Syrien-Reportage

07. Dezember 2018 17:08; Akt: 07.12.2018 17:08 Print

«Als Frauen kämpfen wir erst recht gegen den IS»

von Ann Guenter - 20 Minuten übernachtet für einige Tage an der Front zur IS-Hochburg Hajin – bei den Frauen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPJ.

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Das Ziel vor Augen: 20 Minuten bei den Frauen der Verteidigungseinheiten YPJ, die neben den Männern der Kurdenmiliz YPG an vorderster Front gegen den IS kämpfen. Die jungen Frauen sind alle waffenvernarrt. Amara (23) schwärmt von ihrem BKC-Maschinengewehr, dem sie den Kosenamen Gazelle gegeben hat: «Es ist so zielsicher.» Die jungen Frauen schwören auf den Schutz der Waffe, sie nimmt ihnen die Angst. «Wir fürchten den Tod nicht», sagen sie. «Aber wir haben Angst, dass der IS uns gefangen nehmen könnte.» Wieso kämpfen sie? «Der IS steht für Vergewaltigungen, für die Unterdrückung der Frau schlechthin», sagt Avin (21), «Als Frauen müssen wir erst recht gegen diese Terroristen kämpfen. Und natürlich kämpfen wir auch für unser Land.» 4 Uhr morgens an der Front zur IS-Hochburg Hajin: Sie beendet gerade die Wache auf dem Dach des Quartiers dieser YPJ-Einheit. Die IS-Hochburg Hajin am Euphrat liegt im Südosten Syriens. Es ist eiskalt und es liegt dichter Nebel. Der IS greift gern im Morgengrauen und bei solch schlechter Sicht an. Doch heute bleibt es ruhig. Zeitvertrieb der Wachen. Erraten Sie, was die Figur aus Lehm darstellt? Einen IS-Kämpfer mit einem Hund daneben – sprich eine Beleidigung. Um 4.30 Uhr stehen alle auf. Jede hat eine Aufgabe. Holz zerkleinern ... ... und Feuer machen. Die Frauen leben und schlafen in dem ungeheizten Quartier unter den einfachsten Bedingungen. Hygiene und vor allem ... ... die Haarpflege werden grossgeschrieben. Die Kämpferinnen sind mitunter wahre Haar-Künstlerinnen. Um sich zu waschen, werden Wasserflaschen an den Rand des Feuerrostes gelegt und vorsichtig erwärmt. Bis 5.30 Uhr haben jeweils zwei Kämpferinnen das Morgenessen zubereitet. Auf offenem Feuer braten sie Büchsenfleisch und Eier. Gegessen wird morgens und ... ... abends an einem langen Tisch im Stehen, denn Stühle gibt es hier nicht. Abwaschen: mit Wasser aus dem nahen Euphrat-Fluss. Es dunkelt früh ein. Dann sitzen die Frauen ums Lagerfeuer und singen. Gegen 20 Uhr gehen die meisten ins Bett. Tagsüber haben sie dann aber doch Zeit für einige Blödeleien. Die jungen Frauen kuscheln oft miteinander, die körperliche Nähe tröstet sie. Denn sie gehören den so genannten ... ... Cadros an. Diese verschreiben sich Zeit ihres Lebens dem bewaffneten Kampf. Sie erhalten keinen Sold, haben keinen Kontakt zu ihrer Familie, sie dürfen nie heiraten und Kinder haben. Auf Patrouille. Sie blickt mit dem Fernstecher Richtung Hajin. In der rund zwei Kilometer entfernten Stadt haben sich hohe IS-Kommandanten und Hunderte IS-Kämpfer verschanzt. Sie macht eine 50 BMG-Langwaffe einsatzbereit. «Frauen und Männer unterscheiden sich im Kampf nicht gross», sagt Kommandantin Shilan. «Frauen haben höchstens etwas mehr Geduld.» Vor den Scharfschützen des IS, «vor allem vor den Tschetschenen unter ihnen», haben sie am meisten Respekt. Die Verteidigungseinheiten der YPJ umfassen offiziell über 22'000 Kämpferinnen.

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Fehler gesehen?

«Wie ist es, als Frau eine IS-Kämpferin zu töten?» Kommandantin Shilan (37) windet sich. «Um ehrlich zu sein», sagt sie dann und blickt einen mit ihrem festen Blick an, «habe ich das noch nie gemacht». Das letzte Mal, als sie vor dieser Entscheidung stand, habe sie einen Kollegen gebeten, eine IS-Scharfschützin zu erschiessen. «Heute muss ich sagen, dass das ein Fehler war. Die Schützin hätte nicht gezögert und uns alle umgebracht.» Wir sitzen rund ums Feuer auf leeren Munitionskisten. Es sind abartige Gespräche. Aber im Krieg wird das Abnormale normal, in beängstigend kurzer Zeit.

