Atomkatastrophe in Japan

28. März 2011 19:12; Akt: 29.03.2011 08:09 Print

«Das Trinkwasser wurde zu spät geschützt»

von A. Mustedanagic - Fukushima ist ausser Kontrolle: Radioaktives Wasser tritt aus, die Strahlung ist tödlich, sagt Karsten Smid. Der Atomexperte verlangt eine grössere Sperrzone.

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Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) wirft in ihrem Bericht über den Atomunfall in Fukushima der japanischen Regierung vor, die Gefahr von Tsunamis unterschätzt zu haben. Am gehen heftige Unwetter über dem Katastrophengebiet in Japan nieder. Die Strahlenmesswerte bei den havarierten Reaktoren von Fukushima sind viel zu hoch. Die Cäsium-134-Konzentration ist alarmierend. Die Tepco veröffentlicht im Mai weitere Bilder aus dem Innern des AKW Fukushima. Wie am bekannt wurde, sind zwei weitere Kernschmelzen in den Unglücksreaktoren eingetreten. Nach der Entdeckung von rund 3000 Tonnen radioaktiv verseuchten Wassers im havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima soll ein gigantisches Schiff als Auffangbecken dienen. Am wird das Katastrophengebiet rund um Fukushima von einem neuen Beben heimgesucht. Doch nachdem die Regierung schliesslich offiziell den Evakuierungsradius um das Atomkraftwerk Fukushima von 10 auf 20 Kilometer ausweitete, machten sich Tausende Japaner auf die Flucht. Arbeiter wagen sich zum ersten Mal seit dem Erdbeben in den Unglücksreaktor 1 des AKW Fukushima. Tepco gibt bekannt, dass eine Arbeiterin im Atomkraftwerk Fukushima eine zu hohe Strahlendosis abbekommen hat. Arbeiter räumen das Gelände um das AKW mit ferngesteuerten Maschinen. Roboter haben in zwei Reaktorblöcken des japanischen Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi hohe Radioaktivität gemessen. Das Mineral Zeolith soll Radioaktivität aus dem verseuchten Meerwasser absorbieren. Die EU-Kommission lässt die Staaten künftig alle Schiffe aus Japan auf radioaktive Strahlung untersuchen. Auf dem Gelände des schwer beschädigten japanischen Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi brach ein Feuer aus. Betreiber Tepco erklärte, das Feuer in der Nähe von Reaktor 4 sei klein gewesen und rasch gelöscht worden. Es habe keine Auswirkungen auf die Arbeiten zur Kühlung der Reaktoren gehabt. Gleichzeitig stuft Japan das Atomunglück von Fukushima nun offiziell als ebenso schwer ein wie das Reaktorunglück in Tschernobyl - auf der höchsten Stufe 7. Die Menge der Radioaktivität, die aus dem Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi ausgetreten sei, entspreche etwa zehn Prozent der Menge, die in Tschernobyl freigesetzt worden sei. In der Atomruine von Fukushima kämpften die Arbeiter weiterhin gegen den drohenden Super-GAU. Sie begannen damit, eine Barriere aus Stahlplatten zu errichten. Damit soll verhindert werden, dass stark radioaktiver Schlamm sich im Meer ausbreitet. Neue Bilder zeigen, mit welcher Gewalt die Tsunami-Welle das AKW traf. Das Atomkraftwerk war beim Erdbeben der Stärke 9,0 und dem Tsunami schwer beschädigt worden. Der Eingangsbereich der Tepco wird von der Welle komplett zerstört. Ähnlich sieht es in den Büroräumen aus. Nach dem tagelangen Auslaufen von stark radioaktiv verseuchtem Wasser ist das Leck an einer Leitung des japanischen Atomkraftwerks Fukushima endlich behoben worden. Dieses Bild wurde vor den Reparaturarbeiten gemacht: Durch den Riss waren in den letzten Tagen grosse Mengen radioaktiv verseuchten Wassers ins Meer gelaufen. Das Wasser stammte von den Kühlarbeiten am Reaktordruckbehälter, das sich im Untergeschoss des an den Reaktor angrenzenden Turbinengebäudes gesammelt hatte. Im AKW Fukushima-Daiichi wird weiter radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer gepumpt. Nach Ansicht von US-Experten stellt dies jedoch keine grosse Gefahr für Meerestiere dar. Weil die Radioaktivität sehr schnell im Ozean verdünnt werde, sei auch der Verzehr von Meerestieren wenig bedenklich. : Zwei Arbeiter des AKWs Fukushima werden tot aufgefunden. Sie waren Opfer des Tsunamis. Mit einer schwimmenden Insel soll das auslaufende, radioaktive Wasser