Debatte der Vizes

12. Oktober 2012 06:56; Akt: 12.10.2012 10:11 Print

Scharfes Wortgefecht führt zum Patt

von Martin Suter - In der zweiten Debatte des US-Wahlherbsts kreuzten die Kandidaten fürs Amt des Vizepräsidenten beherzt die Klingen. Unentschiedenen Wählern haben sie die Wahl nicht erleichtert.

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Mit seinen Worten hatte wahrscheinlich Joe Biden die Oberhand. Aber vor den Kameras sah Paul Ryan besser aus. Unter dem Strich endete das 90 Minuten dauernde Debattenduell zwischen den zwei Anwärtern auf Amerikas Vizepräsidentschaft gestern mit einem Unentschieden.

Vizepräsident Joe Biden war in mehrerer Hinsicht das Gegenteil seines republikanischen Herausforderers, des Abgeordneten Paul Ryan. Der 69-jährige Biden spielte seine reiche Erfahrung als langjähriger Politiker in Washington voll aus. Nichts vermochte ihn einzuschüchtern, und immer wieder fand er spontan kraftvolle Formulierungen. Ryans Behauptungen quittierte er mit «Blödsinn», «Geschwätz» und «Zeugs».

Biden unterstrich seine Passion für die Nöte der einfachen Leute. Wiederholt nannte er die Zahl der 47 Prozent - den Anteil jener Amerikaner, die der Präsidentschaftskandidat Mitt Romney im September als Schmarotzer bezeichnet hatte. Aber irritierend wirkte, dass er immer wieder grinste und feixte, während Ryan sprach.

«Das kriegt man in dieser Regierung: Reden»

Der 27 Jahre jüngere Ryan blieb vergleichsweise ruhig und beherrscht. Er verwendete trockene Formulierungen und vermied Aggression. Ryan bewies Faktenkenntnis, indem er seine Aussagen mit einer Unmenge von Zahlen spickte. Seinem Gegenspieler und dem Präsidenten Barack Obama warf er insbesondere vor, die Wirtschaft nicht wieder in Gang gebracht zu haben. «Das kriegt man in dieser Regierung: Reden», sagte Ryan. «Aber Führung erhalten wir keine.»

Die Vizedebatte fand in Kentucky statt und wurde von der ABC-Fernsehjournalistin Martha Raddatz geführt, einer Spezialistin für Aussenpolitik. Entsprechend erhielten sicherheitspolitische Fragen einen grossen Stellenwert. Paul Ryan warf Biden und Obama unter anderem vor, sie hätten die Bedeutung des Terrorangriffs auf das Konsulat von Benghazi in Libyen vom 11. September 2012 heruntergespielt. Joe Biden wiederum unterstellte Romney und Ryan, sie würden den Truppenabzug aus Afghanistan verzögern und einen Krieg gegen den Iran anzetteln wollen.

Beide Vizes erfüllten Erwartungen

Sprecher beider Seiten sahen ihre Schützlinge als Sieger. Stephanie Cutter vom Team Obama sprach von einem «entschiedenen Sieg Bidens»; der republikanische Parteipräsident Reince Priebus erklärte: «Der Schwung auf unserer Seite bleibt bestehen.» Nach dem Urteil der meisten Analysten hat der Vizepräsident seine Hauptaufgabe erfüllt und der nach dem Debattendebakel der Vorwoche schwächelnden Obama-Kampagne neue Energie eingeflösst. Umgekehrt habe der unerfahrene Paul Ryan eine wichtige Hürde genommen und sich als ausreichend «präsidentiell» präsentiert.

Die ausgeglichene Beurteilung wurde von einer Blitzumfrage von CNN bestätigt, wonach die TV-Zuschauer den Zweikampf als unentschieden wahrnahmen. 48 Prozent sahen Ryan als Sieger, 44 Prozent Biden. Dieser Einschätzung entsprach die Reaktion von repräsentativen Fokusgruppen unentschiedener Wähler, die von Fernsehsendern einberufen wurden. In der Gruppe von CNN erklärten drei Mitglieder, sie würden jetzt eher Obama wählen, und drei schwenkten zu Romney über. Bei Fox News kam keiner der Gruppenmitglieder einer Entscheidung näher.

Telegener Ryan

Im Grund spielte sich die Debatte auf mehreren Ebenen ab. Der konservative Kommentator Charles Krauthammer beschrieb die möglichen Wahrnehmungen so: Auf dem Transkript gelesen, wirken beide Kandidaten gleich stark; am Radio gehört, siegt Biden; aber am Fernsehen geschaut, gewinnt Ryan. Republikanische Kommentatoren freuten sich schon kurz nach der Debatte darauf, die vielen Momente von Joe Bidens Grinsen in einem Video aneinanderzumontieren. «Wochen und Monate später wird man sich an diese Bilder erinnern», sagte der einstige Bush-Berater Karl Rove voraus.

Andere Analysten prognostizierten keine grosse Wirkung der Debatte. Es sei genau so wahrscheinlich, dass man sie bis zum nächsten Obama-Romney-Duell am Dienstag vergessen werde. Dann werden die zwei Präsidentschaftskandidaten im Format eines Town-Meeting-Treffens aufeinandertreffen. Der Umfrageforscher Charlie Cook sagte zu den McClatchy-Zeitungen: «Vielleicht sollte man an den Debatten der Vizepräsidentschaftskandidaten die Klausel anbringen: Nur für Unterhaltungszwecke geeignet.»

