Arabischer Frühling

21. Dezember 2011 23:48; Akt: 22.12.2011 08:27 Print

«Frau im blauen BH» als Symbol des Widerstands

von Marie-Louise Gumuchian, Reuters - Die Welt atmete auf, als in Nordafrika ein Regime nach dem anderen fiel. Die Kehrseite der Medaille: Frauen droht der Verlust ihrer Rechte. Doch sie wehren sich.

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Das Bild, das um die Welt ging: Ägyptische Sicherheitskräfte prügeln auf eine Demonstrantin mit blauem BH ein. (Bild: Reuters/Stringer)

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Sie ist das Symbol für das überharte Vorgehen der Mächtigen: Die «Frau im blauen BH», wie sie seit dem Wochenende genannt wird. Damals wurde sie von Sicherheitskräften vom Tahrir-Platz in Kairo brutal zusammengeschlagen. Die Bilder gingen um die Welt.

Dieses brutale Vorgehen ägyptischer Sicherheitskräfte gegen Demonstrantinnen, die Wahlerfolge islamistischer Parteien in Ägypten und Tunesien oder Politiker-Ankündigungen, die Einschränkungen der Polygamie-Gesetze zu lockern, haben deutlich gemacht: In den Ländern des «Arabischen Frühlings» sind die Frauenrechte in Gefahr. Doch die Frauen zeigen sich kampfbereit gegen die Einführung strikter islamischer Regeln: «Wir werden das nicht hinnehmen, sondern auf die Strasse gehen und Krach schlagen», verkündet die ägyptische Postangestellte Samah Ahmed.

Ähnliche Töne schlagen auch junge Frauen in Libyen an: «Was Männer tun, will ich auch tun können», gibt sich die 23-jährige Sarah Burruin selbstbewusst, die das «Männerfach» Ingenieurwissenschaften studiert. In ihrem Heimatland hatte der Chef des Übergangsrats, Mustafa Abdel Dschalil, mit der Erklärung für Aufregung gesorgt, Männern das Eingehen von Vielehen zu erleichtern. Dschalil versicherte später jedoch, er wolle Libyen keinesfalls ein radikales islamisches Recht überstülpen.

«Die Gefahr lauert überall»

«Wahrscheinlich wird islamisches Recht bei den Frauenrechten greifen. Sie haben bereits die Lockerung der Polygamie-Regeln angekündigt, und wer weiss, wo das enden wird», warnt die Politik-Dozentin Laleh Khalil von der Universität London.

In Tunesien, dem Ursprungsland des «Arabischen Frühlings», treibt der Wahlsieg der islamistischen Ennahda-Parteien weltlich eingestellte Frauen um. «Ich habe mir um die Freiheit von Frauen noch nie so viel Sorgen gemacht wie heute», bekennt die Anwältin Saida Garrach. «Die Gefahr lauert überall – was Frauen anziehen, was sie denken. Wenn Du nicht für sie (die Islamisten) bist, werden sie Dich beleidigen und drangsalieren.» Sie selbst sei wegen ihrer Äusserungen auf der Strasse angepöbelt worden.

Die Ennahda hat zwar versichert, die Frauenrechte zu respektieren, doch die Betroffenen trauen dem Braten nicht. «Jetzt kann Ennahda niemandem drohen, weil das kontraproduktiv wäre. Aber sie könnten es später tun. Das könnte unsere Art zu leben in Gefahr bringen», befürchtet die Versicherungsangestellte Houda Ben Zid.

Kein Zuckerschlecken

Auch in Ägypten liegen die islamistische Muslim-Bruderschaft und die erzkonservativen Salafisten nach den beiden ersten Durchgängen der Wahl in Führung. Beide streben zwar nach einer stärkeren Islamisierung des öffentlichen Lebens, haben aber zugleich versichert, niemandem die religiösen Regeln aufdrängen zu wollen.

Feministinnen verweisen darauf, dass für ägyptische Frauen das Leben alles andere als ein Zuckerschlecken ist: Häusliche Gewalt sei ebenso an der Tagesordnung wie Mobbing und Diskriminierung im Arbeitsleben und im Gesetz.

Und auf dem Land seien Zwangsverheiratungen junger Mädchen noch immer die Regel. Frauenrechtlerinnen rufen zum Schulterschluss auf, zumal das grösste Einheits-Hindernis aus dem Weg geräumt sei: Suzanne Mubarak.

