Revolution in Ägypten

11. Februar 2011 22:42; Akt: 11.02.2011 23:10 Print

«Die Strasse hat gewonnen»

Die Menschen in Ägypten haben Geschichte geschrieben: Der verhasste Präsident Hosni Mubarak ist weg, die Streitkräfte haben die Macht im Land übernommen. Die Ereignisse eines historischen Tages.

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19. März: Die Bürgerinnen und Bürger Ägyptens stimmen über Verfassungsänderungen ab, die Parlaments- und Präsidentenwahlen ermöglichen sollen. Die Abstimmung stösst nicht bei allen auf Zustimmung: Ein Jugendlicher protestiert dagegen auf dem Tahrir-Platz, 18. März 2011. 15. Februar: Ein Kommitee wird mit der Erarbeitung der neuen Verfassung beauftragt. Sie soll den Weg für Wahlen frei machen. 14. Februar 2011: Ein Vertreter des Obersten Militärrats ruft die Ägypter dazu auf, die Arbeit wieder aufzunehmen und zum Alltag zurückzukehren. 12. Februar 2011: Am Tag nach dem Rücktritt von Hosni Mubarak feiern die Demonstranten ihren Sieg. Auf den Strassen Kairos zelebrieren die Menschen die neue Ära. Demonstranten räumen den Tahrir-Platz in Kairo, wo sie während 18 Tagen für mehr Demokratie gekämpft hatten. An einem Stein legen die Demonstranten Blumen nieder – in Erinnerung an den Sieg der Strasse. Grenzenloser Jubel am 11. Februar 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Die Demonstranten feiern Mubaraks Rücktritt nach zweieinhalb Wochen langen Protesten in Ägypten. Menschen brechen in Tränen aus. Wildfremde Menschen umarmen sich auf der Strasse in Kairo. Hupkonzerte auf den Strassen Kairos. Der Aufstand hat Wirkung gezeigt: Der verhasste Tyrann ist weg. Ein Kind küsst einen Soldaten: Offiziell hat jetzt ... ... die Armee die Macht über das Land. Tahrir-Platz am 11. Februar: Ein historischer Tag für Ägypten. Die Ägypter und Ägypterinnen im Freudentaumel. Auf dem zentralen Tahrir-Platz, seit Beginn der Proteste am 25. Januar das Herz des Volksaufstands, tanzten und hüpften hunderttausende Regimegegner unter ägyptischen Fahnen, wie Augenzeugen berichteten. Ausserhalb des Präsidentenpalasts in Kairo. Die Ägypter lassen ihrer freude freien Lauf.

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Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak hat nach 18 Tagen Proteste gegen sein Regime nachgegeben und ist zurückgetreten. Mubarak habe die Macht in die Hand des Militärs gelegt, erklärte sein Stellvertreter Omar Suleiman am Freitag im staatlichen Fernsehen.

Der Oberste Militärrat bestätigte am Abend in einer Fernseherklärung die Übernahme der Macht unter Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi. Zugleich versicherte ein Sprecher, dass das Oberkommando den Willen des Volkes erfüllen wolle.

Er dankte dem zurückgetretenen Präsidenten Mubarak. Den Menschen, die bei den Protesten getötet wurden, bezeugte er mit einen militärischen Gruss Respekt. Sie hätten ihr Leben für die Freiheit Ägyptens gegeben.

Jubel und Freudentänze

Unmittelbar nach der Ankündigung des Rücktritts durch Suleiman brachen in Kairo und anderen Städten Jubelfeiern aus, Autokonvois fuhren hupend durch die Strassen. Auf dem zentralen Tahrir-Platz, seit Beginn der Proteste am 25. Januar das Herz des Volksaufstands, tanzten hunderttausende Regimegegner unter ägyptischen Fahnen, wie Augenzeugen berichteten.

Der Friedensnobelpreisträger Mohamed al-Baradei erklärte: «Das Land ist nach Jahrzehnten der Unterdrückung befreit.» Er sprach vom «grossartigsten Tag meines Lebens».

