Anschläge in Brüssel

22. März 2016 22:07; Akt: 23.03.2016 10:09 Print

«Die Terrorgefahr
dauert noch Jahre an»

von K. Moser - Nach den Anschlägen in Brüssel stellt 20 Minuten die drängendsten Fragen – zwei führende Terrorismus-Experten antworten.

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Medien berichten von mehreren Toten und Verletzten am Flughafen. (Screenshot: Twitter) Die belgische Polizei hat ein Bild veröffentlicht, das drei Terroristen am Flughafen Brüssel zeigen soll. Die belgische Zeitung «La Dernière Heure» spekuliert, dass zwei der Männer unter ihrem Handschuh den Auslöser für ihren Sprengstoffgürtel tragen. Zerstörung in der Metro-Station Maalbeek: Die U-Bahn, in der sich die Explosion ereignet hat, ist komplett zerstört. (Screenshot: Twitter) Rauch steigt aus der Metro-Station Maalbeek auf. (Screenshot: Twitter) Zerstörung auch am Flughafen Brüssel-Zaventem. (Screenshot: Twitter) Die Hohe Vertreterin der EU für Aussen- und Sicherheitspolitik, Federica Mogherini, weint, als sie bei einer Pressekonferenz in Jordanien über die Anschläge informiert wird. Zeugen haben am Flughafen in Brüssel zwei laute Explosionen gehört. (Screenshot: Twitter) Personen gehen nach der Explosion am Flughafen in Deckung und helfen einander. (Screenshot: Twitter) Personen werden aus einem Zug mitten auf der Strecke evakuiert und verlassen den Metro-Tunnel über die Station Schuman. (Screenshot: Twitter/Evan Lamos) Bei der Station Maalbeek sitzen Verletzte vor dem Eingang...(Screenshot: Twitter) ...und die Einsatzkräfte kümmern sich sie. Das Gebiet um die Metro-Station Maalbeek an der Rue de la Loi wird abgesperrt. Hier die Metro-Station Maalbeek aus einem anderen Winkel. Viele Menschen entfernen sich nach dem Anschlag zu Fuss vom Flughafen Brüssel-Zaventem. Ein Helikopter der belgischen Polizei fliegt über dem Gebiet der Metro-Station Maalbeek. (22. März 2016) Die Soldaten, die bereits in den Vortagen in Brüssel patrouilliert haben, sind nun in voller Kampfmontur zu sehen. Militärkräfte wurden in die Nähe der Rue de la Loi verlegt, wo sich auch die Metro-Station Maalbeek befindet. Die Explosionen haben Teile der Fensterwand zertrümmert: Leute entfernen sich nach den Explosionen vom Flughafengebäude. Feuerwehr und Sanität kümmern sich um ein Opfer in der Nähe des Flughafens Brüssel-Zaventem. (22. März 2016) Rauch steigt aus dem Gebäude des Flughafens. (Screenshot: Twitter) Teile der Fensterfront sind zertrümmert. (Screenshot: Twitter) Feuerwehr-Leute besprechen sich während ihrem Einsatz in der Nähe der Metro-Station Maalbeek. Eine Frau wird aus der Metro-Station Maalbeek evakuiert und versorgt. Europaweit sind die Flüge nach Brüssel annulliert oder werden umgeleitet. Hier die Anzeige in Frankfurt... ...hier vom Flughafen Rom-Fiumicino in Italien. Der Flughafen ist gesperrt, Flüge werden umgeleitet. (Screenshot: Twitter) Die belgischen Einsatzkräfte in der Nähe der Metrostation Maalbeek. Nach dem Anschlag in der Metro-Station Maalbeek wurden viele Strassen in der Gegend abgesperrt. A Belgian police officer detains a man at the Gare du Midi train station in Brussels, Tuesday, March 22, 2016. Explosions, at least one likely caused by a suicide bomber, rocked the Brussels airport and its subway system Tuesday, prompting a lockdown of the Belgian capital and heightened security across Europe. (AP Photo/Michel Spingler)

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Die Anschläge in Brüssel schockieren die Welt. Erneut schlagen Terroristen in einer europäischen Grossstadt zu, töten Dutzende Menschen – und führen die Geheimdienste vor. Was waren ihre Motive und müssen wir uns an Terroranschläge gewöhnen? 20 Minuten fragte zwei führende Terrorismus-Experten: Lorenzo Vidino und Martin Kahl.

