Nahostexperte

15. Dezember 2016 05:43; Akt: 15.12.2016 05:43 Print

«Der Westen will in Aleppo seine Todfeinde retten»

von Ann Guenter - Was bedeutet der Fall Aleppos für den Syrienkrieg? Der Nahostexperte Abdel Mottaleb el Husseini im Interview.

Bildstrecke im Grossformat »
Ein Rebellenkämpfer der Freien Syrischen Armee im Amariya-Distrikt von Aleppo. Aleppo ist in der Hand von Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Nach jahrelangen Kämpfen und einer monatelangen Blockade durch Regierungstruppen gaben die Rebellen in Ost-Aleppo am Dienstag ihren Widerstand auf. (13. Dezember 2016) Die Kampfhandlungen in Ost-Aleppo seien beendet, sagte der russische UNO-Botschafter Witali Tschurkin in New York. Die mit Russland verbündeten syrischen Regierungstruppen hätten die Herrschaft über die Stadt übernommen. (13. Dezember 2016) Das syrische Militär habe seine Einsätze gestoppt, um den bewaffneten Aufständischen und ihren Familien die Flucht aus der Stadt zu ermöglichen, sagte Tschurkin weiter. (13. Dezember 2016) Die USA machen Syrien und seine Verbündeten Russland und Iran für einen «kompletten Kollaps der Menschlichkeit» in Aleppo verantwortlich. (13. Dezember 2016) Die humanitäre Situation ist laut dem Komitee des Roten Kreuzes in Syrien (IKRK) katastrophal: Den Menschen fehle es an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. (13. Dezember 2016) Die unter Vermittlung Russlands und der Türkei zustande gekommene Einigung auf eine Feuerpause und den Abzug der Zivilbevölkerung und der Aufständischen wurde auch von Seiten der Rebellen sowie des syrischen Militärs bestätigt. (13. Dezember 2016) Die regimefreundlichen Kämpfer feiern, die Bewohner müssen gehen. (13. Dezember 2016) Zivilisten und Aufständische sollen mit 33 Bussen aus Ost-Aleppo gebracht werden. Zivilisten waren aber nach Angaben einer AFP-Journalistin noch keine zu sehen. (13. Dezember 2016) Rebellen und Zivilisten in Aleppo haben am Mittwochmorgen auf ihre Evakuierung aus dem Ostteil der syrischen Grossstadt gewartet. Diese sollte gegen 4 Uhr MEZ beginnen, verzögerte sich aber. Von den Rebellengebieten soll es in Gebiete gehen, die von der Regierung kontrolliert werden. (13. Dezember 2016) Die Evakuierung verzögert sich: Pro-syrische Milizen würden verhindern, dass die Menschen aus den bis zuletzt von der Opposition gehaltenen Gebieten abziehen könnten, sagte ein Vertreter der Rebellen am Mittwochmorgen. (13. Dezember 2016) Dies war einst eine der bedeutensten Moscheen in Aleppo: Syrische Soldaten schiessen ein Foto in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme. (13. Dezember 2016) Die Taube ist der Bote des Friedens: Ein syrischer Soldat hält eine Taube fest in seiner Hand und macht das Victory-Zeichen. (13. Dezember 2016) Die Armee führt Journalisten durch die Altstadt: Links im Bild ist ein Kameramann zu sehen. (13. Dezember 2016) Ein Bub kocht in den Strassen Aleppos auf offenem Feuer. (13. Dezember 2016) Mitglieder der syrischen Armee stehen auf einem umgekippten Panzer. (13. Dezember 2016) In Aleppo bietet sich ein Bild der Zerstörung. (13. Dezember 2016) Ein Mitglied der Armee betritt den historischen Stadtkern Aleppos. (13. Dezember 2016) Von der einst blühenden Metropole ist nicht mehr viel übrig. (13. Dezember 2016) Die Armee zieht als Sieger durch die Strassen der syrischen Stadt. (13. Dezember 2016) Neben Ruinen sieht man vor allem eines: Verzweiflung in den Gesichtern der Zivilisten. (13. Dezember 2016)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Kämpfe in Aleppo gehen weiter, die Waffenruhe ist gescheitert, der vereinbarte Abzug der Rebellen ebenso. Gleichsam ist die Einnahme der Stadt durch die Truppen von Bashar al-Assad besiegelt. Der Nahostexperte Abdel Mottaleb el Husseini erklärt, wieso das noch lange kein Ende des Syrienkriegs bedeutet, in was für einem Dilemma der Westen steckt und was die wenigen Optionen sind, die er noch hat.

Herr Husseini, inwiefern ist die Eroberung Aleppos ein Wendepunkt im Syrienkrieg?
Ich bin froh, dass Sie die Eroberung Aleppos auch als solche bezeichnen – und nicht als Befreiung, wie das syrische Regime es darstellt. Die Eroberung bedeutet nicht automatisch das Ende des Krieges, doch der symbolische Stellenwert ist sehr hoch: Denn Aleppo ist nicht nur die zweitgrösste Stadt und das Wirtschaftszentrum im Land, es ist auch ein sunnitisches Zentrum. Für die Jihadisten, namentlich die al-Nusra-Front, die dort die Oberhand hatten, war die Stadt ein befreites Gebiet. Jetzt aber beherrscht das Assad-Regime diese wieder – ein harter Schlag für die Assad-Gegner nicht nur in Syrien, sondern auch in der Region: für Saudi Arabien, für die Türkei. Assad kann sich jetzt erholen und hat eine starke Position am Verhandlungstisch. Und natürlich ist die Eroberung Aleppos auch ein grosser Erfolg für die Russen, die jetzt endgültig die Herren im Land sind.

