Eskalation in Syrien

21. Februar 2018 15:25; Akt: 21.02.2018 16:26 Print

«Das ist kein Krieg, das ist ein Massaker!»

Die Menschen in der syrischen Region Ost-Ghuta und in Afrin stehen im Kreuzfeuer. Warum eskaliert die Gewalt gerade jetzt?

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Seit dem 18. Februar bombardiert die syrische Armee die Rebellenenklave Ost-Ghuta stärker als je zuvor – mit verheerenden Folgen für die dort lebenden Menschen. Die noch funktionierenden Spitäler sind mit der Situation völlig überfordert. In einem Spital in Duma, Ost-Ghuta, werden zahlreiche verletzte Kinder behandelt. Unter den Toten sind laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), die der Opposition nahesteht, bisher mindestens 67 Kinder. Mehrere Spitäler wurden bombardiert. In den übrigen fehlt es an Betten und Medikamenten, die Ärzte operieren rund um die Uhr. Einige Patienten müssen sogar auf dem Boden liegend behandelt werden. Auch die Rettungskräfte sind völlig überfordert von der Zahl der Toten und Verletzten. Bislang haben die Luftschläge über 200 Menschenleben gekostet. Die UNO fordert den sofortigen Stopp der Angriffe, die Exilopposition wirft Machthaber Bashar al-Assad vor, einen «Vernichtungskrieg» zu führen. Die Situation ist chaotisch. Kinder schreien nach ihren Eltern, Erwachsene suchen verzweifelt nach ihren Kindern. Dazwischen warten Verletzte auf die Ärzte, ihre Gesichter sind verkrustet vom Staub, den die Explosionen aufgewirbelt haben. Zahllose Angehörige brachten in den vergangenen Tagen Patienten in die Kliniken. Andere irren verzweifelt durch die Spitäler auf der Suche nach ihren Liebsten. «Es ist eine humaitäre Katastrophe in jedem Sinne des Wortes. Ein Massenmord an Menschen, die nicht mal das Nötigste zum Leben haben», beschreibt Ahmed al-Dbis von der Union of Medical and Relief Organisations (UOSSM) die Situation. Helfer der Weisshelme versuchen in Ost-Ghuta, einen verletzten Mann aus den Trümmern eines zerstörten Gebäudes zu befreien. «Die Situation in Ost-Ghuta gleicht dem Tag des Jüngsten Gerichts», zitiert der «Guardian» Mounir Mustafa, den Vizechef der Weisshelme. Ein Arzt sprach gegenüber dem «Guardian» vom «Massaker des 21. Jahrhunderts». Er habe ein einjähriges Kind behandelt, dessen Lungen voller Staub und Sand gewesen sein. So etwas stehe in keinem Medizinbuch. «Ist das ein Krieg?», fragt der Mediziner. «Es ist kein Krieg. Es ist ein Massaker.» Auch das US-Aussenministerium zeigte sich über die jüngsten Berichte aus Ost-Ghuta beunruhigt ... ... die «Belagern und Aushungern»-Taktik der syrischen Regierung verschlimmere das humanitäre Desaster vor Ort, sagte Sprecherin Heather Nauert am Dienstag in Washington. Unter Schmerzen lässt ein verletztes Kind die Behandlung über sich ergehen. Der UNO-Syriengesandte Staffan de Mistura warnte vor einem «zweiten Aleppo». Um Aleppo hatte 2016 monatelang ein erbitterter Kampf getobt. «Wir haben hoffentlich die Lehren daraus gezogen», sagte De Mistura. «Haben diejenigen, die das Leiden verursachen, noch Worte, um ihre barbarischen Taten zu rechtfertigen?», zitiert die Deutsche Welle angesichts der Toten und Verletzten die Organisation Unicef. Zwei Buben warten auf ihre weitere Behandlung im Spital in Duma. Dem «Guardian» zufolge wurden bisher mindestens fünf Kliniken bombardiert, darunter ein Entbindungszentrum. Einige Einrichtungen wurden demnach mehrmals angegriffen. Dabei starb auch ein Anästhesist. Nicht nur in Ost-Ghuta, auch in Afrin leiden die Menschen. Eine Mutter steht ihrer verletzten Tochter bei ... ... und ein Vater tröstet seinen verwundeten Sohn. Die Türkei greift die von Kurden gehaltene syrische Stadt an. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) werden dort seit kurzem von syrischen Regierungstruppen unterstützt.

