OSZE-Chef Hug

22. Juli 2014 21:51; Akt: 23.07.2014 11:56 Print

«Zusammenarbeit hat sich stark verbessert»

Den Krieg kennt er. Was Alexander Hug für die OSZE an der HM17-Absturzstelle in der Ostukraine erlebte, war auch für ihn neu. Gegenüber 20 Minuten resümiert er diese letzten Tage.

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Der Schweizer Alexander Hug, stellvertretender OSZE-Missionschef, war einer der ersten an der Flugzeugabsturzstelle in der Ostukraine. Eine neue Erfahrung für einen, dem Kriegsgebiete – Hug war in Kosovo, Hebron, Bosnien und Ruanda – nicht fremd sind. Gegenüber 20 Minuten erzählt der einstige Anwalt, der seine Dienste zuerst der Schweizer Armee und jetzt der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit zur Verfügung stellt, von den letzten fünf Tagen.

Herr Hug, was haben Sie an der Absturzstelle gesehen?

Alexander Hug: Wir waren 24 Stunden nach dem Absturz vor Ort. Das Trümmerfeld erstreckt sich über ein Gebiet von 25 Quadratkilometer. Überall lagen rauchende Trümmer und Leichen.

Sind denn jetzt alle Leichen geborgen?
Das ist schwer zu sagen. Es gibt sicher noch Leichenteile hier.

Wie gehen Sie und Ihr Team mit den grauenhaften Bildern um?

Unser Auftrag ist es, zu beobachten und zu berichten, was in der Ukraine geschieht. Dazu haben wir ein Team aus erfahrenen Leuten. Aber so ein Absturz ist eine Stresssituation. Wir stellen sicher, dass nie die gleichen Leute zwei Tage hintereinander zur Unfallstelle gehen müssen, damit sie ausreichend pausieren können.

Ein Foto zeigt Sie und Ihr Team, umzingelt von Bewaffneten. Wie können Sie so arbeiten?

Teilweise ist das schwierig, weil die Rebellen untereinander nicht immer klar kommunizieren. Als wir nach dem Unglück ankamen, war der Empfang des Rebellenschefs nicht sehr freundlich. Man muss sich immer vor Augen halten: Die Stelle liegt mitten im Kampfgebiet. Die Rebellen sind nervös und aggressiv. Aber die Zusammenarbeit hat sich in den letzten fünf Tagen stark gebessert: Je länger wir uns kannten, desto besser klappte es.

Wie verständigen Sie sich mit den Separatisten?
Ich kann etwas Russisch, damit schlage ich mich so durch. Aber wir haben auch Übersetzer im Team.

Sehen die Separatisten ein, dass Sie und ihr Team unbehindert arbeiten müssen? Um was drehen sich die Diskussionen?

Ja, dass wir ungehindert arbeiten müssen, sehen die Rebellen ein. Dennoch ist es ihnen nicht möglich, uns vollkommene Bewegungsfreiheit zuzusichern, zumal es in dem Gebiet verschiedene Gruppen mit verschiedenen Zielen und Ansprüchen gibt. Es kommt immer darauf an, mit wem man redet. Es gibt die politischen Führer unter den Rebellen, etwa die selbst ernannten Premierminister der Region. Mit ihnen führen wir jeweils am Abend Verhandlungen, zum Beispiel darüber, zu welchen Stellen wir am kommenden Tag Zugang erhalten. Dass diese Gespräche jeweils in unserem Hotel in Donezk stattfinden, ist ein Zeichen für eine gewisse Normalisierung.

Sie mussten ein Interview mit dem «Tages-Anzeiger» «aus Sicherheitsgründen» abbrechen – was war geschehen?
Es gab eine Durchsage am Radio betreffend der Kämpfe um Donezk. Ich musste sicherstellen, dass mein Team diese Nachricht erhält. Grundsätzlich gehen wir ein geringes Risiko ein, denn wir führen täglich, manchmal auch stündlich, neue Sicherheitsevalutionen durch. Auch die regelmässigen Gespräche mit den Rebellen und ihren Anführen verstärken die Sicherheit. Ein Restrisiko bleibt natürlich, wir bewegen uns in unberechenbaren Verhältnissen, wie die Geiselnahme Anfang Sommer von acht OSZE-Mitarbeitern gerade in diesem Gebiet zeigte.

Sind Geiseln von damals auch jetzt wieder in Ihrem Team?

Nein.

Jetzt sind internationale Spezialisten eingetroffen, und die Opfer sind geborgen. Was ist denn nun die Arbeit der OSZE Beobachtermission an der Absturzstelle – bleiben Sie hier?
Wir haben den Absturzspezialisten aus dem Ausland den Boden bereitet, indem wir die Kontakte zwischen den eintreffenden Experten mit den Rebellen herstellten. Aber als OSZE-Beobachter haben wir weder den Auftrag, das Unglück zu untersuchen noch waren wir an der Bergung der Leichen beteiligt. Ich selbst werde in den nächsten Tagen nach Kiew fahren, der Rest des Teams bleibt hier in Donezk. Bis das Mandat ausläuft, ist unser Auftrag weiterhin, die Vorkommnisse in der Ukraine zu beobachten und darüber zu berichten. Das tun wir hier im Osten sowie an weiteren zehn Orten im Land.

(gux)