wieder eingefangen werden. : Die Lage im AKW Fukushima verschlimmert sich: Aus dem AKW läuft radioaktives Wasser ins Meer. Der Riss in Reaktor 2 soll 20 Zentimeter lang sein. Ein Tepco-Mitarbeiter zeigt auf die Stelle. Arbeiter in Fukushima putzen ein US-Schiff. Mit dem Boot wurde sauberes Süsswasser nach Fukushima transportiert, dass zur Kühlung der Reaktorblöcke eingesetzt wird. Nach eigenen Strahlungsmessungen im Umkreis des havarierten Atomkraftwerks Fukushima 1 hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace eine Evakuierung der gesamten Region empfohlen. Ein Mitarbeiter des Organisation misst in der Stadt Iitate einen Wert von 7.66 Mikrosievert. «Es ist für die Menschen eindeutig nicht sicher, in Iitate zu bleiben, vor allem für Kinder und schwangere Frauen. Sie könnten die maximal zulässige jährliche Strahlendosis in nur wenigen Tagen abbekommen», sagt Jan van de Putte, Strahlenexperte von Greenpeace. Im Meerwasser vor dem Unglücksreaktor wurde eine sehr hohe Konzentration von radioaktivem Jod entdeckt. Die Radioaktivität habe das 3355-Fache des zulässigen Wertes erreicht, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo. Tepco-Chef Masataka Shimizu musste wegen Bluthochdrucks und Schwindelgefühls ins Spital gebracht werden. Shimizu ist zwei Tage nach der Katastrophe von der Bildfläche verschwunden. Aus dem beschädigten japanischen Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi tritt offenbar weiterhin hochgiftiges Plutonium aus. Das Schwermetall sickert ins Erdreich ein. In Reaktor 2 hat es nach Einschätzung der japanischen Regierung eine vorübergehende teilweise Kernschmelze gegeben. Reaktor 3 ist schwer beschädigt. Die Strahlung in Reaktorblock 2 ist zudem zehn Millionen Mal höher als normal. Die Messarbeiten wurden abgebrochen und die Arbeiter abgezogen. Die Szene ist apokalyptisch: Die japanischen Selbstverteidungskräfte haben am 23. März um 12.55 Uhr eine Stunde lang einen Helikopterflug über dem havarierten AKW Fukushima gemacht. Beim Reaktor 2 steigt Wasserdampf aus einer Öffnung. Der fünfminütige Zusammenschnitt wurde am 25. März im japanischen Staatsfernsehen NHK gezeigt. Es ist das erste Mal, dass die Selbstverteidungskräfte Bilder des AKW Fukushima veröffentlichten. In Block 3 der Anlage «könnte etwas beschädigt worden sein». Daten deuteten darauf hin, dass «gewisse Funktionen der Sicherheitshülle» noch erhalten seien. Im benachbarten Turbinengebäude des Reaktorblocks 3 waren drei Arbeiter einer 10 000fach erhöhten Radioaktivität ausgesetzt gewesen. Dies deutet entweder auf eine partielle Kernschmelze mit einer Beschädigung des Reaktorbehälters hin oder auf eine Überhitzung des Abklingbeckens für abgebrannte Kernbrennstäbe. Der Schaden könnte auch an anderen Teilen entstanden sein, etwa an Rohrleitungen ... ... oder dem Abklingbecken, erklärten Behördenvertreter. Drei Techniker, die im AKW Fukushima verstrahlt worden sind, standen bei ihrem Einsatz in Wasser, das nach Angaben der Betreibergesellschaft Tepco eine zehntausendfach erhöhte Radioaktivität aufwies. Zwei der drei Arbeiter wurden mit Verbrennungen in eine Spezialklinik eingeliefert. Die Männer hatten im Tiefgeschoss eines Turbinengebäudes von Block 3 gearbeitet. Dabei hatten sie keine Schutzstiefel an, so dass ihnen das radioaktiv belastete Wasser in die Schuhe lief. Das Video entstand gut 40 Minuten, nachdem die Welle auf Land getroffen war. Neben dem beschädigten Kraftwerk sind die Auswirkungen der Naturkatastrophe in der Präfektur Miyagi zu sehen. Ein Regionalbüro des japanischen Transportministerium hat die Bilder am 23. März veröffentlicht. Während Arbeiter versuchen, die Stromversorgung in allen Reaktoren des schwer beschädigten Atomkraftwerks Fukushima wieder herzustellen, wird die japanische Bevölkerung zum Spenden aufgerufen. Dieses Mädchen dürfte sich allerdings kaum bewusst sein, dem japanischen Sumo-Grossmeister Hakuho gegenüberzustehen. Abgefülltes Trinkwasser wird langsam, aber sicher knapp: Die Bevölkerung getraut sich nicht mehr, Leitungswasser zu trinken. Einblicke in den zentralen Kontrollraum des AKWs Fukushima I. Diese Fotos