Nahost-Experte

16. Dezember 2014 13:28; Akt: 16.12.2014 17:39 Print

«Die Taliban nehmen sich den IS als Vorbild»

von Katrin Moser - Der grausame Überfall auf eine Schule im pakistanischen Peschawar ist selbst für die Taliban aussergewöhnlich, sagt Nahost-Experte Arnold Hottinger.

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Die pakistanischen Taliban töteten am Dienstagmorgen rund 140 Menschen bei einem Überfall auf eine Schule in Peschawar. Mindestens 84 der Opfer waren Schüler. Nahost-Experte Arnold Hottinger über die Hintergründe.

Herr Hottinger, die Taliban töten mindestens 84 Kinder bei einem Überfall auf eine Schule in Peschawar. Ist das typisch für die Terrororganisation?
Nein, dass die pakistanischen Taliban so viele Kinder töten, ist aussergewöhnlich. Doch es ist das Resultat des Erfolgs der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Das Erfolgsrezept des IS – je grausamer, desto besser – wird jetzt von anderen Terrororganisationen kopiert.

Kann man also von einer Propaganda-Aktion der Taliban sprechen?
In gewissem Sinne ja. Die pakistanische Armee hat die Taliban enorm unter Druck gesetzt, indem sie deren Stammland Nordwaziristan praktisch besetzte und ihre Führung zur Flucht nach Afghanistan trieb. Mit der Aktion wollen die Taliban jetzt zeigen, dass sie immer noch da sind.

Ist das militärische Vorgehen der pakistanischen Regierung neu?
In diesem Ausmass ja. Zuvor hatte die Regierung mit den Stammesführern in Nordwaziristan Verträge und Abmachungen ausgehandelt. Diese regelten ihrerseits das Zusammenleben mit den Taliban. Dazu muss man wissen, dass die wichtigsten Führer der pakistanischen Taliban vom Stamm Mahsud kommen, der hier zuhause ist. Die Region diente als Rückzugsgebiet für die Dschihadisten. Und die Taliban verhielten sich relativ lang relativ ruhig.

Dann war der Terrorakt eine Reaktion auf die Armeeaktion?
Einerseits bestimmt. Zum andern – wie gesagt – war es eine Reaktion auf den Erfolg des IS.

Gibt es noch andere Terrororganisationen, die sich vom IS zu mehr Brutalität animieren lassen?
Vielleicht nicht zu mehr Brutalität, aber ganz bestimmt zur vermehrten öffentlichen Zurschaustellung von Grausamkeiten. Terrororganisationen stellen heute mehr Bilder und Videos von Enthauptungen ins Internet oder auf die sozialen Medien. Beispiele sind etwa die Islamisten in Libyen oder in Somalia.