Präsidiales Coming-out

12. Mai 2012 00:45; Akt: 12.05.2012 00:46 Print

Obama wirbt mit Homo-Ehe um frustrierte Junge

von Peter Blunschi - Das Bekenntnis von US-Präsident Barack Obama zur Homo-Ehe ist politisch riskant. Finanziell aber profitiert er – und er könnte junge Wähler zurückgewinnen.

storybild

«Danke, Mr. President, dass Sie sich für meine Mamis einsetzen» - ein spezieller Gruss für Barack Obama während eines Besuchs am Donnerstag in Seattle. (Bild: Reuters/Larry Downing)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die «New York Times» spricht von einem «Wendepunkt»: Als erster US-Präsident hat Barack Obama seine Unterstützung für gleichgeschlechtliche Ehen bekundet. Bei einer Spendengala im Haus von Hollywood-Star George Clooney am Donnerstagabend legte er nach: Seine Haltung in dieser Frage sei die «logische Fortsetzung dessen, was Amerika sein sollte», erklärte Obama. Das Thema veranschauliche, wie sehr sich die Visionen unterschieden, die ihm selbst und den Republikanern für das Land vorschwebten.

Umfrage
Sollen Homosexuelle heiraten dürfen?
76 %
24 %
Insgesamt 3123 Teilnehmer

Obamas Bekenntnis in einem Fernsehinterview am Mittwoch ist Gesprächsthema Nummer eins in den USA. Die Homo-Ehe ist ein Reizthema in dem immer noch stark religiös geprägten Land. Erst am Dienstag haben die Stimmbürger im Bundesstaat North Carolina einen Verfassungsartikel mit 61 zu 39 Prozent angenommen, der die Ehe als Verbindung von Mann und Frau festschreibt. Bereits 31 Gliedstaaten haben Vorlagen verabschiedet, mit denen die Eheschliessung von Homosexuellen verhindert werden soll.

Konservative Gruppierungen jubeln denn auch über das «Geschenk» des Präsidenten. Umfragen zeigen jedoch, dass die Gesamtbevölkerung beim Thema Homo-Ehe bei 50:50 gespalten ist. Vor wenigen Jahren waren noch zwei Drittel der Amerikaner dagegen. Dies verdeutlicht den Wandel in der Gesellschaft. Selbst Konservative unterstützen die gleichgeschlechtliche Ehe, darunter der als Hardliner bekannte Ex-Vizepräsident Dick Cheney – seine Tochter ist lesbisch – und die frühere First Lady Laura Bush.

Biden bringt Fahrplan durcheinander

Barack Obamas «Coming out» erfolgte trotzdem nicht ganz freiwillig. Sie war eine Reaktion auf eine Aussage von Vizepräsident Joe Biden. Er hatte am Sonntag in einem NBC-Interview erklärt, sich «absolut wohl» dabei zu fühlen, wenn schwule Paare heirateten. Am Donnerstag hat sich Biden bei Obama für sein Vorpreschen entschuldigt. Ein Gewährsmann teilte mit, der Vizepräsident habe sein Bedauern und seine Reue darüber ausgedrückt, mit seiner öffentlichen Unterstützung für die Homo-Ehe dem Präsidenten zuvorgekommen zu sein.

Aus dem Weissen Haus hiess es, Obama sei seinem Vize, dessen lose Zunge berüchtigt ist, nicht böse. Vertraute des Präsidenten allerdings versteckten ihren Ärger nicht, denn Joe Biden sei in dieser Frage bislang als Bremser aufgetreten. Ausserdem habe er den Fahrplan des Präsidenten durcheinander gebracht. Dieser habe sich laut CNN im Verlauf des Wahljahres tatsächlich für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprechen wollen, allerdings zu einem genau bestimmten Zeitpunkt und begleitet von einer umfassenden Kampagne.

Junge sollen mobilisiert werden

In Obamas Wahlkampfteam ist man sich bewusst, dass ein solcher Schritt riskant ist. Der Präsident könnte bei religiösen Schwarzen und Latinos, die häufig katholisch-konservative Wertvorstellungen vertreten, an Unterstützung einbüssen. Doch es gibt «klare Vorteile», so die «New York Times». Obama könne grosse Teile seiner Basis mobilisieren, vor allem jüngere Wähler. Sie befürworten die Ehe für Schwule und Lesben deutlich, und sie haben vor vier Jahren in grosser Zahl für Obama und seine Botschaft des «Change» gestimmt.

