Selbstzensur

10. Februar 2011 12:39; Akt: 11.02.2011 13:11 Print

Ägyptische Medien streifen Maulkorb ab

von Kian Ramezani - Tauwetter in den staatlichen Medien Ägyptens: Immer mehr Journalisten rebellieren gegen den Zwang, regimetreu über die Proteste in ihrem Land zu berichten.

«Ich stehe auf der Seite der Menschen, nicht des Regimes», kommentierte Schahira Amin gegenüber BBC ihren Abgang bei Nile TV. (Video: BBC)
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In den vergangenen Tagen ist es in Ägpyten zu einem zweiten Aufstand gekommen, abseits des Tahrir-Platzes, aber möglicherweise mit ebenso weitreichenden Konsequenzen: Staatlich kontrollierte Medien haben begonnen, neutral über die Proteste zu berichten und die Regierung manchmal in ein unvorteilhaftes Licht zu rücken. Ob das ein Zeichen für den schleichenden Kontrollverlust der Regierung ist oder eine bewusste Lockerung der Behörden darstellt, ist unklar. Doch die Veränderung ist unübersehbar.

Das staatliche Fernsehen und Zeitungen wie die ehrwürdige «Al Ahram» hatten die Massenkundgebungen gegen Präsident Hosni Mubarak bisher heruntergespielt und als Nicht-Ereignisse behandelt. Als die Proteste begannen, berichtete das Staatsfernsehen über die Gärten der First Lady und strahlte Reaktionen von hysterischen Zuschauern aus, die ihre Landsleuet aufriefen, die Demonstrationen zu beenden. Die Anti-Mubarak-Demonstranten verunglimpfte es als «destabilisierende Kräfte», die vom Ausland gelenkt würden. Nach den blutigen Zusammenstössen auf dem Tahrir-Platz vergangene Woche berichtete «Al Ahram» über Millionen von Mubarak-Anhängern in den Strassen Kairos, eine masslose Übertreibung.

Al Jazeera bricht Informationsmonopol

«In den ersten zehn Tagen waren die ägyptischen Medien eine Schande, wie wenn sie auf einem anderen Planeten leben würden», sagte Rascha Abdullah, Vorsitzende des Studiengangs für Journalismus und Massenkommunikation an der Amerikanischen Universität Kairo gegenüber der «Washington Post». Doch dann begannen sich die Journalisten zu wehren. Gegenüber der Öffentlichkeit hatten sie sich bisher der Lächerlichkeit preisgegeben, denn über Al Jazeera, Twitter und Facebook war diese sehr wohl über die Realität auf den Strassen informiert.

Bei «Al Ahram» unterzeichneten daher zahlreiche Journalisten eine Petition, in der sie ihre Frustration über die Berichterstattung der Zeitung zum Ausdruck brachten. Chefredaktor Omar Saraya, der als regierungstreu gilt, reagierte umgehend: In einer Kolumne auf der Titelseite lobte er die «edle Revolution» und forderte die Regierung auf, Verfassung und Gesetze des Landes anzupassen.

Nahchdem zwei ihrer Kollegen gekündigt hatten, verlangte eine Reporterin des staatlichen Fernsehsenders «Nile TV» ein Gespräch mit ihrem Vorgesetzten und sagte ihm, dass sie es nicht länger ertrage, zensuriert zu werden. Rim Nour weigerte sich, über Pro-Mubarak-Demonstrationen zu berichten, es sei denn, sie dürfe gleichzeitig auch die Anti-Mubarak-Demonstrationen thematisieren. Die 22-jährige Reporterin hat sich durchgesetzt: Am Montag sagte sie zum ersten Mal auf Sendung, dass Demonstranten den Rücktritt Mubaraks fordern.

Journalisten schliessen sich Demonstranten an

Eine Kollegin, die bei «Nile TV» gekündigt hat, ist die Nachrichtensprecherin Schahira Amin. Wie Millionen andere auf der Welt hatte sie das Video gesehen, in dem Polizeifahrzeuge unbewaffnete Zivilisten überfuhren. Trotzdem musste sie sich an die offiziellen Sprachregelungen der Regierung halten. «Uns wurde diktiert, was wir verwenden dürfen, nämlich Pressemitteilungen des Innenministeriums», sagte Amin. «Ich konnte nicht länger das Sprachrohr für jemanden sein, der seine eigenen Leute abschlachtet.»

Seit ihrer Kündigung verbringt sie jeden Tag auf der Strasse und demonstriert gegen die Regierung. Ihr ist bewusst, dass sich die Berichterstattung verändert hat: «Das könnte der Beginn einer liberalen Medienlandschaft in Ägypten sein. Ich hoffe, es sind nicht nur kosmetische Veränderungen.»

Rascha Abdullah von der Amerikanischen Universität Kairo bezweifelt allerdings, dass der Aufstand der Journalisten der einzige Grund für die ausgewogenere Berichterstattung ist. «Im Staatsfernsehen passiert nichts, weil es die Journalisten so wollen. Alle warten auf Befehle von oben.»