Absturz MH 17

20. Juli 2014 04:43; Akt: 20.07.2014 16:59 Print

«Es hat zu viele Leute beim Flugzeugwrack»

Bei der Absturzstelle der MH 17 halten sich Journalisten, Rebellen, Delegationen und Angehörige auf, wie Schweizer OSZE-Botschafter berichten. Bemängelt wird zudem die Sicherheit.

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«Es hat zu viele Leute. Das beunruhigt uns», sagte der Schweizer Botschafter bei der OSZE, Thomas Greminger. Es hielten sich Rebellen, Journalisten und bald auch internationale Delegationen sowie Angehörige bei der Absturzstelle auf. «Immerhin wurde am Samstagnachmittag eine Sicherheitsabschrankung eingerichtet», so Greminger in einem Interview, das in der «SonntagsZeitung» und in «Le Matin Dimanche» erschien.

Wenig vertrauenerweckend seien die Leute vor Ort: «Die Rebellen sind schwer bewaffnet – und das ist noch ziemlich diplomatisch ausgedrückt», sagte Greminger weiter. Unklar sei auch, ob die Separatisten die Gruppen unter Kontrolle hätten. «Unsere Beobachter kehren zu ihrer eigenen Sicherheit abends nach Donezk zurück.»

Zugang nicht ausreichend

Greminger bestätigte frühere OSZE-Angaben, wonach der Zugang zum Unfallort für die OSZE-Experten am Samstag zwar besser war als am Vortag, aber aus Sicht der Organisation immer noch nicht ausreichend. Keine Kenntnisse habe die OSZE davon, dass Rebellen Habseligkeiten der Absturzopfer gestohlen hätten. Leichensäcke würden am Strassenrand für den Weitertransport deponiert.

Die trilaterale Kontaktgruppe (Ukraine, Russland, OSZE) werde mit den Separatistengruppen in Kontakt bleiben, «damit diese ihre Versprechen bezüglich Zugang, Korridor und Zusammenarbeit einhalten», sagte Greminger weiter. Das sei unerlässlich für die Arbeit der internationalen Ermittler. Die OSZE-Beobachter sollen laut Greminger für die Dauer der Untersuchungen vor Ort bleiben.

Zur Blackbox, die die Rebellen nach eigenen Angaben besitzen sollen und der OSZE übergeben wollen, sagte Greminger: «Wir versuchen, an die Aufzeichnungen zu gelangen, aber bis jetzt haben wir sie noch nicht.»

Hoffnungen auf Abbau der Spannungen

Nach dem mutmasslichen Abschuss hofft Greminger auf Verhandlungen über einen umfassenderen Waffenstillstand in der Ukraine. «Die Spannungen sind enorm, aber der Vorfall am Donnerstag könnte auch eine Chance sein.» Nach fast drei Wochen sei danach zum ersten Mal wieder ein direkter Kontakt mit den Separatisten zustande gekommen.

«Wir müssen versuchen, einen Waffenstillstand auszuhandeln, der über das Gebiet der Absturzstelle hinausgeht», sagte Greminger dazu. Das OSZE-Mandat, das am 20. September ausgelaufen wäre, ist nach Gremingers Angaben um sechs Monaten verlängert worden.

Experten auf dem Weg

Am Sonntag wollen 132 malaysische Experten, darunter Ärzte und Militärs, zum Absturzort fahren. Sie waren am Samstag in Kiew gelandet. Der niederländische Aussenminister Frans Timmermans kam ebenfalls mit einer Gruppe von 15 Experten in der ukrainischen Hauptstadt an. Auch die Schweiz bot an, Experten zu schicken.

Etwa 100 Tote wurden bislang nicht geborgen. Ihre Leichen dürften in einem Umkreis von vielen Kilometern verstreut liegen. Im Osten der Ukraine herrschen zurzeit hochsommerliche Temperaturen.

(ann/sda)