«Wir waren selbst Opfer»

15. Februar 2011 13:55; Akt: 15.02.2011 14:14 Print

Die Stunde der Wendehälse

von Kian Ramezani - Nach dem Umsturz in Ägypten müssen sich die Profiteure des alten Regimes neu erfinden. Einige sind zynische Opportunisten, andere fürchten Repressalien.

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Dreissig Jahre an der Wand, dann ging es plötzlich schnell. Dieser Tage werden in Ägypten eilig Zeichen des alten Regimes beseitigt und alte Verbindungen gekappt. (Bild: Keystone/AP/APTN)

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Jede Revolution ist verschieden, folgt ihren eigenen Gesetzen und produziert andere Resultate. Allen gemeinsam ist, dass unmittelbar nach dem Sturz der Despoten die kleinen und grossen Schergen versuchen, sich den veränderten Realitäten anzupassen und ihre Haut zu retten. Ägypten bildet hier keine Ausnahme.

Einer der prominentesten Wendehälse ist Osama Saraya, Chefredaktor der ältesten arabischen Zeitung «Al Ahram». Er gilt als grosser Bewunderer des gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak und führte seine Zeitung wie das offizielle Sprachrohr des alten Regimes. Der westlichen Öffentlichkeit wurde er vergangenes Jahr durch eine plumpe Fotomontage bekannt, mit der er Mubarak schmeicheln wollte.

Erst vergangene Woche hatte «Al Ahram» die Demonstranten noch beschuldigt, Chaos zu verursachen und von Islamisten und ausländischen Mächten gesteuert zu sein. Dieser Ton änderte sich am Sonntag merklich: «Wir begrüssen die Revolution und respektieren ihre Jugend», schrieb Saraya in einem Editorial. «Es gab nur einige wenige Korrupte in Ägypten, die das Land zerstört haben, aber ihre Zeit ist nun vorbei.»

«Ich liebe ihn»

Ein langjähriger Kollege Sarayas bei «Al Ahram» sagte gegenüber der «Washington Post», er halte dessen Verwandlung für unglaubwürdig: «Diese Leute haben sehr enge Beziehungen zu den Sicherheitsbehörden in der Regierung. Sie sind bereit, jedem, der gerade an der Macht ist, ihre Seele zu verkaufen.»

Der Journalist gab weiter an, er habe Saraya letztes Jahr gebeten, die Zeitung vom Staat zu distanzieren, um ihre Glaubwürdigkeit zu bewahren. Die Auflage sei damals merklich gesunken und viele Leute hätten sich stattdessen über unabhängige Publikationen informiert. Saraya soll geantwortet haben: «Ich verstehe, aber dieser Mann ist unberührbar.» Dann zeigte er auf ein Porträt Mubaraks hinter seinem Schreibtisch und sagte: «Ich liebe ihn.» Laut der «Washington Post» ist das Porträt inzwischen aus seinem Büro verschwunden.

Polizisten halten sich selbst für Opfer

Auch die bei vielen Ägyptern verhasste Polizei ist nervös und hat sich angesichts der neuen Verhältnisse für die Flucht nach vorne entschieden. Am Montag veranstalteten sie eine eigene Kundgebung auf dem Tahrirplatz und skandierten «wir und das Volk gehören zusammen». Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte der Polizist Mohammed Mestekawi: «Wir bitten die ägyptische Bevölkerung, uns nicht zu ächten.» Viele Beamte seien selbst Opfer des Systems gewesen und Korruption habe es nur in den oberen Rängen des Polizeiapparats gegeben.

Sehr glaubwürdig klingt das in den Ohren der Demonstranten freilich nicht. «Das sind Mitläufer, die wollen die Revolution für sich beanspruchen», rief der aufgebrachte Samah Hassan. Als die Polizisten ihre gefallenen Kollegen als Märtyrer der Revolution bezeichneten, drohte die Lage zu eskalieren. Die Armee musste einschreiten, um Zusammenstösse zu verhindern, berichtet die «Los Angeles Times». Eine Frau schrie: «Ihr seid Diebe und Mörder, geht nach Hause und lasst uns in Frieden.»

Selbst an der ägyptischen Unterhaltungsmaschinerie geht die Zeitenwende nicht spurlos vorüber. Tamer Hosny, ein bekannter Popstar, hat einen Song zu Ehren der Revolution veröffentlicht. In den Tagen zuvor war er im Staatsfernsehen aufgetreten und hatte die Demonstranten gebeten, heimzugehen und die Krise in Ägypten zu beenden. Als er sich entschied, die Seiten zu wechseln und zum Tahrirplatz ging, vertrieben ihn die Demonstranten. Seine weinerliche Entschuldigung wurde auf YouTube zum Renner.