wurden am 23. März veröffentlicht. Offenbar geht nicht mehr viel. Die Arbeiter hantieren mit Taschenlampen. Die Bilder zeigen, unter was für schwierigen Bedingungen gearbeitet werden muss. Der Besitzer eines Tierladens in der japanischen Grossstadt Sendai bringt einen Schweinswal in Sicherheit. Er schwamm seit dem Tsunami in einem Reisfeld. Die Mitarbeiter des Kontrollraums von Reaktor 3 sind in Sicherheit gebracht worden. Derzeit versuchen die Rettungskräfte, die Reaktoren und verbrauchten Brennstäbe zu kühlen. Über Reaktor 3 des AKW von Fukushima stieg schwarzer Rauch auf. Im Atomkraftwerk Fukushima 1 droht immer noch eine Kernschmelze. Die aus den beschädigten Reaktoren austretende radioaktive Strahlung erschwert zunehmend das Krisen-Management der Betreibergesellschaft Tepco. Kleinkinder und Säuglinge sollen in Tokio kein Leitungswasser mehr trinken. Im Wasser seien erhöhte Werte von radioaktivem Jod festgestellt worden, sagte ein Sprecher der Stadtregierung. Zudem ordnete Ministerpräsident Naoto Kan einen Lieferstopp für Broccoli und das japanische Gemüse Komatsuna aus der Region Fukushima sowie für Rohmilch und Petersilie aus der Präfektur Ibaraki an. Alle sechs Meiler des Atomkraftwerks haben zum ersten Mal seit der Erdbeben-Katastrophe vor eineinhalb Wochen wieder eine Verbindung zum Stromnetz. Doch wirklich entspannt ist die Lage nicht. Die zwei beschädigten Atomkraftwerke in Fukushima sind nach Angaben des Betreibers von einer 14 Meter hohen Flutwelle getroffen worden. Das sei mehr als doppelt so hoch, wie Experten bei der Planung der Anlagen erwartet hatten. Nach Angaben von Tepco sei die Anlage Fukushima 1 auf einen Tsunami von 5,70 Metern ausgelegt worden, ... ... Nummer 2 für eine Höhe von 5,20 Metern. Aus Block 3 ist erneut weisser Rauch ausgetreten. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo stieg zudem über Block 2 weisser Dampf aus. Die Einsatzkräfte und Arbeiter wurden in Sicherheit gebracht. Aus den Reaktoren 2 und 3 beim AKW Fukushima I ist Rauch ausgetreten. Die Ursache blieb unklar. Die austretende Radioaktivität belastet zunehmend die Landwirtschaft in der Umgebung des beschädigten Atomkraftwerks. Die japanischen Behörden riefen Bauern und Molkereien der Region dazu auf, freiwillig darauf zu verzichten, verstrahlte Lebensmittel und Milch in den Handel zu bringen. Bei Spinat aus der Stadt Hitachi, mehr als 100 Kilometer südlich des Atomkraftwerks, wurde in einem Fall ein Jod-131-Wert von 54 000 Becquerel pro Kilogramm festgestellt. Bei Cäsium wurden 1931 Becquerel gemessen. Panzer in Fukushima. Sie sollen am Montag dabei helfen, Trümmer beim AKW wegzuräumen. Die Trümmer beim AKW (Bild vom 18. März) stehen der Feuerwehr im Weg und behindern sie beim Löscheinsatz. Pressekonferenz der Feuerwehr: Hauptmann Yasuo Sato (Mitte) mit Toyohiko Tomioka (links), dem Führer der 6. Einsatzgruppe, und Yukio Takayama, der die 8. Einsatzgruppe befehligt. (19. März, Abend) Feuerwehrmänner riskieren ihr Leben, um den hochgefährlichen Plutoniumreaktor 3 des AKW Fukushima 1 zu kühlen. Die Feuerwehr bei ihrem Einsatz zur Kühlung des Reaktors 3. Die Feuerwehrleute unterwegs zu ihrem gefährlichen Auftrag. Mit ähnlichen Löschfahrzeugen wie diesem der japanischen Armee sprühen die Feuerwehrmänner Wasser auf die Reaktoren. Satellitenaufnahme des havarierten Atomkraftwerks vom 18. März. Das japanische Wissenschaftsministerium hat die neuesten Messwerte aus der Nähe der Sperrzone veröffentlicht. 30 Kilometer nordwestlich von Fukushima I sind Strahlenwerte von bis zu 140 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden. Zum Vergleich: Ein Astronaut im Weltraum nimmt (nur) 10 Mikrosievert pro Stunde auf. Aus einem der beschädigten Reaktoren im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi steigt weisser Rauch auf. Auf zwei Arten versuchen Techniker den Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima zu verhindern: Bei den Blöcken 1 und 2 soll eine neu verlegte Stromleitung das Kühlsystem wieder zum Laufen bringen. Die Reaktoren 3 und 4 werden mit Wasserwerfern von aussen gekühlt. Ein Video vom Flug über das havarierte