Telefondiplomatie

24. Juli 2014 17:04; Akt: 24.07.2014 18:03 Print

Putin hört nur auf Mutti Merkel

Sie sind das Telefon-Pärli schlechthin: Seit Ausbruch der Unruhen in der Ukraine telefoniert unter den Staatschefs niemand so oft wie Angela Merkel mit Wladimir Putin. Bringts diese Telefondiplomatie?

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Das US-Online-Magazin Quartz hat die Anzahl Telefonate analysiert, die Wladimir Putin seit Anfang Februar in Sachen Ukraine-Krise mit anderen Staatschefs führte. Das Magazin merkt an, die Anrufliste erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, dass sich darin aber ein klarer Trend abzeichne über «Ausmass und Natur dieser Telefondiplomatie».

Es zeigte sich: Kein Staatschef hatte in den letzten sechs Monaten mehr Kontakt zu Wladimir Putin als die deutsche Kanzlerin als Angela Merkel – und das mit Abstand, telefonierten «Mutti» und der Kremlkönig doch doppelt so oft miteinander wie alle übrigen (siehe Infografik).

Scharfe Töne gegenüber Russland, milde gegenüber Putin

Nach dem mutmasslichen Abschuss der malaysischen Boeing 777 zogen viele Regierungschefs ihre rhetorischen Daumenschrauben an. Allen voran der britische Premierminister David Cameron. Sein bislang einziges Juli-Telefonat mit Putin beschrieb er gegenüber dem britischen Parlament so: «Ich sprach letzte Nacht mit Präsident Putin und machte klar, dass es kein Wüten und keine Verdunkelungen mehr geben darf.»

Auch US-Präsident Barack Obama hat seine anfängliche Zurückhaltung in der Ukraine-Krise aufgegeben. Gleichzeitig vermeidet es Obama, Putin persönlich anzugreifen. So ist zwar eine Mitteilung des Weissen Hauses in scharfem Ton gehalten: «Russland hat die Separatisten angestachelt. Russland hat sie ausgebildet. Wir wissen, dass Russland sie mit militärischer Ausrüstung und Waffen, darunter auch Flugabwehrsystemen, versorgt hat.» Wendet sich Obama aber an Putin persönlich, schlägt er gemässigte Töne an: «Präsident Putin sagt, dass er vollständige und faire Ermittlungen unterstützt. Und ich schätze diese Worte, doch sie müssen von Taten untermauert werden.»

Wie erfolgreich ist Merkels Telefondiplomatie?

Obama scheint Merkels Strategie zu übernehmen, die sich in der Massierung der Telefonate nach Moskau veranschaulicht: Indem die Kanzlerin in der Krise die Kommunikation zu Putin verstärkt, verhindert sie eine Personalisierung des Konflikts. Denn je mehr Putin vom Westen als Buh-Mann dargestellt wird, desto schwerer wird es ihm fallen, unter Wahrung des Gesichts seinen Kurs gegenüber den Separatisten zu ändern.

Deutschland macht aus dieser Telefondiplomatie auch gar keinen Hehl: Eine Sorge sei, den Kontakt zu Putin zu verlieren, der im bisherigen Verlauf der Krise bereit gewesen war, mit Merkel zu sprechen, zitiert «Wall Street Journal» (WSJ) einen Kontakt aus dem direkten Umfeld der Bundeskanzlerin.

Bislang aber gibt es wenig Anzeichen dafür, dass die Gesprächsfreude der Mutter der Deutschen von Erfolg gekürt ist. Zwar gibt sich der Verfasser des «Quartz»-Artikels verhalten optimistisch. Wenn sich aus der Liste der getätigten Telefonate zwischen Ost und West etwas ablesen liesse, dann das: «Wenn schärfere Sanktionen Putin nicht von seinem bisherigen Kurs in der Ukraine-Krise abbringen können, dann können die westlichen Staatschefs ihre Hoffnungen nur noch auf Merkel richten – oder auf ihr Telefon.»

Noch hat sich der Kreml nicht von den Separatisten in der Ostukraine losgesagt. Den Grund dafür sehen Beobachter darin, dass Moskau dann ein wichtiges Druckmittel in der Auseinandersetzung mit der ukrainischen Regierung über die Zukunft des Landes verlieren würde.

(gux)