Krisenherd Nordafrika

26. Januar 2011 22:42; Akt: 26.01.2011 23:16 Print

«Dann ist kein Regime mehr sicher»

Nordafrika-Experte Werner Ruf erklärt, warum bei einem Machtputsch in Ägypten kein anderes arabisches Regime mehr sicher wäre.

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Kairos Strassen waren auch gestern wieder voll mit Demonstranten. (Foto: Reuters)

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Herr Ruf, BBC-Blogger Matt Frei spekuliert, 2011 könne «das 1989 des Nahen Ostens» werden.
Werner Ruf: Das ist nicht von der Hand zu weisen. Der Funken ist von Tunesien auf Ägypten gesprungen. Es brennt in Kairo. Aber ob das Feuer das Haus zerstört, ist schwierig abzuschätzen. Fällt aber Ägypten – ein grosses Land im Herzen der arabischen Welt – ist kein anderes Regime mehr sicher. Allen voran Syrien, Nordsudan und Marokko. Der soziale Sprengstoff in diesen Ländern ist enorm. Bricht die Revolution nicht heute aus, dann morgen, denn die Verhältnisse in den arabischen Despotien werden sich nicht ändern.

Tausende Ägypter sind dem tunesischen Beispiel gefolgt und haben gegen die Regierung Hosni Mubaraks prtestiert. Wird der Pharao vom Thron gestossen?
In Ägypten brodelt es schon lange. Die sozialen Spannungen und die Wut auf das Regime sind riesig. Allerdings kann Mubarak auf einen starker Sicherheitsapparat zählen. Weigern sich die Soldaten aber plötzlich gegen die eigenen Schwestern und Brüder zu schiessen, wird es brenzlig.

Inwiefern kann Mubarak auf die Hilfe der USA zählen?
Ägypten ist für die USA ein geostrategischer Schlüsselstaat und ein wichtiger Verbündeter Israels. Es wäre also denkbar, dass die USA Ägypten militärisch unterstützen würden. Das aber gäbe in der arabischen Welt einen Aufstand, den man noch nie gesehen hat. Das wäre furchtbar.

Die USA ist in diesem Fall also nicht der Heilsbringer.
Die Wut der arabischen Bürger auf den Westen ist gross. Sie werfen ihm vor Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Der Westen hält im offiziellen Diskurs die Demokratie hoch und unterstützt gleichzeitig blutrünstige Diktaturen.

Wie schützen sich die anderen Regimes vor Aufständen?
Um den Volkszorn zu dämpfen, wurden die Nahrungsmittelpreise in Jordanien und Mauretanien bereits gesenkt. Dem Westen wird die drohende islamistische Gefahr hochgehalten. Die Diktatoren der arabischen Welt suggerieren dem Westen, er wäre den «islamistischen Barbaren» schutzlos ausgeliefert zu sein, sollten sie die Macht verlieren. Und natürlich setzen sie ihrem Volk gegenüber auf miltärische Repression und barbarische Folter - nicht nur gegen Islamisten, sondern gegen alle demokratischen Kräfte. Diese Propaganda fällt bei westlichen Regierungen und vor allem auch in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden, ist doch die Assoziation Islam = Terrorismus in vielen Köpfen fest verankert. Übersehen wird dabei wie vielfältig und differenziert der politische Islam ist: In Marokko und Jordanien sitzen Islamisten in den Parlamenten - und verlieren an Unterstützung, weil auch sie keine Änderung der Verhältnisse bewirken können. Die Bestialitäten des algerischen Bürgerkriegs haben gleichfalls zur Delegitimation der Islamisten beigetragen. Auf den Demonstrationen vor allem in Tunesien, aber auch in Kairo traten sie kaum in Erscheinung. Hysterie war noch nie ein guter Ratgeber für politische Entscheidungen, die auf rationale Analyse gründen sollten.

*Werner Ruf ist Professor für internationale Beziehungen und lehrte an der Universität Kassel.

(dp)