Terror auf Sri Lanka

21. April 2019 16:38; Akt: 21.04.2019 16:41 Print

«Dachte, wir hätten Gewalt hinter uns gelassen»

Weltweites Entsetzen nach den Anschlägen auf Kirchen und Hotels in Sri Lanka. Der Inselstaat galt seit Ende des Bürgerkrieges zwar als relativ ruhig – der Konflikt aber schwelte weiter.

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Die Anschlagsserie auf Sri Lanka ist nur eine von vielen: Christen werden an Ostern immer wieder zum Ziel von Terroranschlägen. Am Palmsonntag, dem 9. April, töten zwei Selbstmordattentäter in zwei koptischen Kirchen in Alexandria sowie in Tanta nördlich von Kairo insgesamt 45 Menschen. Zu der Tat in dem mehrheitlich muslimischen Land bekennt sich die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). In einem Park der Grossstadt Lahore zündet ein Selbstmordattentäter seinen Sprengsatz inmitten von tausenden christlichen Familien, die sich dort zum Osterfest versammelt haben. Er tötet 75 Menschen, unter ihnen viele Kinder. Die pakistanische Taliban-Gruppierung Jamaat-ul-Ahrar reklamierte den Anschlag für sich. 41 Menschen sterben, als zum Osterfest am 8. April eine Autobombe vor einer Kirche der nordnigerianischen Stadt Kaduna explodiert. Die Region ist eine Hochburg der islamistischen Gruppierung Boko Haram, die immer wieder Christen ins Visier nimmt. Auch ausserhalb der Osterfeiertage wurden Christen immer wieder Opfer zu Anschlägen. So wurden im vergangenen Januar in der Kathedrale der philippinischen Stadt Jolo mindestens 21 Gläubige getötet. Bei Angriffen auf einen Bus mit koptischen Pilgern sterben im Mai 2017 im ägyptischen Minja 29 Menschen. Der IS bekannte sich zu dem Anschlag. 29 Gläubige wurden am 12. Dezember 2016 bei einem Selbstmordanschlag auf eine Kirche in Kairo getötet. Die Kirche schloss unmittelbar an den Sitz des koptischen Papstes Tawadros II. an. Auch diesen Anschlag reklamierte der IS für sich. Bewaffnete IS-Kämpfer bringen bei einem Angriff auf ein Hospiz von Mutter Teresa in der jemenitischen Metropole Aden 16 Menschen um, darunter auch vier katholische Nonnen. Bei Anschlägen auf zwei Kirchen in einem christlichen Viertel von Lahore töten zwei Selbstmordattentäter 17 Menschen. Zu der Tat bekannten sich die Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP).

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Bei der verheerenden Anschlagsserie auf christliche Kirchen und Hotels am Ostersonntag in Sri Lanka sind mindestens 207 Menschen getötet worden, darunter auch etliche Ausländer.

Die Menschen in der Hauptstadt Colombo sind fassungslos. «Wir wollten heute zur Kirche gehen. Aber jetzt sind sie geschlossen worden – es wird im ganzen Land keine Messe geben», sagt Julian Emmanuel (48) zu BBC.

Zehn Jahre kein Terror in Sri Lanka

Bevor er nach Grossbritannien auswanderte, lebte Emmanuel 18 Jahre in Sri Lanka. Er habe damals viele religiöse und ethnische Spannungen erlebt, doch seit 2009 sei es relativ friedlich geblieben. «Es ist so traurig. Ich dachte, Sri Lanka habe die Gewalt hinter sich gelassen.» Tatsächlich wurden im Inselstaat seit Ende des Bürgerkrieges im Mai 2009 keine Terroranschläge mehr verübt – bis zum heutigen tödlichen 21. April 2019.

Der Inselstaat ist bis heute ein religiös gespaltenes Land. Mit knapp 21 Millionen Einwohnern ist die Tropeninsel mehrheitlich buddhistisch. Rund 12,6 Prozent der Bevölkerung sind Hindus, 9,7 Prozent Muslime und 7,4 Prozent Christen. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der verschiedenen Religionsgemeinschaften.

Konflikt schwelt nach Bürgerkrieg weiter

Kam der Bürgerkrieg von 1983 bis 2009 dazu: Darin hatten die «Befreiungstiger von Tamil Eelam» (LTTE) für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden der Insel gekämpft. Die Tamilen sind zumeist Hindus.

Die LTTE verübte im ganzen Land Selbstmordanschläge und sprengte Züge in die Luft. Die Armee bombardierte das Siedlungsgebiet der Tamilen. Schätzungen zufolge starben während des Bürgerkriegs an die 100'000 Menschen.

Heute ist die LTTE zerschlagen. Doch der Konflikt schwelt weiter. Etliche Tamilen suchen noch nach Angehörigen, die nach 2009 in Internierungslager der Armee kamen und seitdem verschwunden sind. Menschenrechtsorganisationen berichten von bis heute anhaltenden Entführungen, Vergewaltigungen und Folter von Tamilen durch Sicherheitskräfte.

(gux/sda)