AKW Fukushima I zeigt inzwischen das Ausmass der Zerstörung. Das Video wurde an Bord eines Helikopters gemacht und am 17. März 2011 von der japanischen Zeitung «Asahi Shinbun» im Internet veröffentlicht. Dabei besonders beeindruckend: Im Block 4 liegt das Atom-Becken völlig frei. Ein hoher Vertreter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Graham Andrew, bestätigte in Wien, die Lage sei weiter «sehr ernst». Brennstäbe in zwei Reaktoren seien nur zur Hälfte mit Wasser bedeckt, ... ... in einem dritten nur zu einem Drittel. Ein Helikopter des Typs Chinook CH-47 lädt Meerwasser, um es über dem AKW abzuwerfen. Am Morgen haben die japanischen Streitkräfte vor allem versucht, Reaktor 3 zu kühlen. Dieser Mann weint vor den Trümmern seines Hauses in Onagawa. Der Leichnam seiner Mutter liegt noch unter dem Schutt begraben. 50 Techniker kämpfen im AKW Fukushima 1 gegen den Super-Gau. Ihren Einsatz, für den sie als Helden gefeiert werden, dürften sie mit ihrem Leben bezahlen. Der Versuch mit Wasserabwürfen von einem Helikopter aus Reaktor 3 zu kühlen, musste abgebrochen werden. Sowohl Reaktor 4 als auch Reaktor 3 hatten zuvor Feuer gefangen. Zudem wurde in Block 3 womöglich die wichtige innere Reaktorhülle beschädigt. Dieses von der Betreiberin Tepco veröffentlichte Bild zeigt auch ein grosses Loch in der Aussenhülle von Reaktor 4. Das Fernsehen zeigte Bilder, wie stundenlang eine dichte weisse Rauchwolke von der Anlage aufstieg. Die Radioaktivität ist im Kontrollraum von Reaktor 4 des AKW Fukushima 1 offenbar so hoch, dass dort nicht mehr normal gearbeitet werden kann. Die französische Nuklearsicherheitsbehörde stuft die atomare Katastrophe in Fukushima inzwischen mit der Stärke 6 ein. Insgesamt gibt es 7. Die Katastrophe von Tschernobyl hatte auf der Skala die Stufe 7 erreicht. In der Nähe von Tokio stieg die radioaktive Belastung auf das zehnfache Niveau der üblichen Strahlung. Zudem hat der Wind nach Südwesten gedreht: Die radioaktive Wolke treibt nicht mehr aufs offene Meer, sondern aufs Festland. Ministerpräsident Naoto Kan erklärte, dass in Reaktor 4 der Atomanlage ein Feuer ausgebrochen sei, dort sei zudem eine «deutlich erhöhte» Radioaktivität gemessen worden. Gleichzeitig rief er einen Strahlungsalarm aus. Seine Regierung warnte vor einer «Gesundheitsgefährdung» und ... ... forderte Menschen ausserhalb der evakuierten Zone bis zu einem Umkreis von 30 Kilometern auf, in ihren Häusern zu bleiben. Der Kampf um das Atomkraftwerk Fukushima I hält die Welt in Atem: In drei Reaktoren droht eine Kernschmelze. Laut japanischer Regierung soll, wie bereits zwei Tage zuvor, Wasserstoff explodiert sein. Im Block 2 ragten die Brennstäbe am Abend aus dem Wasser heraus, nachdem es zu Problemen mit einem Ventil gekommen war. Probleme mit der Kühlung gibt es auch im rund zwölf Kilometer entfernten AKW Fukushima II. Am Haupttor des AKW wird eine erhöhte Radioaktivität von 3130 Mikrosievert gemessen. Dies sei doppelt so hoch wie der zuvor gemessene Höchstwert. Deshalb werden die Menschen im Umkreis von 20 Kilometern auf Verstrahlung überprüft. Die Regierung liess Jod-Tabletten verteilen, die die Folgen einer Verstrahlung mildern können. Anwohner kommen zu einer provisorischen Strahlenmessstation in der Stadt Koriyama, um sich untersuchen zu lassen. Ältere Leute, Schulkinder und Familien mit Babies flüchten in Evakuierungszentren. Wegen den schlechten Verbindungen besteht ein Mangel an Informationen aus erster Hand. Die Küstengebiete sind von Erdbeben und Flutwelle verwüstet. Die radioaktive Strahlung hat in Fukushima die Höchstwerte überschritten. Die Regierung warnt bereits vor einer möglichen weiteren Explosion. Am hatte sich im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi eine Explosion ereignet. Das Reaktorgebäude wurde dabei zerstört: Aussenwände und das Dach stürzten ein. Während die Regierung erklärte, es habe offenbar Schäden am unteren Teil der Hülle gegeben, teilte die Behörde für Atomsicherheit wenig später mit, anscheinend gebe es keine Löcher. Die Behörden befürchten, in der Atomanlage könnte es zu einer Kernschmelze kommen.