Seither haben sich viele vom ersten schwarzen Präsidenten abgewandt. Sie sind enttäuscht über fehlenden Wandel und die Nachgiebigkeit von Obama gerade in Fragen der Bürgerrechte (Stichwort Guantánamo). Die Gefahr bestand, dass die Jungen bei der Wahl im November frustriert zu Hause geblieben wären. Jetzt hat Obama ihnen neuen Schwung verliehen. Stars wie Lady Gaga, Eva Longoria und Justin Timberlake haben ihn beglückwünscht, und sogar Trash-Promi Kim Kardashian zeigte sich auf ihrer Website begeistert.

Eine Million Dollar in 90 Minuten

Ausgezahlt hat sich das Homo-Outing bereits im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich in Barack Obamas Wahlkampfkasse. Die Reaktionen auf sein Statement seien «erstaunlich» gewesen, sagte ein Sprecher von Obamas Wahlkampfteam der «Washington Post». In den 90 Minuten nach dem Interview seien Spenden von einer Million Dollar eingegangen. Auch mehrere einflussreiche schwule Geldgeber, die Obama nicht mehr unterstützen wollten, haben laut Medienberichten ihr Portemonnaie nun doch geöffnet.

Die Republikaner verfolgen die Debatte mit gemischten Gefühlen. Während die religiöse Rechte jubelt, zeigen sich Präsidentschaftskandidat Mitt Romney und das Establishment von ihrer defensiven Seite. Romney bekräftigte seine Ablehnung der Homo-Ehe, ansonsten versuchte er am Donnerstag mit wenig Erfolg, die Aufmerksamkeit wieder auf die lahme US-Wirtschaft zu lenken – das einzige Thema, bei dem er in den Umfragen gleichauf mit Obama liegt. Der gesellschaftliche Wandel in den USA ist auch den Republikanern nicht entgangen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Eine Heirat ist *nicht* die offizielle Vereinigung zur Produktion von Nachkommen, sondern die offizielle Bekanntgabe, dass zwei mündige Menschen zusammengehören. Sonst müssten ja alle Partner vor der Ehe klinisch auf die Zeugungsfähigkeit überprüft und die Ehe im Falle der Unfähigkeit verweigert werden. Wenn sich zwei mündige Personen lieben soll Ihnen auch das Recht zukommen, als Gemeinschaft anerkannt zu werden. Warum willst Du ihnen das verwehren? – Bojo

Bin hetero doch ich hoffe dass es den Homosexuellen erlaubt wird zu heiraten da man es sich nicht aussuchen kann welche sexuelle Neigung man empfindet. Ausserdem darf man lieben wenn man will. Und Obama wirds richten!!! Yes we can! – Rego

Leider haben Homosexuelle bisher nicht überall das gleiche Recht. Also muss es Thema sein, bis es soweit ist. Hut ab vor Obama, dass er sich in den teilweise hoch konservativen USA für die Gleichstellung einsetzt. Ob Wahlkampf oder nicht - wenn es hilft, ist mir das Mittel recht. – Leoline

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Silvio Foiera am 13.05.2012 16:03 Report Diesen Beitrag melden

    traditionelle Ehe != "homo Ehe"

    Wenn Mann & Frau heiraten bestehen gute Chancen, dass nächtens Nachwuchs geplant ist. Dies sichert mitunter den Fortbestand des Staates. Da dann oft ein zweites Einkommen wegfällt, bzw die Familie mit einem Einkommen versorgt werden muss, wird diese Form des Zusammenlebens auch steuerlich begünstigt, was korrekt ist. Diese Unterstützung ist bei Homosexuellen welche meist DINKs sind nicht nötig. Deswegen sollte auch weiterhin ein Unterschied zwischen Familien-Ehe und Homo-Partnerschaft bestehen. Erbschaft, Besuchsrecht im Krankheitsfall, etc... kann man auch ausserhalb der Ehe regeln.

    einklappen einklappen
  • Paul Schmied am 12.05.2012 03:08 Report Diesen Beitrag melden

    Win-Win

    Ich verstehe die Leute nicht, welche die Homo-Ehe ablehnen. Wenn man Schwule und Lesben mag, gönnt man ihnen die juristische Absicherung und den symbolischen Akt der Hochzeit. Wenn man sie nicht mag, freut man sich darüber, dass sie auch das Joch der Ehe tragen müssen/dürfen/können. So oder so eine Win-Win-Situation. Da aber viele Menschen in Amerika eher konservativ-religiös sind, kann ich mir gut vorstellen, dass das Obama mehr Stimmen kosten als bringen wird. Für mich ist seine Entscheidung korrekt.

