Renten, Löhne, Infrastruktur

22. März 2014 06:56; Akt: 22.03.2014 15:20 Print

Die Krim wird teuer für Putin

Nach der Annexion der Krim beschäftigt den Kreml nun die Frage, was dort investiert werden muss. Neben den Renten und Löhnen muss Russland auch bei der Infrastruktur über die Bücher.

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Als Student hatte der Moskowiter Michail Prochorow Jeans verkauft. Heute beteiligt er sich über seine Holding Onexim Group an Russlands Banken- und Energieindustrie. Der Moskauer Börsenabsturz liess sein Gesamtvermögen um 377 Millionen Dollar (minus 3,1 Prozent) schwinden. Dmitri Rybolowlew verwaltet ein riesiges Vermögen, das er aus Beteiligungen an den Düngemittelherstellern Uralkali und Silvinit erwirtschaftet hat. Zudem investiert er in Kunst, Jachten und die Fussballmannschaft von Monaco. Der Börsenabsturz am Montag versetzte ihm einen kleinen Dämpfer von minus 3,4 Millionen Dollar. Der in der Schweiz bestens bekannte russische Oligarch Wiktor Vekselberg verlor über 300 Millionen Dollar an einem einzigen Börsentag. Bei einem Gesamtvermögen von 14,7 Milliarden Dollar dürfte ihn das aber nicht gross belasten. Roman Abramowitsch ist der grösste Anteilseigner von Evraz, Russlands grösstem Stahlhersteller, und besitzt ausserdem grosse Anteile von Norilsk Nickel, dem weltweit grössten Nickelproduzenten. Dem Milliardär gehört ausserdem der Fussballklub Chelsea. Er verlor beim Börsenabsturz am Montag 165 Millionen Dollar. Hatte einen Verlust von 879,5 Millionen Dollar zu beklagen: Wladimir Jewtuschenkow (Bildmitte). Sein Gesamtvermögen schmolz damit um 11,2 Prozent. Jewtuschenkow gehört die Investmentgesellschaft Sistema, der unter anderem Russlands ältester Babymarkt gehört. Alischer Usmanow ist mit einem Vermögen von 18,4 Milliarden Dollar der reichste Mann Russlands. Über eine Investmentgesellschaft kontrolliert er den Eisenerzproduzenten Metalloinvest, die Telefongesellschaft Magafon und ist Mitbesitzer von Facebook, Twitter und Zynga. Am Montag verlor er 789 Millionen Dollar. Wladimir Potanin ist der Manager des weltweit grössten Nickelproduzenten Norilsk Nickel. Sein Gesamtvermögen von 12,9 Milliarden verringerte sich am Montag um 525 Millionen Dollar. Michail Fridman ist im Kommunikations- und Finanzsektor tätig. Der Börsensturz am Montag bescherte ihm einen Verlust von über 300 Millionen Dollar. An seinem Verlust zu beissen haben dürfte auch Alexei Mordaschow. Beim Hauptanteilseigner von Russlands zweitgrösstem Stahlhersteller Severstal lösten sich am Montag 635 Millionen Dollar in Luft auf. Das sind immerhin über sechs Prozent seines Gesamtvermögens. Minus 1,2 Milliarden Dollar für Wladimir Lisin. Der 58-Jährige ist Chef und grösster Anteilseigner von Russlands wertvollstem Stahlhersteller Novolipetsk Steel. Ausserdem kontrolliert er über Beteiligungen rund ein Viertel der Produktion von russischen Güterzugwaggons und den Hafenbetreiber UCL Port. Wagit Alekperow ist Chef von Lukoil, Russlands zweitgrösstem Ölproduzenten. Seine Karriere hatte in den 1970er-Jahren auf einer Ölbohrplattform begonnen. Dort überlebte er auch eine Explosion. Der Verlust von 960 Millionen Dollar dürfte aber auch an ihm spurlos vorbeigegangen sein. Der gösste Tagesverlust geht an Gennadi Timtschenko, der am Montag einen Verlust von satten 3,2 Milliarden Dollar hinnehmen musste. Der in Genf wohnhafte Oligarch ist ein enger Freund von Präsident Wladimir Putin. Sein Vermögen erwirtschaftete er sich hauptsächlich mit Ölhandel.

