Schweizer Ärztin in Syrien

31. Oktober 2019 18:32; Akt: 31.10.2019 19:06 Print

«Die Arterie in ihrem Bein war zerrissen»

von Ann Guenter - Eine Schweizer Ärztin im Hilfseinsatz in Syrien berichtet über grauenhafte Verletzungen von Menschen im kurdischen Kriegsgebiet.

Die Schweizer Ärztin Maja Hess über Kriegsverletzungen von Menschen in Nordsyrien. (Video: Ann Guenter)
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Seit dem Beginn der türkischen Offensive namens «Friedensquelle» von Anfang Oktober fliehen Hunderttausende Menschen aus den syrischen Kurdengebieten. Sie werden Opfer von Luftangriffen und Artilleriebeschuss. «Die UNO gibt mindestens 200'000 Vertriebene an – das scheint durchaus realistisch», sagt Michael Wilk. Der Notfallarzt aus Wiesbaden ist mit einem achtköpfigen Team für rund eine Woche in die noch von Kurden kontrollierten Gebiete gereist, um zu helfen. «Die Lage ist prekär», sagt er zu 20 Minuten.

Die Schweizer Ärztin Maja Hess (61) gehörte zu diesem Ärzteteam und hat Furchtbares gesehen (siehe Video): «Eine Frau hatte eine riesige Wunde in der Kniekehle. Die Arterie in ihrem Bein war zerrissen. Ein Mann verlor ein Bein und hatte schwerste Brustverletzungen. Er ist ein Anwalt, der für seine Kinder Brot einkaufen wollte.»

Geschosse aus der Luft

Täglich werden verletzte Zivilisten und Soldaten in das acht Kilometer von der Front entfernte Notfallspital von Tel Tamir gebracht. Zwei erliegen den Verletzungen vor unseren Augen. Wilk und sein Team behalten die Ruhe, nähen aufgerissene Arme, reden beruhigend auf die vor Schmerz schreienden Patienten ein, den sich ausbreitenden Blutgeruch bemerken sie nicht. «Bei verletzten oder sterbenden Kindern verliere auch ich die Fassung – später, wenn ich alleine bin», sagt Wilk. Die Mehrheit der Verletzungen, die er gesehen habe, seien Explosionsverletzungen durch Drohnen, sagt er, und beschreibt aufgeplatzte Bäuche und schwere Kopfverletzungen.

Langsam breche die medizinische und humanitäre Infrastruktur zusammen. «Die Häuser der kurdischen Bevölkerung der Region sind überbelegt», so Wilk. «Es mangelt an Zelten, Nahrung, Trinkwasser und medizinischer Versorgung. Der Kurdische Rote Halbmond und die regionale kurdische Selbstverwaltung leisten hervorragende Arbeit, sind aber völlig überlastet.»

Wilk, der seit 2014 immer wieder in syrische Kurdengebiete reist, um als Arzt zu arbeiten und Leute vor Ort auszubilden, ärgert sich wegen der türkischen Offensive. «Nachdem das IS-Territorium zurückerobert worden war, stellte sich hier eine gewisse Normalität ein, die Leute lebten mitten im Bürgerkriegsland relativ in Frieden. Das alles wurde jetzt wieder umgestossen, ganz ohne Not.»

Hunderte Zivilisten getötet

Nach Angaben des Kurdischen Roten Halbmondes sind seit der türkischen Offensive vom 9. Oktober 1032 Menschen verletzt worden. 202 Zivilisten wurden getötet, darunter acht Minderjährige und 20 Frauen. «Der Kurdische Rote Halbmond arbeitet seriös», sagt Arzt Wilk. Die Organisation listet alle Verletzten und Toten auf, die in Spitäler eingeliefert werden. «Die Dunkelziffer dürfte höher sein, denn noch viele Menschen haben es nicht aus den eroberten Dörfern geschafft und liegen unter Trümmern begraben.»

«Die Frau starb im Kurden-Spital vor meinen Augen»
Der Alltag im Spital in Tel Tamir ist dramatisch, wie die Fotos von 20-Minuten-Reporterin Ann Guenter zeigen.

Die Opferzahlen auf türkischer Seite sind derzeit unklar. Allein am Dienstag starben bei Kämpfen zwischen der türkischen Armee und deren lokalen Verbündeten und syrischen Regimesoldaten zehn Kämpfer der pro-türkischen Rebellen, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London.

*Maja Hess (61) ist Präsidentin von Medico International Schweiz. Eine Woche lang versorgte die Ärztin Kriegsopfer in einem Regionalspital in Tel Tamir. Für ihre Arbeit ist Medico auf Spenden angewiesen (Vermerk Kurdistan).