Geehrter Dissident

10. Dezember 2010 12:48; Akt: 10.12.2010 16:06 Print

«China fühlt sich vom Westen erniedrigt»

von Peter Blunschi - Mit Hysterie reagiert China auf die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo. Und beweist damit nur, wie berechtigt die Auszeichnung ist.

storybild

Ein Polizist stoppt einen Fotografen vor dem Eingang zur Wohnsiedlung, in der die Ehefrau von Liu Xiaobo unter Hausarrest lebt. (Bild: Reuters/David Gray)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Es ist noch nicht lange her, da kannte kaum jemand den Namen Liu Xiaobo. Selbst in seiner chinesischen Heimat war der 54-jährige Menschenrechtler weitgehend unbekannt. Doch dann gab das norwegische Nobel-Komitee bekannt, ihm dieses Jahr den Friedensnobelpreis zu verleihen. Seitdem attackiert Peking den Entscheid mit zunehmender Heftigkeit.

Je näher die Zeremonie rückte, umso schriller wurden die Töne. Eine Sprecherin des Aussenministeriums bezeichnete die Unterstützer Lius als «Clowns». Dutzende Bürgerrechtler stehen unter Hausarrest, wurden festgenommen oder mit Drohungen eingeschüchtert. Der Wohnblock in Peking, in dem Liu Xia lebt, die Ehefrau des Preisträgers, wurde am Freitag von der Polizei abgeriegelt. Zudem waren westliche TV-Sender wie CNN, BBC und der norwegische Kanal NRK sowie deren Internetseiten nicht mehr abrufbar.

Chinas Führung im Dilemma

Damit hat das Regime in Peking das Gegenteil von dem bewirkt, was es beabsichtigte: Der gewaltige Druck und die Verleumdungskampagne gegen den inhaftierten Menschenrechtler haben für eine breite Öffentlichkeit gesorgt. Liu Xiaobo, der von China als «Krimineller» bezeichnet wird, steht nun in einer Reihe mit anderen Preisträgern wie Nelson Mandela und Aung San Suu Kyi. «Genau davor fürchten sich die chinesischen Führer», sagte ein namentlich nicht genannter Politanalyst aus Peking gegenüber CNN.

Dabei war eine solche Entwicklung absehbar. Umso mehr stellt sich die Frage, warum China dermassen überreagiert. Für den CNN-Kolumnisten und intimen China-Kenner Jaime FlorCruz zeigen sich die alten Verwerfungslinien in einem Land, das einerseits für Modernität und Fortschritt stehen will und gleichzeitig «den Fluss der Ideen und die Redefreiheit kontrolliert». Die Preisverleihung habe die chinesische Führung in ein Dilemma gestürzt: «Die einen wollten eine gesichtswahrende Lösung finden, andere zurückschlagen und weitere die Sache einfach aussitzen», zitiert FlorCruz eine Regierungsquelle in Peking.

Nobelpreis hat hohen Stellenwert

Offenkundig haben die Hardliner gewonnen. Eine Erklärung dafür könnten die alten Minderwertigkeitskomplexe im «Reich der Mitte» gegenüber dem Westen sein, den man bewundert und imitiert und von dem sich gleichzeitig unverstanden fühlt. Der Friedensnobelpreis werde als vorsätzlicher Versuch des Westens gesehen, «China und seine derzeitige Führung in Verlegenheit zu bringen und zu erniedrigen», schreibt der Asienexperte Kerry Brown von der Londoner Denkfabrik Chatham House auf BBC Online.

Beim Thema Nobelpreis reagiere China besonders sensibel, denn dieser habe einen hohen Stellenwert, so Brown weiter. Lange habe «das starke Verlangen» bestanden, einmal einen eigenen Gewinner einer solchen Auszeichnung zu haben. Doch bereits 2001 habe sich China brüskiert gefühlt, als der Literaturnobelpreis an Gao Xingjian vergeben wurde, einen Regimegegner, der seit 1990 im Exil lebt. Der jetzige Akt habe diese Gefühle noch verstärkt: «Der Eindruck entsteht, dass China keine international anerkannten Wissenschaftler, Ökonomen oder Autoren hervorbringen kann, sondern nur Weltklasse-Dissidenten.»

Eigener Friedenspreis

Als Gegenreaktion hat Peking seinen eigenen Konfuzius-Friedenspreis geschaffen, der am Donnerstag erstmals verliehen wurde, an den früheren taiwanesischen Vizepräsidenten Lien Chan, der sich für die Versöhnung mit dem Festland einsetzt. Die Vergabe erfolgte offenbar dermassen überstürzt, dass Lien keine Ahnung von seinem Glück hatte: «Wir wissen, wer Konfuzius ist, aber wir wissen nichts von dem Preis», sagte ein Sprecher Liens zu CNN. An seiner Stelle nahm ein sechsjähriges Mädchen die Auszeichnung in Empfang.