  • Joe von Rohr am 12.05.2012 01:06 Report Diesen Beitrag melden

    Skandaloes...

    ...dies zeigt wie Obama funktioniert und wie er jeden Tag die USA weiter in den Sumpf zieht. Aber zum Glueck hat er sich mit dieser Aeusserung nun ins Abseits gestellt.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • David Baumann am 15.05.2012 22:58 Report Diesen Beitrag melden

    Chapeau!

    Dass sich Obama, einer der mächtigsten Menschen dieser Welt und Präsident der grössten Volkswirtschaft, öffentlich für die gleichgeschlechtliche Ehe ausspricht, in ein gewaltiger Schritt für die gesellschaftliche Liberalisierung. Wahlkampf hin oder her, sowas macht Eindruck!

  • denko am 14.05.2012 07:25 Report Diesen Beitrag melden

    keiner sollte heiraten dürfen

    weiss gar nicht warum die homosexuellen so darauf beharren heiraten zu dürfen, ich würde diese institution für alle abschaffen.... wenn man zusammenleben will soll man das... wenn man auseinander gehen will soll man das... aber so gibts nur unnötige hindernisse wenn man sich trennen will.... wir leben im jahr 2012, da sollte ein papier auf dem zwei unterschreiben dass sie nun für immer zusammen sein wollen nicht mehr so eine wichtige rolle im leben spielen

  • Silvio Foiera am 13.05.2012 16:03 Report Diesen Beitrag melden

    traditionelle Ehe != "homo Ehe"

    Wenn Mann & Frau heiraten bestehen gute Chancen, dass nächtens Nachwuchs geplant ist. Dies sichert mitunter den Fortbestand des Staates. Da dann oft ein zweites Einkommen wegfällt, bzw die Familie mit einem Einkommen versorgt werden muss, wird diese Form des Zusammenlebens auch steuerlich begünstigt, was korrekt ist. Diese Unterstützung ist bei Homosexuellen welche meist DINKs sind nicht nötig. Deswegen sollte auch weiterhin ein Unterschied zwischen Familien-Ehe und Homo-Partnerschaft bestehen. Erbschaft, Besuchsrecht im Krankheitsfall, etc... kann man auch ausserhalb der Ehe regeln.

    • Patrick Bucher am 14.05.2012 00:41 Report Diesen Beitrag melden

      Steuervorteile?

      Durch die Ehe entstehen eigentlich keine Steuervorteile. Zumindest hier nicht. Erst wenn Kinder kommen gibts auch Kinderzulagen. Das ist auch gut so. Es geht dabei übrigens nicht darum, mehr Kinder zu züchten, sondern den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Das Thema "Ehe=Kinderkriegen" ist schlichtweg kein Argument gegen die Homoehe.

    • David Spörri am 14.05.2012 09:17 Report Diesen Beitrag melden

      Homo-Ehen können adoptieren

      Und haben Interesse daran. Bekanntestes Vorbild: Neil Patrick Harris (Barney aus How I Met Your Mother).

    einklappen einklappen
  • Manuel Oder am 13.05.2012 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    Obama geht ein Risiko ein, aber...

    ... er würde dies nicht tun, wenn seine Berater und Demographen nicht ausgerechnet hätten, das ihm die Entscheidung nützt. Natürlich stösst der die Republikaner damit vor den Kopf, aber deren Wähler hätten ja sowieso nicht Obama gewählt. Das Risiko ist also kalkuliert und überschaubar - und könnte (zu recht) ein weiterer Grund sein, weshalb Obama nochmals für vier Jahre gewählt wird. Ich wünsche ihm das auch.

  • Rego am 12.05.2012 22:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einmal mehr Obama

    Bin hetero doch ich hoffe dass es den Homosexuellen erlaubt wird zu heiraten da man es sich nicht aussuchen kann welche sexuelle Neigung man empfindet. Ausserdem darf man lieben wenn man will. Und Obama wirds richten!!! Yes we can!