Präsidentin Kirchner

22. Januar 2015 18:23; Akt: 22.01.2015 18:23 Print

«Das war kein Selbstmord»

An der Version des Selbstmordes von Sonderermittler Alberto Nisman zweifelt ganz Argentinien – und seit Neustem auch Präsidentin Cristina Kirchner selbst.

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Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner wandte sich am Donnerstag auf ihrem Blog an die Nation: Sie sei sich sicher, dass Staatsanwalt Alberto Nisman sich nicht selbst umgebracht habe. «Der Selbstmord, der (davon bin ich überzeugt) kein Selbstmord war», schrieb die Staatschefin in einem langen, via Twitter zugänglich gemachten Brief. «Ich habe heute keine Beweise, aber ich habe auch keine Zweifel.» Mehr noch: Kirchner sieht hinter Nismans Tod eine Kampagne gegen die Regierung.

Noch vor 72 Stunden hatte Kirchner nicht daran gezweifelt, dass sich Nisman umbrachte: «Was bringt einen Menschen dazu, sich das Leben zu nehmen?», fragte sie sich. Auch viele von Kirchners Kabinett-Mitgliedern gingen vom Selbstmord des Staatsanwalts aus.

Jetzt aber fragt sich die Präsidentin: «Warum hat Nisman eine Pistole ausgeliehen, wenn er selbst zwei Waffen besass?» Tatsächlich hatten Ermittlungen ergeben, dass die bei dem mutmasslichen Selbstmord verwendete Waffe nicht Staatsanwalt Nisman gehörte, sondern einem seiner Mitarbeiter, dem IT-Spezialisten Diego Lagomarsino. Kirchner fordert deswegen: «Herr Diego Lagomarsino sollte jetzt sehr gut bewacht werden.»

«Tot war er ihnen nützlicher»

Kirchner sieht den Tod des Sonderermittlers als Teil einer Kampagne gegen die Regierung. Nisman wurde aus ihrer Sicht für eine Operation gegen die Regierung missbraucht, ohne es zu wissen. «Sie benutzten ihn, als er am Leben war, und dann war er ihnen tot nützlicher. Das ist traurig und schrecklich», schrieb sie, ohne nähere Angaben darüber zu machen, wen sie mit «sie» meint. Es ist davon auszugehen, dass sie von mutmasslich iranischen Hintermännern spricht.

Staatsanwalt Nisman ermittelte im Fall des Anschlags auf das jüdische Gemeindezentrum Amia im Jahr 1994 mit 85 Toten. Kurz vor seinem Tod hatte der Beamte sowohl die Präsidentin als auch den argentinischen Aussenminister wegen Verschleierung angeklagt.

Agenten, die keine Agenten waren?

Er hatte Kirchner vorgeworfen, Teil eines «kriminellen Plans» zu sein, um die Strafverfolgung der im Iran vermuteten Attentäter des Anschlags zu vereiteln. Das Motiv: die Wirtschaftsbeziehungen zum Iran verbessern.

Die Behauptungen Nismans, so die beschuldigte Kirchner, seien mittlerweile widerlegt und die Anklageschrift in sich zusammengebrochen. Die beiden von Nisman genannten Agenten des argentinischen Geheimdienstes beispielsweise seien keine echten Agenten gewesen. «Der Staatsanwalt folgte einer falschen Spur.» Nisman hätte eher bei Human Resources nachfragen müssen, schreibt Kirchner und schlussfolgert: Nismans «Anklage des Jahrhunderts» basiere auf lauter Fehlinformationen.

Kopfschuss

Die Anklage von Staatsanwalt Nismans war am Dienstagabend in voller Länger veröffentlicht worden. Aus den Unterlagen geht hervor, dass Nisman von geheimen Verhandlungen zwischen Argentinien und dem Iran ausging. Dabei habe man sich darauf verständigt, dass die Attentäter von 1994 straffrei davonkommen sollten, um die gemeinsamen wirtschaftlichen Beziehungen nicht zu gefährden.

Sonderermittler Nisman war am Sonntag, einen Tag bevor er seine Anklage im Parlament erläutern wollte, tot in seiner Wohnung in Buenos Aires aufgefunden worden. Er starb durch einen Kopfschuss. Die Umstände sind ungeklärt.

(kle/sda)