Umfrage
Haben Sie Angst, dass Sie auch Opfer eines Terroranschlags werden könnten?
56 %
37 %
7 %
Insgesamt 9146 Teilnehmer

Warum Brüssel?
Lorenzo Vidino sieht gleich mehrere Gründe: Brüssel ist nicht nur die Hauptstadt von Belgien, sondern auch diejenige der EU. Und im Land lebt eine grosse Anzahl Jihadisten. Zudem: «Falls das Ziel am Flughafen tatsächlich der Counter der American Airlines war, könnte sich der Anschlag zusätzlich auf den US-Militäreinsatz in Syrien und im Irak richten.»

Martin Kahl dagegen glaubt nicht, dass Brüssel das eigentliche Ziel war: «Die belgische Hauptstadt bietet sich nicht gerade als Anschlagsziel an. Belgien macht weder mit aussenpolitischen Aktionen noch mit Militäroperationen in Syrien oder im Irak auf sich aufmerksam.»

War das eine Machtdemonstration?
Vidino hält dies nach den Polizeirazzien und der Verhaftung des Paris-Attentäters Salah Abdeslam für gut möglich: «Es kann durchaus sein, dass die Attentäter zeigen wollten, dass man sie nicht aufhalten kann, egal, was man tut.»

War das eine Rache für Abdeslams Verhaftung?
Das können sich beide Experten vorstellen. «Bei der Festnahme Abdeslams entdeckten die Behörden Anschlagspläne. Diese könnten also seit längerer Zeit vorbereitet worden und nun ausgeführt worden sein», sagt Vidino. Kahl: «Es kann aber auch eine Torschlussreaktion gewesen sein: Dass die Terroristen dachten, sie müssten schnell agieren, bevor es zu weiteren Verhaftungen kommt. Möglicherweise spielten sowohl Rachegedanken als auch Torschlusspanik eine Rolle.»

Kann man die Brüssel-Anschläge mit denen in Paris vergleichen?
«Da kann ich vorerst nur spekulieren, viel wissen wir ja noch nicht», sagt Kahl. Er vermutet, dass die Anschläge vom 13. November in Paris wesentlich mehr Vorbereitungsbedarf hatten und viel gezielter waren. «Der Anschlag in Brüssel war im Grunde ein ‹Allerweltsanschlag›: Es handelt sich zwar um eine grössere Gruppe, deren Mitglieder sich absprachen und an mehreren Orten zuschlugen, doch von der Logistik und vom Vorbereitungsaufwand her scheint das nicht so komplex wie in Paris gewesen zu sein.»

Warum versagten die Geheimdienste?
«Offensichtlich verstehen es die Mitglieder solcher Terrornetzwerke, sich konspirativ und klandestin zu verhalten, sie wissen, wie man unter dem Radar bleibt», sagt Kahl. Vidino: «Kommt hinzu, dass die belgische Polizei und der Geheimdienst dafür bekannt sind, dass sie nur sehr wenig Ressourcen haben.»

Kann man Terroranschläge verhindern?
«Es ist möglich, einige zu verhindern, aber nicht möglich, alle zu verhindern», sagt Vidino. Sogar in den USA, wo das Risiko viel kleiner und die Sicherheitsbehörden viel mächtiger seien, konnten nicht alle Anschläge verhindert werden. Das sieht auch Kahl so: «Man kann versuchen, Verbindungen aufzudecken, kann Gruppen infiltrieren und Geheimdienstmittel einsetzen – aber man wird immer etwas übersehen.» Vidino gibt allerdings zu bedenken, dass man davon ausgehen könne, dass für jeden Anschlag, der stattgefunden hat, in der Regel mehrere verhindert worden sind.

Müssen wir uns an Terroranschläge gewöhnen?
«Ja», sagen beide Experten. Vidino glaubt, das diese Gefahr noch ein paar Jahre andauern wird: «Viele der rund 6000 Europäer, die sich dem jihadistischen Krieg in Syrien angeschlossen haben, kehren zurück und verbreiten hier ihre Ideologie. Kommt hinzu, dass der IS zu Anschlägen in Europa aufruft.» Und Kahl sagt: «So lange es Jihadisten in einer bestimmten Anzahl gibt, die meinen, sie müssten Gewalt einsetzen, um ihre Ziele durchzusetzen, muss man damit rechnen. Ob es mehr Anschläge gibt oder weniger, kann ich nicht sagen.»