Den russischen Investoren und Multi-Millionären kam die Krim-Krise bereits teuer zu stehen. Aber auch Russland als Staat muss tief in die Tasche greifen, um die Versprechen einer Verbesserung der Situation der Krim-Bewohner wahr werden zu lassen.

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Strände, Klippen und Burgen - seit Jahren ist die Krim ein beliebtes Reiseziel für Urlauber aus der Ukraine und aus Russland. Darüber hinaus ist die Wirtschaft der Halbinsel wenig entwickelt. Vor dem umstrittenen Referendum am Sonntag, bei dem sich die Mehrheit der Bevölkerung für den Beitritt zu Russland aussprach, hatte die Regierung in Moskau mit Vergünstigungen sowie Investitionen geworben und damit grosse Erwartungen geweckt. Inwieweit diese erfüllt werden können, wird sich zeigen müssen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte vor der international nicht anerkannten Volksabstimmung darauf hingewiesen, dass sowohl die Löhne als auch die Renten in Russland höher seien als in der Ukraine. Damit wollte er herausstellen, dass die Krim-Bewohner in der Russischen Föderation weitaus besser aufgehoben seien, als wenn sie weiter zur Ukraine gehörten. Russland könnte dies jetzt teuer zu stehen kommen: Denn das Geld für eine mögliche Angleichung müsste von dort kommen - die Wirtschaft auf der Krim, so brachte es der russische Minister für regionale Entwicklung, Igor Sljunjajew, auf den Punkt, sei nicht besser «als die in Palästina».

Staatshaushalt über Nacht verdoppelt

Der selbst ernannte Ministerpräsident der Krim, Sergej Aksjonow, gab am Montag über Twitter bekannt, Moskau habe 15 Milliarden Rubel (knapp 300 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt. Damit sei der Staatshaushalt über Nacht quasi verdoppelt worden. Dieser lag bisher bei umgerechnet etwa 350 Millionen Euro - 40 Prozent davon kamen als Subventionen aus der Ukraine. Russland wird hier mithalten müssen, um den Lebensstandard auf der eingegliederten Halbinsel zu erhöhen. Denn dieser unterscheidet sich stark: Liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Russland bei umgerechnet etwa 10 000 Euro jährlich, erreicht es auf der Krim bisher rund 3500 Euro.

Viel kosten dürfte Russland auch die Angleichung der Renten: Etwa ein Viertel der Bewohner der Krim, rund 500 000, sind Rentner. In Russland sind die Renten etwa doppelt so hoch wie in der Ukraine - sollten sie auf der Krim jetzt angepasst werden, würde allein dies die russische Regierung nach Schätzungen von Steuerminister Alexander Potschinok jährlich 70 Milliarden Rubel (1,4 Milliarden Euro) kosten.

Bislang war die Krim in vielerlei Hinsicht von der Ukraine abhängig. Zum Beispiel in Bezug auf den Tourismus, einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren: Rund 70 Prozent der Urlauber kamen aus der Ukraine, auch, weil über das dortige Staatsgebiet die Hauptverkehrsverbindungen zur Krim verlaufen. Was die Energie- und Wasserversorgung angeht, verlaufen die Verbindungen ebenfalls grösstenteils über ukrainisches Festland.

Infrastruktur muss übernommen werden

Der Gouverneur der russischen Region Krasnodar, die nur durch die Strasse von Kertsch - eine Meerenge - von der Krim getrennt ist, schlug bereits vor, die Halbinsel über eine Unterwasserleitung mit Strom zu versorgen. Auch wird darüber spekuliert, ein Stromkraftwerk zu bauen - nach Angaben von Experten könnte dies umgerechnet um die 1,2 Milliarden Euro kosten.

Nur wenig billiger käme Russland ein weiteres Versprechen, nämlich das, in die Infrastruktur der Krim zu investieren. Seit langem war der Bau einer Brücke über die Strasse von Kertsch im Gespräch, immer wieder wurde das Projekt aufgeschoben. Jetzt soll es wiederbelebt werden - allerdings dürfte ein solcher Bau Jahre dauern, die Kosten werden auf mindestens 50 Milliarden Rubel (rund eine Milliarde Euro) geschätzt.