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20 Minuten Online: Herr Smid, die Experten von Greenpeace sind seit Freitag in Fukushima vor Ort, wie ist die Lage?
Karsten Smid*: Die Katastrophe nimmt unaufhörlich ihren Lauf: Es ist eine enorme Menge radioaktives Material freigesetzt worden und ein Ende ist nicht in Sicht. Wir fordern deshalb, das Unglück auf Stufe 7 der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) hoch zu stufen. Die Katastrophe hat aus unserer Sicht das Ausmass von Tschernobyl erreicht. Die Behörden gehen weiterhin von Stufe 5 aus – das ist eine absolute Verharmlosung der Lage. Fukushima verseucht seit zwei Wochen die Umwelt mit einer riesigen Menge von radioaktiven Partikeln.

Über die Strahlenbelastung gibt es unterschiedliche Angaben. Haben Sie eigene Messungen vor Ort gemacht?

Unser Team muss sich wie alle Behörden zuerst einmal auf die Werte der Betreiberfirma «Tepco» verlassen. Am Freitag haben unsere Experten allerdings am Rand der Sperrzone erste Messungen gemacht. Im Nordwesten herrscht zehn Kilometer ausserhalb der Sperrzone demnach immer noch eine Belastung von 7.6 Microsievert pro Stunde. Dieser Wert ist nicht nur sehr hoch, er ist auch gesundheitlich bedenklich. Die akzeptable Dosis ist an diesen Orten innerhalb von wenigen Tagen bereits erreicht. Die Anfälligkeit für Krebs und Leukämie steigt gerade bei Risikogruppen wie schwangeren Frauen und Kleinkindern. Dieselbe Beobachtung haben wir auch im Abstand von 60 Kilometern von Fukushima gemacht. Wir fordern deshalb eine Ausdehnung der Sperrzone. Wie weit diskutieren wir im Moment noch, die Sperrzone muss aber deutlich ausgeweitet werden. Wir stellen uns eine Zone von 80 bis 100 Kilometern vor. Vor allem deshalb auch, weil die Katastrophe noch nicht vorbei ist. Die Betreiberfirma hat die Lage alles andere als im Griff – es kann also zu noch erheblicheren Freisetzungen kommen.