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Die Region Ost-Ghuta in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus hat seit Sonntag eine der blutigsten Angriffswellen seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 erlebt – und die Bombardements gehen auch am heutigen Mittwoch weiter.

In den vergangenen drei Tagen kamen durch massive Luftangriffe syrischer Regierungstruppen mindestens 270 Menschen ums Leben, 1200 weitere wurden verletzt. Ärzte in Spitälern, von denen viele ebenfalls bombardiert wurden, sprechen laut «Guardian» von einem «Massaker» (siehe Bildstrecke).

Doch warum eskaliert die Lage in Ost-Ghuta ausgerechnet jetzt? Die Region ist bereits seit Monaten von Regierungstruppen eingeschlossen, schon seit Jahren steht sie unter Kontrolle von Rebellen. Zuletzt geriet Ost-Ghuta in die Schlagzeilen, als 2013 bei einem Giftgas-Angriff 1300 Menschen starben. Rund 400'000 Menschen sind dort derzeit fast vollständig von der Aussenwelt abgeschnitten und erhalten keine Hilfsgüter, obwohl die Enklave seit vergangenem Jahr eigentlich Teil einer Deeskalationszone ist. Beobachter sprechen bereits von einem zweiten Aleppo.

Steht eine Bodenoffensive bevor?

Mit den Luftangriffen bereiten Assads Truppen offenbar die Rückeroberung der Gegend vor, die als eine der letzten in Syrien von Rebellen kontrolliert wird. Die Bodenoffensive könne «jeden Moment losgehen», schrieb die syrische Staatszeitung «Al-Watan» am Dienstag. Assad sei entschlossen, das ganze Staatsgebiet wieder unter seine Kontrolle zu bringen, schreibt «Der Spiegel».

Bereits seit Ende Dezember gehen die Regierungstruppen gegen die Rebellenhochburgen Idlib und Ost-Ghuta vor. Sollte es dem Regime gelingen, Ost-Ghuta zu erobern, so hätte es die Hauptstadt und deren Umland fest unter seiner Kontrolle, berichtet «Die Presse».

Dass die Situation momentan an mehreren Fronten eskaliert, liege daran, dass nach der weitgehenden Zerschlagung des von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ausgerufenen Kalifats ein Machtvakuum entstanden sei. Alle Parteien, inklusive Regierung, versuchten nun, sich eine gute Ausgangsposition zu verschaffen, sollten die Kämpfe wirklich einmal dauerhaft beendet sein.

Türkei droht Assads Truppen

Auf Eskalation stehen die Zeichen auch in der Kurden-Region Afrin im Norden des Landes. In der Nacht auf Mittwoch ging der Artilleriebeschuss der türkischen Armee auf das von der Kurdenmiliz YPG kontrollierte Gebiet weiter, nachdem am Dienstag erstmals syrische Regierungstruppen zur Unterstützung der Kurden eingerückt waren.

Die Türkei sieht in der Miliz den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und bekämpft sie. Am Mittwoch sagte der türkische Präsidentensprecher Ibrahim Kalin, wer die YPG unterstütze, werde genauso wie die «Terrororganisation» behandelt – eine Warnung in Richtung von Assads Truppen. Die YPG ist zugleich mit der US-geführten Koalition im Kampf gegen den IS in Syrien eng verbündet. Mit dem Nato-Partner Türkei und der YPG stehen sich so zwei Verbündete der USA direkt gegenüber.

Die Allianz zwischen YPG und Assad ist neu: Die YPG und Syriens Regierung sind beide Gegner der Türkei. Allerdings haben sie im syrischen Bürgerkrieg ein zwiespältiges Verhältnis zueinander. Während sie wie nun in Afrin teilweise miteinander kooperieren, kam es anderenorts zu Zusammenstössen. Bevor Assad die YPG aktiv unterstützte, hatte er die Kurden, die regionale Autonomie in einem föderalisierten Syrien anstreben, anders als andere Gruppierungen weitgehend in Ruhe gelassen. Die Türkei bestreitet indes, dass es ein Abkommen zwischen der YPG und Damaskus gibt.

Einen Überblick über die wichtigsten Akteure im Syrien-Konflikt erhalten Sie in dieser Bildstrecke:
Wer kämpft gegen wen in Nordsyrien?

(mlr/sda/afp)