Kinder als Killer

12. August 2010 21:06; Akt: 12.08.2010 21:23 Print

«... dann kann ich nicht mehr schlafen»

Sie verbreiten Furcht und Schrecken - und sind selbst Opfer: Kindersoldaten der ugandischen Rebellenarmee LRA morden und foltern im Auftrag ihrer Kommandeure.

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Kindersoldaten im Kongo. (Bild: Keystone)

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Worum es Joseph Kony, Kommandeur der «Widerstandsarmee des Herrn» (LRA), in seinem bald 25 Jahre dauernden Kampf eigentlich geht, lässt sich nur schwer sagen. Einst wollte er in seiner ugandischen Heimat einen fundamentalistischen Gottesstaat errichten - mit fragwürdigen Methoden.

Konys Krieger entführten innerhalb von nahezu 20 Jahren rund 30 000 Kinder, missbrauchten sie als Kämpfer und Sexsklavinnen. Morde, Vergewaltigungen, Folter machten den Menschen in den Dörfern Nordugandas das Leben zur Hölle - bis Kony von der ugandischen Armee vertrieben wurde.

Doch das Blutvergiessen und die sinnlose Gewalt sind nicht beendet, sie haben sich nur verlagert. Von ihrem Schlupfwinkel in der Region Bas-Uele im Nordkongo aus überfallen die Rebellen weiterhin Dörfer - nicht nur im Kongo, sondern auch im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik.

Zu Mördern gedrillt

Allein in den vergangenen 18 Monaten verschleppte die LRA fast 700 Menschen. Ein Drittel davon sind Kinder, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) nach mehrwöchigen Untersuchungen im Nordkongo und in der Zentralafrikanischen Republik berichtete. In der Region waren Zehntausende vor dem Terror aus ihren Dörfern geflohen.

Experten schätzen, dass die LRA nur wenige hundert «echte» Mitglieder hat. Die meisten der Kämpfer sind Kinder und Jugendliche, die systematisch zu grausamen Killern gedrillt werden. Viele von ihnen mussten bei der Entführung den Tod der eigenen Eltern mitansehen - oder wurden gezwungen, Eltern, Geschwister oder Freunde zu töten.

Widerstand wird mit dem Tod bestraft. Auch die erwachsenen Kämpfer der LRA sind in vielen Fällen ehemalige Kindersoldaten, die sich an kaum etwas anderes erinnern als an das Leben und Töten im Busch.

Schreckliche Erinnerungen

Wer fliehen kann oder nach einem Kampf verwundet zurückgelassen wurde, ist meist schwer traumatisiert. Ein zwölfjähriges Mädchen erzählte den HRW-Mitarbeitern, es habe bei der Ermordung Dutzender erwachsener Gefangener mitmachen müssen.

«Die LRA hat ihnen die Hände auf dem Rücken zusammengebunden und sie gezwungen, sich auf den Boden zu legen. Dann gaben sie uns schwere Holzknüppel und zwangen uns, den Gefangenen so lange auf den Kopf zu schlagen, bis sie tot waren.»

Ein 15-jähriger ehemaliger Kindersoldat sagte, er sei nach acht Monaten Gefangenschaft nicht mehr derjenige, der er einmal gewesen sei. «Ich denke oft daran, wie viele Menschen ich getötet habe, und dann kann ich nicht mehr schlafen. Ich werde nie vergessen, wozu sie mich gezwungen haben.»

Von der Familie verstossen

Alpträume, Depressionen, Selbsthass - das kennt auch Alice Achan, die im nordugandischen Pader ein Ausbildungszentrum für ehemalige Kindersoldatinnen leitet. Hier können die jungen Frauen einen Schulabschluss nachholen und einen Beruf lernen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu sichern - Kinder, die aus der Zwangsehe mit LRA-Offizieren stammen.

Oft wurden die Mädchen und Frauen nach Flucht oder Freilassung von ihren Familien und Dorfgemeinschaften ausgestossen - mit ihnen und ihren «Rebellen-Bastarden» wollte niemand etwas zu tun haben.

«Diese jungen Mütter müssen erst einmal wieder lernen, dass sie etwas wert sind», sagt Achan. «Sie erfahren zu oft nur Verachtung und Hass.» Und sie spüren die Angst der anderen, selbst der eigenen Familie.

Im ugandischen Gulu, wo ehemalige Kindersoldaten von Therapeuten betreut und wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden, werden viele nicht von ihren Familien abgeholt. Zu gross ist die Furcht vor der Vergangenheit der Kinder in der LRA.

(sda)