Terrorgefahr in Europa

26. Januar 2016 05:53; Akt: 26.01.2016 14:41 Print

«Die Lage ist ernster als je zuvor»

von Ann Guenter - Die Polizeibehörde Europol warnt vor schweren IS-Anschlägen in Europa. Von Attacken im Stil von «Special Forces» ist die Rede. 20 Minuten hat bei Europol nachgefragt.

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Herr Oorth, der «Islamische Staat» hat am Sonntag ein Video veröffentlicht, in dem die Terrormiliz mit Attacken in Europa droht. Ist das der Hintergrund der jüngsten Europol-Warnung?
Nein. Das ist eher ein zeitlicher Zufall. Zudem: Es ist eine generelle Warnung, die wir in unserem jüngsten Bericht aussprechen – auch wenn die Lage sicher ernster ist als je zuvor.

Gemäss Europol gibt es «allen Grund», dass IS neue Attacken in Europa plant, vor allem in Frankreich. Wieso steht gerade Frankreich im Fokus der IS-Terroristen?
Es gibt derzeit keine konkreten Hinweise durch die Nachrichtendienste dafür, dass Frankreich derzeit speziell Ziel terroristischer Anschläge ist. Unser jüngster Bericht, aus dem Sie zitieren, basiert auf vorhergehenden Einschätzungen von Experten aus EU-Ländern, die wir nach den Attacken von Paris im November im Rahmen eines so genannten First-Response-Netzwerks um ihre Einschätzung gebeten haben. Tatsächlich steht Frankreich speziell im Visier des IS. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger davon ist sicher, dass gerade aus Frankreich und Belgien viele Jihadreisende und radikale Rückkehrer kommen.

Europol spricht von einem veränderten modus operandi bei Terrorattacken. Die Angriffe erfolgten nach einem Stil, wie ihn Spezialeinheiten kennen. Können Sie das ausführen?
Das ist für uns ein wichtiger Punkt. Schaut man, wie die jüngsten Attacken ausgeführt wurden, erkennt man, dass von langer Hand geplant und vorbereitet wurde. Mehrere «Teams» traten an mehreren Orten gleichzeitig auf. Diese Vorangehensweise erinnert stark an die Art und Weise, wie Spezialeinheiten bei ihren Missionen operieren. So überraschend ist das allerdings nicht wenn man bedenkt, dass die IS-Führungsrige aus einer Reihe von Leuten mit sehr viel militärischer Erfahrung besteht.

Was ist denn der grösste Unterschied zu früheren Attacken auf den Westen?
Die Angreifer haben zuvor mehrheitlich von sich aus gehandelt. Sie waren zwar ebenfalls vorbereitet, aber niemals in dem Umfang – ich erinnere etwa den Angriff auf den Thalys-Zug vom 21. August, wo ein Einzelner zur Tat schritt. Die Attacken von Paris im November aber sind vergleichbar mit den zwölf zeitgleichen Angriffen, wie sie 2008 in Mumbai auf Spitäler, Kinos und Hotels stattfanden. Die Möglichkeit von solchen, eben im Stil von Spezialeinheiten ausgeführten Angriffen, müssen wir künftig berücksichtigen.

Europol schreibt auch: «Abgesehen von Ausbildungscamps in Syrien existieren kleinere Trainingcamps innerhalb der EU und in den Balkanstaaten.» Da bleibt nur die Frage: Wie bitte, wie kann das sein?
Nein, so ist es auch nicht. Diese Camps sind nicht mit den Camps in Syrien vergleichbar, die ganz auf militärische Ausbildung und Training abzielen. Im Radikalisierungsprozess von Leuten aus europäischen Ländern haben wir aber gesehen, dass diese an einem Ort zusammenkommen, zusammen trainieren und auch psychologisch und religiös geschult werden. Neu ist das nicht, das beobachten wir bereits seit 2001, und es gibt derlei «Zusammenkünfte» nach wie vor bei uns. Es ist eine Art, wie man das Interesse von Jungen weckt. Wir sehen es mehr als Vorbereitung für die wirklichen militärischen Trainingslager in Syrien, im Irak oder in Afrika. Die westlichen Nachrichtendienste haben aber ein Auge auf derlei Clubs oder Vor-Ausbildungsstätten.

In welchen EU-Staaten gibt es solche Vorbereitungscamps denn?
Diese Information kann ich nicht weitergeben.

Eine Warnung von Europol beunruhigt immer auch. Wie verhindern Sie Panik?
Wie gesagt, es war keine Warnung, sondern ein Bericht, den wir heute veröffentlichten. Terroristen wollen ja gerade das: Panik schaffen. Wir arbeiten genau umgekehrt. Wir versuchen, möglichst transparent zu sein. Wir warnen, genau wie einzelne Regierungen auch, vor der Gefahr von Attacken oder weisen darauf hin, wenn wir konkrete Informationen auf Anschläge hätten. Aber alles können wir natürlich nicht offenlegen.