Weitere Eskalation

17. Februar 2011 15:58; Akt: 17.02.2011 18:13 Print

«Bahrain ist eine neue Dimension»

von Kian Ramezani - Bisher war die arabische Protestbewegung pro-westlich. Die Gewalt in Bahrain vor den Augen der US-Armee könnte das ändern, warnt Ulrich Tilgner im Interview.

Polizisten in Manama, Bahrain haben den von Demonstranten besetzten Perlen-Platz gewaltam geräumt. (Video: Youtube/Euronews)
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Nach dem Umsturz in Tunesien und Ägypten schwappt das Revolutionsfieber auf vermeintlich «sichere» Regimes wie in Libyen und Bahrain über. Nach Angaben der libyschen Opposition haben staatliche Sicherheitskräfte am Mittwoch in der Stadt Bejida vier Demonstranten getötet. Für den Donnerstag haben Regierungsgegner im Internet zu landesweiten Protesten gegen den Staatschef Muammar Gaddafi aufgerufen.

In Bahrain, wo die 5. Flotte der US Navy ankert, kam es am vierten Tag der Proteste gegen die Regierung ebenfalls zu gewalttätigen Zusammenstössen mit der Polizei. Bei den Auseinandersetzungen wurden nach Angaben von Ärzten vier Menschen getötet.

20 Minuten Online sprach mit dem langjährigen Nahostexperten Ulrich Tilgner, der sich momentan in Teheran aufhält, über seine Einschätzung dieser weiteren Eskalation der Proteste.

20 Minuten Online: Nach Tunesien glaubte man, in Ägypten sei ein Umsturz nicht möglich. Nach Ägypten glaubte man, in Libyen sei er nicht möglich. Gibt es derzeit noch irgendwelche Regimes im Nahen Osten, die sicher im Sattel sitzen?

Ulrich Tilgner: Das ist derzeit noch schwer abzuschätzen. In Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten sind vermutlich keine dramatischen Veränderungen zu erwarten. In Libyen muss man sicher die weitere Entwicklung beobachten. In der vergangenen Nacht haben in Bahrain Polizei und Armee, in denen auch ausländische Söldner dienen, die nicht einmal Arabisch sprechen, ein Massaker unter den Demonstranten angerichtet. Das verleiht der ganzen Entwicklung eine neue Dimension.

Sie meinen, weil Bahrain am Persischen Golf und nicht in Nordafrika liegt?
Ja. Die weitere Entwicklung in Bahrain hat Konsequenzen für Saudi-Arabien, die USA und Iran.

Das alles sind sehr unterschiedliche Länder, die hier miteinander verglichen werden. Sehen Sie dennoch übergeordnete, gemeinsame Faktoren, die einen Umsturz mehr oder weniger wahrscheinlich machen?
Da gibt es die Komponente der Jugend, der Arbeitslosigkeit, der sozialen Notstände. Das trifft auf Länder wie Libyen, Ägypten, Jemen, Tunesien und Iran zu. Die reichen Golfmonarchien haben da mehr Möglichkeiten, ihre Bevölkerung ruhig zu halten. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Frage, ob es zwischen der Jugend und der etablierten Opposition zum Schulterschluss kommt, wie das etwa in Ägypten geschehen ist. Bei der etablierten Opposition ist davon auszugehen, dass sie einfach die Gunst der Stunde nutzen wollen. Die Jugend hingegen stellt viel grundsätzlichere Forderungen.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Gefahr, dass sich die Forderungen der Jugend, der etablierten Opposition und anderen Akteuren nach dem Umsturz wieder auseinander bewegen? Der Irak zum Beispiel tut sich ja eher schwer mit seiner parlamentarischen Demokratie.
In den ersten Wochen nach dem Sturz Saddam Husseins haben der US-Zivilverwalter und die Streitkräfte so entscheidende Fehler gemacht, dass der Irak bis heute unter ihnen leidet. In Ägypten und Tunesien existiert eine andere Ausgangssituation. Die Diktatoren wurden nicht durch ausländische Invasionsarmeen sondern durch Protestbewegungen im Inneren gestürzt. Die verschiedenen Strömungen der Opposition wissen um die Schwierigkeiten bei den Änderungen. Möglicherweise einen die Probleme. Im Irak hat es das Auseinanderdriften der Volksgruppen gegeben. Aus dieser Entwicklung kann und sollte man lernen.

Iran hatte seine Revolution vor über dreissig Jahren und steht heute nicht besser da. Wie beurteilen Sie die Chancen, dass sich in jenen Ländern, in denen der Umsturz gelingt, das Leben der Menschen wirklich verbessert?
Iran hat in den vergangenen 32 Jahren einiges erreicht, das wird vom Westen nicht immer ausreichend gewürdigt. In Ägypten und Tunesien, die beide über keine Rohstoffvorkommen verfügen, wird es sehr schwierig. Letztlich kommt es darauf an, auf welche Einnahmen diese Staaten zurückgreifen können. Genau dieses Problem sieht man aktuell in Tunesien. Ägypten ist immerhin ein sehr bevölkerungsreiches Land und meines Erachtens der Prüfstein, ob der Wandel wirklich gelingen kann.

Was hat der Westen in dieser Entwicklung zu gewinnen und zu verlieren?
Der Westen hat sehr viel zu gewinnen, denn die Forderungen nach Freiheit und Bürgerrechten sind ja letztlich auch westliche Werte. Die jugendliche Protestbewegung war in diesem Sinn pro-westlich. Wenn aber wie in Bahrain praktisch in Sichtweite der dort stationierten amerikanischen Marine Menschen getötet und dann nicht einmal Ambulanzen durchgelassen werden, kann das zu einer extremen Belastung für den Westen werden.