Auch wenn sich das alles summiert: Nach Ansicht von Experten kann die Russische Föderation die Kosten, die auf sie zukommen, problemlos bewältigen. «Für den russischen Haushalt ist das keine grosse Sache», sagt Natalija Orlowa, Chefökonomin der Alfa-Bank. «Selbst wenn sie fünf oder zehn Milliarden Dollar ausgeben müssen, ändert das nicht viel.» Aus Sicht der Expertin könnte Russland sogar profitieren, weil als Folge der Investitionen der Konsum auf der Krim steigen könnte.

Als problematischer könnte sich womöglich etwas anderes herausstellen: Die Krim hat einen Ruf als Zentrum des organisierten Verbrechens und der Korruption.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Harry Hassler am 22.03.2014 08:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und jetzt?

    Putin wird die Halbinsel Krim lebendig nie mehr hergeben! Da werden auch die lauen Drohungen und die halbherzigen Sanktionen nichts nützen. Im "Notfall" dreht er vorzugsweise im Winter Westeuropa den Gashahnen zu und schon sind die Sanktionen der EU wieder ganz schnell aufgehoben! Wetten?

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  • B. Schmid am 22.03.2014 08:14 Report Diesen Beitrag melden

    Und was soll's

    Lieber von Putin das Geld geschenkt bekommen wie bei der EU jahrelang betteln und deren Bedingungen akzeptieren müssen.

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  • Conrad St. am 22.03.2014 08:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Putin kann rechnen

    Russland denkt in historischen Zügen und ist sich der Kosten bewusst. Es geht um eine Wiedervereinigung - wie in damals in Deutschland Ost und West. Der Finanzbedarf zeigt, wie sehr die Ukraine die Krim vernachlässig. Die Krimkosten insgesamt sind aber wesentlich niedriger als die 15 Mia USD, welche Russland der Ukraine ursprünglich zugesprochen hatte und die jetzt nach dem Putsch die reiche (?) EU übernehmen muss. Nächstens kommt noch der Wegfall der Gassubventionen dazu. In der Gesamtrechnung spart Russland demnach - kein Grund zur Schadenfreude.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sumirov am 24.03.2014 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Das Geld liegt in Sotschi

    Den elektrischen Strom und den Betrieb der Busse sowie der Post, hat die Ukraine bereits eingestellt. Mal schauen, wie schnell Putin Kraftwerke baut. Und Fed Ex sieht man auchh nicht so oft.

  • B. Kerzenmacher am 23.03.2014 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn...

    man nach dem faktischen EU-Anschluss Kiews die Zollgrenzen zur Ukraine schärfer zieht, gehen nicht nur viele Industriebetriebe in der Ostukraine bankrott, auch ca. 3 Millionen in Russland arbeitende Ukrainer könnten bald arbeitslos werden. Es könnte im Donbass und im ganzen Osten der Ukraine daher noch zu blutigen Kämpfen kommen, ganz ohne Zutun V. Putins.

  • Putin am 23.03.2014 03:00 Report Diesen Beitrag melden

    anders rum

    Noch weit teuerer wird für die EU die Ukraine!

  • diana am 22.03.2014 20:25 Report Diesen Beitrag melden

    das ist ein witz:-)

    Amerikaner haben x Milliarden in Maidan Revolution investiert und gingen leer aus und die Russen haben ein Profit mit Krim erzielt, find es lustig:-)

  • Micha K. am 22.03.2014 19:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mütterchen Russland, dein Weg u. Putin

    Das Problem bei den pro putins liegt darin, dass sie falsche Schluesse aus derm Fall ziehen. Die haben primär etwas gegen die EU, die mit der Schweiz etwas im Clinch ist und weil russland unter putin hier parallel sich gegen die EU stellt (im Gegensatz zur CH), ist Russland nun ihr Held. Mehr nicht. Werden dabei noch Anderes berücksichtigt, würde es bei denen ein böses Aufwachen geben. Das muss ich leider auch als Russen sagen!

    • ehemaliger Bürger der UdSSR am 23.03.2014 13:34 Report Diesen Beitrag melden

      So ist das

      Ihre Meinung ist sehr zutreffend. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Nichts mehr.

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