Naher Osten im Freudentaumel

Jubel und Erleichterung, Feuerwerk und Hupkonzerte: Mit Begeisterung haben die Menschen im Nahen Osten am Freitag auf den Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak reagiert. Politiker in aller Welt äusserten sich erfreut, zeigten sich aber auch besorgt über die Zukunft Ägyptens, das als wichtiger Partner im Nahost-Friedensprozess gilt. Die Bundesregierung kündigte an, den Reformprozess im Land finanziell zu unterstützen.

Zwischen Beirut und Gaza eilten die Menschen auf die Strasse, verteilten Süssigkeiten, zündeten Feuerwerk und schossen aus Freude in die Luft. In Tunesien, wo Massenproteste im Januar zum Sturz von Staatschef Zine El Abidine Ben Ali geführt hatten, waren Freudenschreie und unzählige Autohupen zu hören. Die Übergangsregierung in Tunis beglückwünschte die Ägypter zum Sturz Mubaraks.

In Israel, das die Proteste gegen die Regierung Mubaraks mit Sorge verfolgt hatte, begrüsste ein früheres Kabinettsmitglied die Entscheidung. «Die Strasse hat gewonnen», sagte der frühere Verteidigungsminister Benjamin Ben Elieser dem Fernsehsender Kanal 10. Ägypten hatte 1979 als erster arabischer Staat einen Friedensvertrag mit der Regierung in Jerusalem geschlossen.

Flucht ans Rote Meer

Mubarak, der sich während 30 Jahren an der Macht hielt, war am Freitagnachmittag mit seiner Familie in den Badeort Scharm al- Scheich am Roten Meer geflogen, wo er eine Villa besitzt.

Noch am Donnerstagabend hatte Mubarak in einer Fernsehansprache erklärt, er trete Vollmachten an Suleiman ab, behalte aber formal das Präsidentenamt. Die Streitkräfte hatten sich demonstrativ hinter Mubaraks Erklärung gestellt.

Die Armeeführung hatte erklärt, sie unterstütze Mubaraks Plan für eine friedliche Übergabe der Macht sowie freie und gerechte Wahlen noch in diesem Jahr. Gleichzeitig forderte die Armeeführung ein Ende der Demonstrationen und die «Rückkehr zur Normalität».

Die Armee hatte ausserdem in Aussicht gestellt, den seit 30 Jahren geltenden Ausnahmezustand aufzuheben, sobald es die Situation erlaube.

Erleichterung im Westen

Aus dem Ausland gab es erste Reaktionen. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, gab sich von einer positiven Zukunft des Landes überzeugt. Irans Aussenminister Ali Akbar Salehi gratulierte dem ägyptischen Volk zu seinem «Sieg».

US-Präsident Barack Obama sagte in Washington, die Stimme des Volkes sei gehört worden. Dies sei aber erst der Anfang, am Ende müsse Demokratie stehen. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte freie Wahlen in Ägypten.

EU-Aussenbeauftragte Catherine Ashton äusserte Respekt für den Schritt Mubaraks. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sprachen von einem «historischen» Augenblick.

Der britische Premierminister David Cameron bot den Menschen in Ägypten Hilfe an. Die Schweiz rief alle beteiligten Parteien dazu auf, im Interesse des Landes friedlich zusammenzuarbeiten.

Grossdemonstrationen vor Rücktritt

Die Enttäuschung über den am Donnerstag noch ausgebliebenen Rücktritt von Mubarak hatte die Proteste von Ägyptens Opposition am Freitag weiter angefacht. Die Demonstranten strömten auf Plätze und marschierten auf den Präsidentenpalast und das Gebäude des ägyptischen Staatsfernsehen zu.

Damit dehnte die Protestbewegung ihre Kundgebungen erstmals über den zentralen Tahrir-Platz aus. In der Provinzhauptstadt Al-Arisch im nördlichen Sinai eskalierten die Proteste. Ein Demonstrant wurde erschossen.

Auch in Alexandria, der zweitgrössten Stadt des Landes, marschierten tausende Demonstranten zu einem der Paläste Mubaraks.

(sda/ap)