Der Super-GAU scheint ja bereits erreicht: Nach Medienberichten tritt hochradioaktives Wasser aus Reaktor 2 aus.
Wir gehen auch davon aus, dass Reaktor 2 leckt. Anders wäre die hohe Strahlenbelastung nicht zu erklären. Das Wasser tritt offenbar aus dem Stahlgehäuse aus und sammelt sich unter dem Reaktor. Die Betreiberfirma teilte zunächst auch mit, dass hohe Jod 134-Werte gemessen wurden, was dramatisch wäre. Jod 134 würde bedeuten, dass die Kettenreaktion im Reaktor wieder angefangen hätte. Tepco hat die Informationen aber kurz danach zurückgenommen, es scheint also nicht so. Allerdings wurde die Strahlung von 1000 Millisievert pro Stunde bestätigt, was schlimm genug ist. Wenn Sie sich dieser Belastung mehrere Stunden aussetzen, sterben Sie innert kürzester Zeit an der Strahlenkrankheit.

Die Situation ist also nicht unter Kontrolle, wie Behörden und Tepco dies in den vergangenen Tagen implizieren?
Die Situation ist definitiv nicht unter Kontrolle. Im Gegenteil: Die hohen Strahlenwerte behindern weiterhin die Arbeiten. Die Techniker müssen eine Menge Hürden nehmen, um überhaupt die Reaktoren weiterhin kühlen zu können. Im Moment müssen sie dieses hoch radioaktive Wasser wegpumpen, um überhaupt an Reaktor 2 weiterarbeiten zu können.

Wo pumpen die Arbeiter denn die radioaktive Brühe hin?
Sie pumpen sie einfach aus einem Raum in den nächsten. Daran sehen Sie wie hoffnungslos die Situation dort ist. Hinzu kommt, dass die Internationale Atomaufsichtsbehörde (IAEA) nur positive Dinge darstellt, die wirklich dramatische Situation wird nicht kommuniziert. Die IAEA lässt die Bevölkerung im Unklaren. Das Strahlenmessnetz um Fukushima wurde beispielweise bereits kurz nach der Katastrophe abgeschaltet beziehungsweise vom öffentlichen Netz genommen. Die Messwerte werden nicht weiterverbreitet, sondern bei Tepco unter Verschluss gehalten und das Ausmass der Katastrophe damit einfach verheimlicht. Gerade in der jetzigen Situation wären aber klare Informationen für die Bevölkerung wichtig. Die Leute vor Ort werden von dieser Verschleierungstaktik zusätzlich gefährdet. Wie unser Team berichtet, wünscht sich die Bevölkerung kaum etwas sehnlicher als Informationen – unabhängige und transparente Informationen.