Alle reden von den in Ost-Aleppo eingeschlossenen Rebellen. Sind das noch die Regimegegner von 2011/12?
Nein. Die grösste Gruppierung der Rebellen, die in Aleppo auch die Überhand hat, ist die al-Nusra. Mittlerweile heisst sie Dschaisch al-Fatah, Eroberungsarmee auf Arabisch. Sie ist letztlich ein Teil von al-Qaida. Dann gibt es noch die Überreste der Freien Syrischen Armee und andere jihadistische Gruppierungen. Aber man muss klar sehen: Der bewaffnete Arm der gemässigten Opposition hat in Syrien schon lange keinen Einfluss mehr. Also: In Ost-Aleppo dominieren die Extremisten der al-Nusra-Gruppe. Es ist manchmal frustrierend zu sehen, wie das international heruntergespielt wird, obwohl diese Organisation aus Aleppo, aus ganz Syrien, vertrieben werden muss.

Also macht sich der Westen in Ost-Aleppo für Terroristen stark?
Es ist ein Dilemma sondergleichen. Die Amerikaner und der Westen haben in der Region das grosse Problem, keine Gesprächspartner mehr zu haben. Im Gegensatz zu den Russen, die von Anfang an ihre Ziele, ihre Verbündeten und das syrische Regime als Basis in der Region hatten. Das ist das Dilemma: Wenn die USA und der Westen jetzt Druck machen, um diese Rebellen in Aleppo zu retten, dann retten sie in Wahrheit ihre Todfeinde. Diese Organisationen terrorisieren nicht nur Syrien, sie sind eine Gefahr und eine Bedrohung für die ganze Welt.

Es gibt aber auch Tausende eingeschlossene Zivilisten.
Natürlich! Sie sind mehrheitlich die Opfer der Extremisten. Die Zivilbevölkerung hat enorm unter der Herrschaft der Jihadisten gelitten. Denn diese haben die säkularen, oppositionellen Kräfte ausgeschaltet – mit der Unterstützung von Saudi Arabien und Qatar und der Hilfe dort ansässiger Organisationen. Das alles hat dazu geführt, dass die gemässigte, weltliche Opposition in Syrien schon lange so gut wie keinen Einfluss mehr hat. Natürlich haben die Rebellen auch Anhänger unter der Zivilbevölkerung. Die Mehrheit aber will endlich ein Ende des Schreckens und kein Schrecken ohne Ende. Wichtig wäre jetzt also die Regelung des freien Geleites für die bewaffneten Rebellen und ihre Anhänger in die Rebellengebiete im Nordosten des Landes, denn sie haben verloren.

Besiegelt das nicht gleichzeitig die Teilung Syriens?
Ja. Faktisch ist Syrien längst zwischen den Gebieten des Regimes und der Opposition geteilt, die Grenzen von Sykes-Picot zerfallen. Niemand weiss, wie es weitergeht. Kommt dazu, dass diese Krise sehr internationalisiert ist und es viele versteckte Spielchen gibt. Das syrische Regime ist jedenfalls nicht mehr in der Lage, das gesamte Land zu kontrollieren, auch wenn es nach seinem so genannten Sieg in Aleppo die wichtigsten Gebiete, die Grosstädte, beherrscht.

Kommt mit einer Teilung denn der Friede?
Davon gehe ich nicht aus. Es kommt allerdings auch sehr auf die regionalen Mächte an, ob sie in der Lage sind, die Rebellen weiter zu unterstützen. Es sieht nicht danach aus. Saudi Arabien sitzt bis zum Hals im Jemen im Dreck, mit Verlaub. Auch die Türkei hat mit dem Kurdenkonflikt grosse Probleme. Das heisst, die Gegner Assads haben mehr Schwierigkeiten am Hals als Assad selbst.

Ist jetzt der Zeitpunkt für Verhandlungen des Westens mit Assad gekommen?
Unbedingt. Das Kräfteverhältnis hat sich längst verändert. Der Westen muss klare, realistische Ziele definieren. Es gibt keine Alternative. Assad muss Teil der Lösung für Syrien sein, denn er weiss immer noch eine starke Basis hinter sich. Realistischerweise muss der Westen vor allem einen Konsens mit Assads Herren, etwa Russland und Iran, finden. Nur so kann Assad seinen Krieg nicht weiter führen. Es geht nicht anders. Der Westen beweint jetzt die Menschen in Aleppo. Aber tatsächlich ist im Westen niemand an einer politischen Lösung der Krisen in der Region interessiert. Moralisch schwingt man die Keule und ist gleichzeitig politisch untätig. So wird auch die Flüchtlingskrise nicht gemeistert, das sollte man im Westen wissen.