20 Minuten kann für einige Tage an der Front übernachten – bei den Frauen der Verteidigungseinheiten YPJ, die offiziell über 22'000 Kämpferinnen umfassen. Sie kämpfen neben den Männern der Kurdenmiliz YPG. Mehrheitlich sind es Kurdinnen, doch gerade im sunnitischen Gouvernement Deir ez-Zor haben sich viele Araberinnen den YPJ angeschlossen. So wie Rosalin (20) aus der einstigen IS-«Hauptstadt» Raqqa. Sie brennt darauf, in den Kampf zu ziehen und streichelt ihr altes Gewehr. «AK47 und Granaten sind meine Lieblingswaffen», sagt sie.

Respekt vor tschetschenischen IS-Scharfschützen

Die zarte Rosalin gehört einer operativen Einheit der YPJ an. Sie und die anderen acht jungen Frauen sichern die zweite Linie, kämpfen aber auch an vorderster Front mit. Ihr Vertrauen in die Kommandantin ist gross. Diese hat gegen den IS in Kobane und Raqqa gekämpft, war auch gegen die türkische Militäroffensive in Afrin im Einsatz. «Frauen und Männer unterscheiden sich im Kampf nicht gross», sagt sie. «Frauen haben höchstens etwas mehr Geduld.» Wovor hat sie in dieser letzten Schlacht gegen den IS am meisten Respekt? «Vor den Scharfschützen des IS, vor allem vor den Tschetschenen unter ihnen.»

Shilans Tabûr oder Einheit lebt in einem leerstehenden Haus an der aktuellen Front. Um 4 Uhr wird die Wache auf dem Dach abgelöst, um 4.30 Uhr stehen alle anderen auf. Bis 5.30 Uhr haben jeweils zwei Kämpferinnen das Morgenessen zubereitet: Auf offenem Feuer braten sie Büchsenfleisch und Eier. Gegessen wird an einem langen Tisch im Stehen, denn Stühle gibt es hier keine. Das WC ist hinter dem Haus, ein Loch im schlammigen Boden. Hygiene und vor allem die Haarpflege werden grossgeschrieben: Dafür werden Wasserflaschen an den Rand des Feuerrostes gelegt und lauwarm erhitzt, sodass das Plastik nicht schmelzen kann.

Cadros haben keinen Kontakt mehr zur Familie

Die jungen Frauen sind fast noch Mädchen, keine ist viel älter als 20. Sie sind so genannte Cadros. Diese verschreiben sich Zeit ihres Lebens dem bewaffneten Kampf. Sie erhalten keinen Sold, haben keinen Kontakt zu ihrer Familie, dürfen nie heiraten und Kinder haben. Auch der Gebrauch sozialer Medien scheint ihnen untersagt. Auf der Hauptbasis, wohin sie alle paar Wochen zurückkehren, werden sie ideologisch getrimmt und lesen die Werke von PKK-Übervater Öcalan.

Es gibt Berichte, wonach die kurdischen Volksverteidigungseinheiten Minderjährige in ihre Reihen zwangsrekrutieren. Kommandantin Shilan winkt ab: «Das war früher mal so, das machen wir heute nicht mehr.» Das zu glauben, fällt schwer angesichts der vielen jungen Kämpferinnen.

«Als ob man auf einem Felsen die Wolken umarmt»

Wieso kämpfen sie? «Der IS steht für Vergewaltigungen, für die Unterdrückung der Frau schlechthin», sagt Avin (21). «Als Frauen müssen wir erst recht gegen diese Terroristen kämpfen. Und natürlich kämpfen wir auch für unser Land.»

Waffenvernarrt sind sie alle. Amara (23) schwärmt von ihrem BKC-Maschinengewehr, dem sie den Kosenamen Gazelle gegeben hat: «Es ist so zielsicher.» Die jungen Frauen schwören auf den Schutz der Waffe, sie nimmt ihnen die Angst. «Wir fürchten den Tod nicht», sagt Diruk (20). «Aber wir haben Angst, dass der IS uns gefangen nehmen könnte.» Und wie fühlt es sich an, wenn sie gegen den IS siegreich hervorgehen? «Als ob man», antwortet Kommandantin Shilan, «auf einem Felsen steht und die Wolken umarmt.»