Wie heikel ist die Lage für die Menschen vor Ort denn?
Die Strahlung breitet sich im Moment hauptsächlich über die Luft aus. Die radioaktive Wolke wird im Moment glücklicherweise aufs Meer hinausgetragen. Die Ausbreitungshöhe bleibt zudem in den unteren Schichten, was bedeutet, dass die Partikel wahrscheinlich über dem Meer ausgeregnet werden. Allerdings wurden auch in den Nahrungsmitteln bereits erhebliche Belastungen festgestellt. Das Gemüse ist teilweise kontaminiert und darf nicht mehr gegessen werden. Zudem müssen die Nahrungsmittel überwacht werden, wie vollständig das bisher gemacht wird und wurde, ist unklar. Eines ist sicher: Fukushima ist eine Katastrophe, die uns Monate und Jahre lang begleiten wird. Die Belastung wird den Japanern noch viele Jahre zu schaffen machen – auch ausserhalb der Sperrzone, wo die Dosisleistung längst kritische Werte erreicht hat.

Kontaminiertes Wasser wurde bereits Tage nach der Katastrophe gemessen. Erst jetzt wurde allerdings das Trinken von Regenwasser verboten und die Trinkwasseraufbereitungsanlagen abgedeckt. Wurde zu spät reagiert?
Wir müssen bei den Messwerten im Trinkwasser auf die Angaben der Behörden vertrauen. Der bisherige in Tokio gemessene Wert ist allerdings für Risikogruppen wie Frauen und Kinder bereits bedenklich. Für sie empfiehlt sich konsequent aus Flaschen zu trinken. Die jetzigen Massnahmen sind mehr als notwendig, sie sind längst überfällig: Die Abdeckungen kommen also spät und zu zögerlich. Tokio bezieht sein Wasser aus Speicherseen zwischen Fukushima und der Metropole. Zudem wurden beispielsweise die Speicherseen noch nicht abgedeckt. Diese Abdeckungen sind allerdings Notmassnahmen, die die Belastung minimieren, aber keinen absoluten Schutz vor der Strahlung bieten.

Sollte in Europa angesichts dieser Entwicklungen der Import von Nahrungsmitteln aus Japan gestoppt werden?
Es ist vor allem wichtig, dass wir die Lebensmittel kontrollieren und belastete Nahrung vernichten. Wichtig ist, dass dieses Monitoring durchgezogen wird und nicht plötzlich die Grenzwerte hoch gesetzt werden. Wir müssen aufpassen, dass sich niemand Nahrungsmittel um die Kontrollen und die Limits herum mogelt. Wie lange eine solche Verseuchung in den Nahrungsmitteln bemerkbar ist, zeigen uns die Pilze in Bayern oder auch der Schweiz. An beiden Orten ist auch 25 Jahre nach Tschernobyl die Strahlenbelastung in den Pilzen immer noch bedenklich hoch. In Bayern wird deshalb sehr viel Wild nach dem Abschuss als radioaktiver Sondermüll behandelt.

Teilen Sie die Einschätzung der Betreiberfirma und der japanischen Behörden, dass die Folgen für das Meer gering sind?
Es ist zu billig auf die Verdünnung im Meer zu setzen. Natürlich verdünnt sich die Strahlung im Ozean, dass ist unbestritten. Allerdings ist es absolut notwendig die Belastung zu messen und zu überwachen. Die Belastung an der Küste um Fukushima ist im Moment so hoch, dass es alles andere als harmlos ist. Der Verdünnungseffekt reicht dort längst nicht aus. Die Strahlung könnte also auch über die Fische in den Nahrungskreislauf geraten.

Wird das Gebiet um Fukushima I jemals wieder besiedelt werden können?
Für uns steht im Moment eine Ausweitung der Sperrzone im Vordergrund. Es ist ganz wichtig, dass die Bevölkerung in einem grösseren Radius um Fukushima evakuiert wird. Dass die Leute danach zurück in ihre Häuser können, bleibt eine trügerische Hoffnung. Um Tschernobyl gibt es auch 25 Jahre nach der Atomkatastrophe immer noch eine verstrahlte Zone. Wir müssen deshalb auch in Fukushima davon ausgehen, dass ein weites Gebiet für unbewohnbar erklärt werden muss – egal wie diese Katastrophe ausgeht.