen seiner Rolle bei der blutigen Niederschlagung der Proteste zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Am 29. November 2014 wurde er in einem Berufungsprozess freigesprochen. Mubarak (links) (rechts), der am 6. Oktober 1981 ermordet wurde. Das Bild zeigt die beiden kurz vor dem tödlichen Anschlag. Am 14. Oktober 1981 wurde Hosni Mubarak im ägyptischen Parlament in Kairo Mubarak war ein der USA (Präsident Bill Clinton im Zentrum) und Israels (Jitzhak Rabin, links) für den Frieden im Nahen Osten. Mubarak (rechts) schüttelt die Hand von Palästinenserführer Yassir Arafat nach der Unterzeichnung eines Abkommens im Weissen Haus in Washington, 28. September 1995. Gleichzeitig reparierte er die nach dem Camp-David-Friedensvertrag schwer gestörten hier bei einem Treffen mit dem libyschen Revolutionsführer Muammar al Gaddafi im Oktober 1989. Treffen mit dem irakischen Diktator Mubarak hat viele gesehen. Im Bild mit Ronald Reagan beim Weissen Haus am 4. Februar 1982. Mubarak zu Besuch bei George H. W. Bush am 4. April 1989. US-Präsident George W. Bush zu Besuch bei Mubarak in Scharm el Scheich am 3. Juni 2003. Treffen mit Barack Obama am 1. September 2010. Mubarak mit Ehefrau Suzanne und den Söhnen Gamal (r.) und Alaa sowie dessen Ehefrau Heidi al Sakher. Besonders verhasst ist Gamal Mubarak, den der Präsident angeblich als Nachfolger installieren wollte.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Noch am Donnerstagabend herrschten Wut und Verzweiflung auf dem Tahrir-Platz in Kairo: In einer Fernsehansprache zeigte sich Hosni Mubarak unbeirrt, einen Rücktritt lehnte er weiterhin ab. Keine 24 Stunden später war es dennoch soweit: Vizepräsident Omar Suleiman verkündete am Staatsfernsehen den sofortigen Rücktritt des Präsidenten. Eine Ära ist damit zu Ende.

Im Lauf seiner Amtszeit hat der ehemalige Kampfpilot und Luftwaffenchef, der so kampfeslustig wie stur sein kann, zaghafte Schritte hin zu demokratischen Reformen unternommen. Doch dann zog er sich wieder auf das autoritäre System zurück, das gepaart mit Armut und Korruption die Menschen jetzt auf die Strasse trieb. Und dass er offenbar seinen Sohn Gamal als Nachfolger heranzog, nahm vielen Ägyptern jede Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte.

In seinen frühen Jahren als Präsident war Mubarak durchaus willkommen. Er erntete Lob dafür, dass er Ägypten nicht in die Hände islamistischer Extremisten fallen liess, und war in all den Krisen im Nahem Osten ein treuer Verbündeter des Westens. Sein ernsthaftes, vorsichtiges Image gab vielen Ägyptern Sicherheit - auch manchen von denen, die in den vergangenen Tagen auf der Strasse nach seinem Sturz riefen. Selbst während der blutigen Unruhen und Plünderungen versuchte Mubarak, sich und die Streitkräfte unter seinem Kommando als das einzige Bollwerk gegen die pure Anarchie darzustellen.

Immer im Schatten von Sadat und Nasser

Seine politische Glaubwürdigkeit schien dennoch irreparabel beschädigt. Diese Angreifbarkeit hat, zumindest rückblickend, schon vor Jahrzehnten begonnen. Mubarak hat nicht das Charisma seiner zwei legendären Vorgänger - des Friedensstifters Anwar al Sadat und des Nationalisten Nasser - und stand immer in deren Schatten. Zudem musste er sich ständig mit den Problemen herumschlagen, mit denen sich die ganze arabische Welt in neuerer Zeit plagt: wirtschaftliche Stagnation, blühende Korruption, der palästinensisch-israelische Konflikt und die Bekämpfung des radikalen Islamismus auf Kosten bürgerlicher Freiheiten.

Im Lauf der Jahre wurde Mubarak auch unnahbarer, sein Auftritt in der Öffentlichkeit sorgfältig inszeniert; sein autoritärer Stil passte immer weniger in die neue, nach Offenheit strebende Zeit. Der Unmut über sein Regime wuchs vor allem in den letzten Jahren, als neue Pressefreiheiten brutales Vorgehen der Polizei aufdeckten und von einer Reihe von Wirtschaftsreformen nur die Wenigsten etwas hatten.

«Nichts als Ärger»

2005 versuchte Mubarak es mit demokratischen Reformen und liess Gegenkandidaten zur Präsidentschaftswahl zu, machte aber, als die Opposition Erfolge hatte, eine radikale Kehrtwende und liess seinen Gegenspieler Ayman Nour und führende Vertreter der Muslimbruderschaft ins Gefängnis werfen. Auch der rasche Aufstieg seines Sohns Gamal in der Regierungspartei weckte Befürchtungen.

Zudem nahm der Einfluss Ägyptens in der Region ab, während die militanten Organisationen Hamas und Hisbollah und ihre Schutzmacht Iran an Boden gewannen. Trotz alledem blieb Mubarak ein enger Verbündeter der USA, gewann das Vertrauen Israels, profilierte sich als wichtiger Vermittler im Konflikt mit den Palästinensern und wurde dafür von den USA mit Milliarden unterstützt. «Es ist ein sehr harter Job», sagte Mubarak einmal in einem Interview. «Vom Aufwachen bis zum Einschlafen nichts als Ärger.»

Immer weniger Hoffnung auf Reformen

Geboren wurde Mohammed Hosni Mubarak am 4. Mai 1928 in dem Dorf Kafr el Moseilha in der Provinz Menoufia im Nildelta als Sohn einer kleinbürgerlichen Familie. Er absolvierte die Militärakademie, wurde zum Studium nach Russland delegiert, ging als Kampfpilot zur Luftwaffe und stieg rasch in Führungspositionen auf. Als Luftwaffenkommandeur kam er im Nahostkrieg 1973 zu Ruhm und Ehre.

Als Sadat 1981 ermordet wurde, war Mubarak sein Vizepräsident. Er wurde vom Parlament als einziger Nachfolgekandidat gekürt und am 13. Oktober 1981 mit 98,5 Prozent der Stimmen ins höchste Staatsamt gewählt. Er griff gegen die militanten Islamisten durch, führte Ägypten zurück in die Gemeinschaft der arabischen Staaten, die das Land wegen seines Friedensschlusses mit Israel 1979 geschnitten hatten, und versprach eine gesellschaftliche Öffnung. Die Hoffnung auf Reformen schwand jedoch mit jedem Mal, da Mubarak ohne Gegenkandidat mit über 90 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde.

Noch Anfang vergangener Woche hatte er einen sofortigen Rücktritt abgelehnt und betont, er werde auch nicht ins Exil geben. «Dies ist mein teures Heimatland», sagte der 82-Jährige. «Auf seinem Boden will ich sterben. Die Geschichte wird über mich und uns alle urteilen.»