MH17-Untersuchung

19. Juli 2014 11:57; Akt: 19.07.2014 11:58 Print

«Im Absturzgebiet ist das Gesetz inexistent»

von Ann Guenter - OSZE-Mitarbeiter sind der Absturzstelle von Flug MH17 angekommen. Einige von ihnen haben hier bereits ganz schlechte Erfahrungen gemacht, weiss OSZE-Sprecher Michael Bokiurkiw.

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Derzeit sind rund 600 Kräfte der nicht anerkannten «Volksrepublik» Donezk an Ort und Stelle im Einsatz, um die 298 Leichen und Wrackteile der Malaysia-Airline-Maschine zu bergen. Das ist dem ukrainischen Regierungschef Arseni Jazenjuk ein Dorn im Auge: Er wirft den Separatisten eine massive Behinderung der ukrainischen Helfer an der Absturzstelle des malaysischen Passagierflugzeugs vor. «Diese Banditen lassen eine Untersuchung der Tragödie durch unsere Leute nicht zu», sagte er.

Umso nötiger ist nebst dem Einsatz internationaler Spezialisten die Arbeit einer neutralen Untersuchungsinstanz wie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE. Ein Teil ihres Beobachterteams für die Ukraine ist jetzt Richtung Absturzstelle unterwegs. «Unsere Sondierungsgruppe von 30 zivilen Beobachtern ist auf dem Weg zur Unglücksstelle», sagt Michael Bokiurkiw, Sprecher der OSZE-Beobachtermission für die Ukraine (SMMU) zu 20 Minuten. Bokiurkiw weilt derzeit in Kiew.

Beobachter im Gebiet der Absturzstelle gefangen

Noch weiss er nicht, was seine Leute unweit der russischen Grenze erwartet – umso mehr, als dass die OSZE-Beobachter in dieser Region erst gerade schlechte Erfahrungen machen mussten. «In diesem Gebiet», sagt Bokiurkiw, «ist das Gesetz fast inexistent.»

Es sei dasselbe Gebiet, in dem Separatisten zwei OSZE-Missionen mit je vier Mitarbeitern während eines Monats gefangen genommen hatten. Sie kamen erst im Juni wieder frei. Noch immer hielten sich verschiedene bewaffnete Gruppierungen in der Region auf . «Die Lage in diesem Gebiet ist komplex. Nichtsdestotrotz arbeiten unsere Beobachter dort weiter.»

Keine Forensiker dabei

Auf was schauen die OSZE-Beobachter im Absturzgebiet konkret? Missionssprecher Bokiurkiw: «Wir müssen alles selbst in Augenschein nehmen. Dabei verfolgen wir vor allem die Bergungsarbeiten und behalten das Unglücksgebiet im Auge. Es gibt keine Forensiker in unserer Gruppe, sodass sich unsere Arbeit auf das Beobachten, aufs Faktensammeln und Weiterleiten beschränkt.»

Die Amerikaner haben die Sorge, dass Beweise von ukrainischer oder russischer Seite unterschlagen oder manipuliert werden. Haben die OSZE-Beobachter dafür reale Anhaltspunkte? «Das kann ich nicht kommentieren, bis wir vor Ort sind und unsere eigenen Beweise sammeln konnten», sagt Bokiurkiw.

Wem können die OSZE-Beobachter vertrauen?

Doch wie wissen die OSZE-Beobachter, wem sie in Sachen mutmasslicher Abschuss der Boeing 777 vertrauen und glauben können? «Wir vertrauen auf die Beweise und Fakten, die unsere Beobachter vor Ort sammeln und einholen. Die Umstände, die zu dieser Tragödie führten, müssen gründlich und einwandfrei untersucht werden», sagt der Missionchef. «Der Schweizer OSZE-Vorsitzende hat bereits die Bereitschaft der Ukraine gelobt, dass sie internationale Experten für die Untersuchung beiziehen will.»

Bokiurkiw fügt an: «Wir sind alle sehr traurig. Den Angehörigen von Flug MH17 und allen, die es betrifft, drücken wir aus ganzen Herzen unser Mitgefühl aus. Zu viele unschuldige Leben gingen verloren.»

Den OSZE-Beobachtern, die sich erneut in gefährliches Terrain aufmachen, könnte die zwei- bis viertägige Waffenruhe zugute kommen, die prorussische Separatisten zur Untersuchung der Ursache in Aussicht gestellt hatten – wenn sie denn eingehalten wird.