Entertainment jedenfalls bot das Duell Biden-Ryan reichlich.

(Quelle: YouTube/AP)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • P. Buchegger am 12.10.2012 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Vize muss notfalls als Präsident taugen!

    Beim Ausfall des Präsidenten wird immerhin automatisch der Vize dessen Nachfolger bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen. Und da wäre mir persönlich mit dem erfahrenen Joe Biden doch viel wöhler als mit dem Greenhorn Paul Ryan, der mir zu sehr aus der Hüfte schiesst (George W. Bush-Typ) und noch keinen grossen Leistungausweis vorzuweisen hat - einmal ganz abgesehen von seinem hinterwäldlerischen Tea-Party-Gedankengut, das so gar nicht zu einem jungen, fortschritlichen Amerikaner passen will.

  • Rafael am 12.10.2012 07:44 Report Diesen Beitrag melden

    Aftermath

    Das direkte Duell mag zwar in einem Unentschieden geendet haben, aber nun wird entscheidend sein wie die Kontrahenten sich selbst nach dem Duell einschätzen und öffentlich werten. Bei der Aftermath können noch viel Sympathien verloren gehen.

  • Hans am 12.10.2012 08:04 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch Amerika

    Ich bin zwar kein grosser Befürworter der amerikanischen Politik, aber diese Duelle finde ich immer wieder spannend.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Karin Thurnheer am 12.10.2012 20:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ryan mit Fakten

    Ryan brachte eindeutige Fakten während Biden nur grinsen und herablässig sein konnte! Wer das nicht gemerkt hat, bei der gestrigen Debatte, steckt wie Vogel Strauss den Kopf in den Sand.

    • P. Buchegger am 12.10.2012 23:51 Report Diesen Beitrag melden

      Was, Fakten?

      Das Greenhorn Paul Ryan erzählte eben so viel offensichtlichen Unsinn, dass ein erfahrener Politiker wie Joe Biden ihn einfach nicht ernst nehmen konnte.

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  • Klaus am 12.10.2012 15:15 Report Diesen Beitrag melden

    Die Wahl

    Die Amis haben nicht wirklich die Wahl. So lange dort nur ein Zweiparteiensystem besteht, wird kaum was wirklich geschehen. Die andere Patrei kann jederzeit der Präsidentschaftspartei Knüppel zwischen die Beine werfen...

    • Thurnheer Karin am 12.10.2012 20:09 Report Diesen Beitrag melden

      Vielleicht doch besser

      Die Amerikaner haben sehr wohl die Wahl. Vielleicht ist das Zweiparteiensystem effizienter als das unserige in der Schweiz. Bei uns wird blockiert, wo man nur kann - so etwas von Schwerfälligkeit und Ineffizienz.

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  • P. Buchegger am 12.10.2012 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Vize muss notfalls als Präsident taugen!

    Beim Ausfall des Präsidenten wird immerhin automatisch der Vize dessen Nachfolger bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen. Und da wäre mir persönlich mit dem erfahrenen Joe Biden doch viel wöhler als mit dem Greenhorn Paul Ryan, der mir zu sehr aus der Hüfte schiesst (George W. Bush-Typ) und noch keinen grossen Leistungausweis vorzuweisen hat - einmal ganz abgesehen von seinem hinterwäldlerischen Tea-Party-Gedankengut, das so gar nicht zu einem jungen, fortschritlichen Amerikaner passen will.

  • Schweizmann am 12.10.2012 08:44 Report Diesen Beitrag melden

    Alle 4 Jahre

    Der gleiche Zirkus.

  • Hans am 12.10.2012 08:04 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch Amerika

    Ich bin zwar kein grosser Befürworter der amerikanischen Politik, aber diese Duelle finde ich immer wieder spannend.

    • Ich steh nicht auf Klamauk am 12.10.2012 09:31 Report Diesen Beitrag melden

      Spannend? Wohl eher hirnrissig

      Das ist doch alles Show. Es werden falsche Zahlen und Statistiken hervorgeholt und der Zuschauer schaut nach kurzer Zeit nur noch, ob die Krawatte sitzt, etc. Dieser ganze Zirkus ist doch das Herzstück der amerikanischen Politik. Ernsthafte Debatten oder Themen in einem breiteren Rahmen diskutieren? Fehlanzeige! Dann lieber die etwas langweilige, dafür ernsthaftere Schweizer Politik.

    • Peter Müller am 12.10.2012 11:26 Report Diesen Beitrag melden

      Langweilige Schweizer Politik?!

      Langweilige Schweizer Politik?! Es gibt mehrere SF Arena Aufzeichnungen, die aufzeigen, dass die Schweizer Politiker ebenfalls mit Zahlen um sich werfen, die jeder Grundlage widersprechen. Auch die Arena ist nichts anderes als Unterhaltung. Oder hast du das Gefühl, dass während der Sendung, die Schweizer nicht auch darauf achten, ob die Krawatte bzw. das Kleid sitzt! Fernsehen ist und bleibt halt ein Unterhaltungsmedium!

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