Kurdistan

21. Dezember 2018 19:32; Akt: 21.12.2018 19:32 Print

«Auch wenn der Krieg brutaler wird – ich bleibe»

von Zora Schaad - Claudio* ist Schweizer und unterstützt als Sanitäter die Kurden in Nordostsyrien. Trumps Entscheidung, seine Soldaten abzuziehen, bestürzt ihn. Aufgeben ist allerdings keine Option.

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Die Kurden in der Demokratischen Föderation Nordostsyrien/Rojava trifft der Abzug der US-Truppen besonders hart. Sie leben seit 2012 in einer de facto autonomen Region, in der sie zusammen mit Menschen anderer Ethnien ihre «Revolution» umsetzen und in einer «demokratischen, feministischen und ökologischen Gemeinschaft» leben wollen. Bis anhin haben die kurdischen Milizen stark von amerikanischer Militärhilfe profitiert – nun bleiben sie auf sich gestellt und ohne Schutz zurück.

«Das ist grünes Licht für eine türkische Offensive», sagt Kurdistan-Experte Mutlu Civiroglu zum Entscheid Trumps, seine «Soldaten nach Hause zu holen». «Wenn die Entscheidung über den Rückzug wirklich umgesetzt wird, wird das den Weg für die Türkei ebnen, ihre Operationen gegen die Kurden aufzunehmen, und ein blutiger Krieg wird beginnen.»

«Die Arbeit im Spital gibt mir viel Kraft»

Claudio* arbeitet als Sanitäter im Militärkrankenhaus in Hasake und unterstützt die kurdischen Volksverteidigungseinheiten in der Demokratischen Föderation Nordostsyrien/Rojava. Auch der Schweizer befürchtet den Einmarsch türkischer Truppen in naher Zukunft.

Wie geht es dir nach Trumps Ankündigung,
die amerikanischen Truppen abzuziehen? 

Ich habe gemischte Gefühle. Der Abzug ist ein klares Signal an Erdogan anzugreifen. Wenn seine Truppen einmarschieren, wird der Krieg brutaler. Aber eigentlich bin ich nicht erstaunt über Trumps Entscheidung. Für mich als internationalen Helfer, der die Idee vertritt, dass wir den Kampf für Gerechtigkeit und gegen den Kapitalismus überall führen müssen, war klar, dass die USA unser revolutionäres Gesellschaftsprojekt niemals unterstützen würden. Für die Verteidigung von Rojava können wir nur auf unsere eigenen Kräfte zählen, das haben die letzten Tage nochmals deutlich gezeigt.

Welche konkreten Auswirkungen hat der Abzug der Amerikaner für dich?
Meine Arbeit ist jetzt schon vom Krieg geprägt. Im Spital, in dem ich arbeite, kommen jeden Tag Verletzte aus dem Kampf gegen den IS an der Front in Deir-ez-Zor. Und es ist hart zu sehen, wie brutal der IS seinen Krieg führt. Doch die Arbeit im Spital gibt mir viel Kraft, das Gefühl der Freundschaft und Solidarität ist sehr stark: Egal zu welcher Urzeit, auch mitten in der Nacht, wir stehen alle auf und versorgen die Verletzten gemeinsam.

Wie hast du den Moment der Ankündigung erlebt?
Es war ein sehr bewegender Moment. Die Reaktion der Menschen um mich herum war eindrücklich: Für alle war sofort klar, dass wir gemeinsam dieses Projekt einer neuen solidarischen Gesellschaft, in der mitten im Bürgerkrieg verschiedene Völker friedlich zusammenleben, verteidigen müssen. Insbesondere die Frauen hier sind unglaublich entschlossen, weil sie seit der Afrin-Besetzung wissen, dass sich ein Angriff der Türkei auch ganz gezielt gegen die Errungenschaften der Frauenbewegung richtet.

Auch für mich als internationalen Helfer ist die Entscheidung klar: Wie die ganze Bevölkerung werde auch ich hier bleiben und dahin gehen, wo meine Arbeit gebraucht wird.

Trumps Entscheidung spielt dem IS in die Hände. Was bedeutet das für euch?
Wir werden im Kampf gegen den IS geschwächt, weil Erdogan den Truppenabzug der Amerikaner als klares Signal zum Angriff werten wird. Wir müssen Truppen verschieben, die in der Verteidigung gegen die Türkei eingesetzt werden können. Der IS wird die Chance nutzen und uns verstärkt angreifen.

* Name von der Redaktion geändert