Ukraine-Krise und Abschuss MH17

23. Juli 2014 10:59; Akt: 23.07.2014 10:59 Print

Die Lügen von Wladimir Putins Medien

Russische Staatsmedien beleuchten die Ukraine-Krise und den Abschuss von Flug MH17 streng nach Kremls Linie. Die abenteuerlichsten Theorien werden im TV als Fakten verkauft.

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Die überwiegende Mehrheit der Russen – ganze 90 Prozent – informiert sich ausschliesslich im Staatsfernsehen. Täglich berieselt durch Wladimir Putins Propagandasender, sind die Menschen davon überzeugt, dass faschistoide Feinde aus dem Westen Russlands Niedergang planen. Der Westen gilt moralisch korrumpiert und von einem Liberalismus pervertiert, in dem es «Widernatürlichkeiten» wie die gleichgeschlechtliche Liebe gibt.

Ähnlich einseitig die Optik auf die Ukraine-Krise. In Kiew ist demnach eine «faschistische Junta» an der Macht, die im Osten des Landes die russischsprachige Bevölkerung abschlachtet. Abend für Abend finden sich in den russischen Nachrichten neue Darsteller, die Präsident Putin um Beistand flehen. Eine alte Frau weint, dass «uns Europa mit Hilfe der Rechtsextremen vernichten» wolle. Eine andere berichtet, ukrainische Soldaten hätten in Slawjansk einen drei Jahre alten Buben gekreuzigt. Später wurde klar, dass der Monolog einer Schauspielerin über Gräueltaten im Mittelalter im TV zweckentfremdet wurde.

«Kiew behinderte Ermittler»

Auch zum Abschuss von Flug MH17 gibt es abenteuerliche Theorien, die am TV als Fakten verkauft werden. Auf «Rossija 1» konnte Rebellenführer Igor Girkins (Kampfname Strelkow) berichten, die Passagiere von MH17 seien schon vor dem Absturz tot gewesen. Und «Russia Today» wie auch «Rossija 24» meldeten, dass «die ukrainischen Raketen» eigentlich Putins Regierungsmaschine abschiessen sollten, die eine Stunde zuvor auf dem Weg von Brasilien nach Russland war.

Die Untersuchung des Absturzortes wird in Russland ganz anders dargestellt als im Westen. Nicht die Separatisten, sondern die Regierung in Kiew habe die Ermittler daran gehindert, dorthin zu gelangen, berichtete Russlands erster Fernsehkanal. «Bisher wollen die ukrainischen Behörden eine Gruppe internationaler Spezialisten nicht nach Donezk schicken», so «Rossija 1».

Kritische Medien berichten anders

Die Stossrichtung solcher Meldungen ist laut «Frankfurter Allgemeine» immer dieselbe: Es gibt ein Komplott Europas und Amerikas gegen Russland und die Separatisten. Die Möglichkeit, dass Russland Verantwortung für den Abschuss der Malaysia-Airlines-Maschine haben könnte, wird in den russischen Staatsmedien nicht angesprochen. Das tun nur einige seriöse Medien, etwa der «Kommersant», der titelte: «Die Trümmer der Boeing fallen auf Russland», die «Nesawissimaja Gaseta», die zum Unglück schrieb: «Eine Katastrophe nicht nur im Himmel, sondern auch in den Beziehungen Russlands zum Westen.» Der Radiosender Echo Moskwy kommentierte: «Ein zweites Lockerbie, durch uns veranstaltet.»

Dass solche kritische Wortmeldungen in der breiten Bevölkerung keinen Anklang finden, legen die Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum zur Ukraine-Krise nahe: Für 41 Prozent ist klar, dass Russland das Recht hat, auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zu intervenieren, um «Russen zu schützen». 59 Prozent wollen die pro-russischen Kräfte in der Ukraine «aktiv unterstützen». Und eine solide Mehrheit von über 80 Prozent steht noch immer voll und ganz hinter Putin.

So überraschen auch die Resultate einer Umfrage von «10 vor 10» in Moskau wenig: Auf die Frage, wer die Boeing 777 abgeschossen habe, antworteten alle Befragten ohne zu zögern: die Ukraine. «So etwas können nur Faschisten machen», fügte ein Mann an. Immerhin: Vor der niederländischen Botschaft hatten einige Russen Beileidsbekundungen niedergelegt. Auf einem Plakat stand: «verzeiht uns.»

(gux)