Beim Nobel-Komitee in Oslo reagierte man mit Ironie: Es sei jedem selbst überlassen, einen Friedenspreis zu stiften. «Ich heisse Wettbewerb stets willkommen», sagte der Vorsitzende Thorbjørn Jagland bei einer Pressekonferenz. Auch die von China aufgebaute Boykottfront bröckelte am Freitag. Serbien erklärte, man werde nun doch an der Preisverleihung teilnehmen. Zuvor hatte Brüssel die Absage kritisiert und darauf verwiesen, dass ein Boykott Serbiens sich nicht mit seinem Status als EU-Beitrittskandidat vereinbaren lasse.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schweizer am 11.12.2010 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Preisträger

    Das der ganze Nobelpreiszirkus ein Witz ist, hat man schon gemerkt als ein Politiker der noch gar nichts geleistet hat diesen "Preis" geschenkt bekam. Jetzt wird noch eins draufgesetzt und ein verurteilter Verbrecher bekommt den Nobelpreis. Wo sind wir denn? Wer sich nicht an die Gesetze hält und deswegen rechtskräftig Verurteilt ist, darf doch dafür nicht noch belohnt werden!! Also gbt diesen Preiser einer Persönlichkeit die diesen auch verdient hat. Herr Blatter von der FIFA wäre so eine Person, er hat die erste Fussballweltmeisterschaft nach Afrika gebracht. Das ist ein grosser Verdienst und nObelpreis würdig.

  • Klaus Weigert am 12.12.2010 03:54 Report Diesen Beitrag melden

    Und über unsere Zensur redet ihr nicht?

    Und über unsere Zensur redet ihr nicht? Oh ja da sind sie wieder diese "böse Chinesen" und was für ein einfaches Spiel ist es auf jemanden anderen zu zeigen und von sich selbst abzulenken. Bringt mal unsere Zensur auf den Tisch und redet davon, über was bei uns nicht berichtet wird!

  • Bianca am 10.12.2010 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

    Denkt beim nächsten Shopping Trip darüber nach, ob ihr das Wegsperren von Menschenrechtlern oder politisch anders denkenden, die Unterdrückung der Tibeter, etc. indirekt unterstützen möchtet. Wenn wir alle das "made in" Schild ein wenig besser beachten und entsprechend einkaufen würden, dann könnten wir in der Summe vielleicht etwas bewegen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Klaus Weigert am 12.12.2010 03:54 Report Diesen Beitrag melden

    Und über unsere Zensur redet ihr nicht?

    Und über unsere Zensur redet ihr nicht? Oh ja da sind sie wieder diese "böse Chinesen" und was für ein einfaches Spiel ist es auf jemanden anderen zu zeigen und von sich selbst abzulenken. Bringt mal unsere Zensur auf den Tisch und redet davon, über was bei uns nicht berichtet wird!

  • Heinrich Zimmermann am 11.12.2010 23:28 Report Diesen Beitrag melden

    Profit entwuerdigt alles

    Und was ganz wesentlich ist. In Firmen gibt es Vorgesetzte, die wollen sich nicht einen Deut um Ungerechtigkeiten seitens Chinas kuemmern, wenns ihnen um ihren Profit geht giebts kein Pardon, merkt Euch diese Leute und schreibt ihren Kommentar auf, erinnert sie in ein paar Jahren wieder an den Tag wo sie sich korrupterweise ueber das hinwegsetzten, was andere erleiden, und bringt es mit ihrer Religion in Zusammenhang.

  • Schweizer am 11.12.2010 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Preisträger

    Das der ganze Nobelpreiszirkus ein Witz ist, hat man schon gemerkt als ein Politiker der noch gar nichts geleistet hat diesen "Preis" geschenkt bekam. Jetzt wird noch eins draufgesetzt und ein verurteilter Verbrecher bekommt den Nobelpreis. Wo sind wir denn? Wer sich nicht an die Gesetze hält und deswegen rechtskräftig Verurteilt ist, darf doch dafür nicht noch belohnt werden!! Also gbt diesen Preiser einer Persönlichkeit die diesen auch verdient hat. Herr Blatter von der FIFA wäre so eine Person, er hat die erste Fussballweltmeisterschaft nach Afrika gebracht. Das ist ein grosser Verdienst und nObelpreis würdig.

  • Jean de Carouge am 11.12.2010 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    China ist autonom - Gott sei Dank

    Mir kommt das vor wie Kreuzritterzüge. Damals wollte man auch die Menschen anderer Länder zum "guten" zwingen. China ist autonom und kann seine Entwicklung selber steuern. Vielleicht geht es etwas länger mit der Persönlichen Freiheiten, aber das wird kommen. Ich gestehe China eine Entwicklung im eigenen Tempo zu und verurteile dieses kollektivistische China-Bashing.

  • Ostschweizer am 10.12.2010 15:41 Report Diesen Beitrag melden

    Das gilt auch für die kleinen

    Ist doch klar, kein grosser hat es gern wenn man an sein Bein pinkelt.