«Ägypterinnen sind stark»

Die frühere First Lady Ägyptens sei während der langen Herrschaft ihres Mannes Hosni Mubarak treibende Kraft bei der Förderung von Frauenrechten gewesen, sagt Expertin Negad Borie. «Ich fürchte, dass neue Parlament wird diese Gesetze aufheben, um sich im Volk beliebt zu machen.»

Doch aus Sicht von Beobachtern ist die ägyptische Gesellschaft nicht so konservativ wie etwa die libysche. Und das soll der Sache der Frauen helfen: «Ägypterinnen sind stark. Wir sind nicht in Libyen. Wenn die Islamisten schärfere Frauengesetze durchsetzen wollen, wird die ägyptische Gesellschaft das nicht hinnehmen», zeigt sich die Postangestellte Ahmed kämpferisch.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rita Roth am 22.12.2011 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    ja ja... der Frühling

    Die Islamisierung schreitet voran und bald schwappt sie über den Teich. Die Vorboten sind bereits hier. Verschliesst nur schön weiter die Augen und nennt jene die es ansprechen Xenophobe. So macht ihr euch mitschuldig. Wo sind jetzt jene Bessermenschen, welche diesen sogenannten "Frühling" so hoch gejubelt haben. Diese Revolutionen dienten nur dem Zweck die Islamisierung voranzutreiben. Ueberall gewinnen die Islamisten überhand. Aber hier belächelt man es noch immer und lässt sie zu tausenden rein. Bis es hier auch losgeht. Ist eigentlich Islamisierung ein Menschenrecht ?

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  • Dan Schule am 22.12.2011 00:39 Report Diesen Beitrag melden

    Arme junge Frau

    Traurig, aber wir sind daran schuld... So lange wir nachgiebig bleiben, nur an Weihnachtsgeschenke denken, und morgen das selbe sich repetiert und es einfach an uns vorbei geht, so lange werden unschuldige Menschen für uns Leiden.

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  • Lena am 22.12.2011 07:34 Report Diesen Beitrag melden

    Gut so.

    Gut so, wehrt euch liebe Frauen gegen die Unterdrückung. Wird Zeit dass diese Steinzeitländer endlich aufwachen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tinu am 23.12.2011 23:58 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach mal so

    Also bei uns, da demonstrieren ja auch viele! Sei es in Zürich, wo sie Plätze besetzen oder in Davos am WEF, wo sie den halben Bahnhof demolieren. Ich habe da nicht so Mitleid, wenn die Polizei hart durchgreift, denn meistens gehen sie ja nicht freiwillig nach einer Bitte oder einer Aufforderung und dann kommt halt Gewalt ins Spiel. Die Polizei oder das Militär muss ja für Ordnung sorgen. Aber dass auf Demonstranten eingetreten wird, wenn sie am Boden liegen finde ich auch nicht in Ordnung.(Ausser sie kicken einem vorher zwischen die Beine!)

  • Günter Bruttel am 23.12.2011 15:07 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Figur und Schuhe lassen den Schluss zu, dass es auch eine Frau gewesen sein könnte, die den Fusstritt verübt....

    • Eben Auchso am 24.12.2011 07:13 Report Diesen Beitrag melden

      na und?

      na und? ändert das etwas am Vorgehen? es gibt auch Frauen die solches tun - ist auch nichts neues dass Frauen sogar extremer agieren können. Frauen müssen nicht besonders behandelt werden - sei wollen ja die Gleichberechtigung oder? Aber nur Rechte ohne Pflichten und Anschuldigungen gibt es nicht.

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  • Renate am 23.12.2011 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Frauen

    sagt Euren Mädchen endlich dass sie genau gleich viel Recht wie ihre Brüder haben. Sagt Ihnen dass sie gut sind, dass sie was Wert sind und dass ihr sie genau so lieb habt wie den Bruder.

  • Polly am 22.12.2011 13:10 Report Diesen Beitrag melden

    Grausam

    Nichts für ungut, aber wenn ihr euch das Video mal anschauen würdet, dann wüsstet ihr, dass die Frau noch glimpflich davon gekommen ist, andere wurden viel härter und länger verprüfgelt. Kommt aber gar nicht drauf an, das Land ist sowas von kaputt. Wie kann man nur auf wehrlose Menschen die bereits am Boden sind dermassen einprügeln?

  • tyrannisierter Mann am 22.12.2011 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    Noch nie seit Adam & Eva

    hatten Frauen soviele Rechte und Power wie heute .....! DieFrage ist nur: wo und wann hört dies auf?