Migrationsexperte

12. September 2015 22:04; Akt: 14.09.2015 12:59 Print

«Drei Massnahmen, um die Flüchtlingskrise zu lösen»

von Martin Suter - Die blosse Umverteilung von Flüchtlingen reiche nicht, sagt Demetrios Papademetriou. Der Experte fordert von Europa drei Anstrengungen.

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Der Druck einer riesigen Zahl von Flüchtlingen und Migranten aus Nahost stellt Europa vor eines der schwierigsten Probleme, die der Kontinent in jüngster Zeit meistern musste. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker machte am Mittwoch einen Schritt: Er forderte die Mitgliedsstaaten auf, sich bis nächste Woche auf einen Verteilungsschlüssel für 160’000 bereits eingetroffene Flüchtlinge zu einigen.

Solche Massnahmen kommen jedoch sehr spät, sagt der Migrationsexperte Demetrios Papademetriou. Der Europa-Präsident der Denkfabrik Migration Policy Institute in Washington sagt im Interview mit 20 Minuten: «Zum millionsten Mal traf die Krise Europa unvorbereitet. Wenn es sich dann schliesslich zusammenrauft, um Folgen zu lösen, ist die Zeit meist verstrichen.»

Papademetriou fordert umfassendere Massnahmen und schlägt selbst drei Dinge vor:

1. Aufnahme- und Bearbeitungszentren

«Das Chaos muss aufhören», sagt Papademetriou. Europa müsse zwingend Zentren zur Aufnahme von Migranten und zur Bearbeitung ihrer Asylgesuche einrichten. Nötig seien sie in den drei am meisten betroffenen Eintrittsländern Griechenland, Italien und Ungarn. «Das wird aber nicht ausreichen», sagt der Migrationsexperte. «Europa muss noch mehr diplomatisches und finanzielles Kapital einsetzen, um in den nächsten sechs bis neun Monaten zusätzliche Bearbeitungszentren ausserhalb der EU einzurichten.» Das sei zwar schwierig, aber unverzichtbar, ist Papademetriou überzeugt. «Wir müssen zwei Dinge entkoppeln: dass die Menschen nach Europa kommen und dass sie dort bleiben können.»

2. Echte Rückschaffungen

Hier geht es dem Experten um Ehrlichkeit. Europa müsse Wege finden – und dafür den Mut aufbringen –, Migranten zurückzuschaffen, die keine Flüchtlinge sind. «Europa muss das wirklich tun und nicht nur darüber reden», sagt Papademetriou.
Drei Gruppen müssten klare Botschaften erhalten. «Wirtschaftsmigranten müssen wissen, dass sie das in die Überfahrt investierte Geld verlieren, denn man wird sie zurückschaffen. Menschenschmuggler müssen wissen, dass ihre Einnahmequelle versiegen wird.» Am wichtigsten findet er die dritte Gruppe: «Europas Bevölkerung muss wissen, dass die von ihr abverlangten Opfer nur für Menschen eingesetzt werden, die es wirklich verdienen.»

3. Hilfe in Krisenzonen

Um zu verhindern, dass Menschen in Richtung EU aufbrechen, müsse Europa ihnen in den Krisengebieten helfen, sagt javascript:;Papademetriou. «Es muss viel Geld – ich rede von zweistelligen Milliardenbeträgen – investieren, damit sich das Leben der Menschen ausserhalb der Kriegszonen verbessert.» Der Fachmann denkt sowohl an die Millionen von Flüchtlingen in Lagern wie auch an die örtlichen Bevölkerungen. «Friedliche Verhältnisse werden nur andauern, wenn die Menschen humanitäre Hilfe und Unterkunft erhalten.» Ein wichtiges Zusatzelement sei die berufliche Ausbildung, sagt Papademetriou. «Die Menschen sollen Fertigkeiten entwickeln, mit denen sie ihr Leben meistern können. Je nachdem können einzelne in europäische Länder übersiedeln, wo ihre Fähigkeiten gebraucht werden.»

Derlei Massnahmen sollen die Anreize für fluchtwillige Menschen verändern, sagt der Experte. «Sie sollen wegkommen von: ‹Gehen wir alle nach Deutschland›. Stattdessen sollen sie sich sagen: ‹Es gibt auch hier Möglichkeiten, voranzukommen›.» Dies sei möglich, obwohl der Bürgerkrieg in Syrien andauere. «Niemand wird zurzeit die Krise in Syrien lösen», glaubt Papademetriou. «Europa muss alles einsetzen, um zu verhindern, dass sich weitere Problemgebiete – Jemen, gefolgt von Ägypten – zu neuen Syrien entwickeln. Sonst ist das Spiel endgültig verloren.»

Was hält der Fachmann von Zäunen, wie sie Ungarns Premier Viktor Orbán an der serbischen Grenze baut? «Ach, Zäune», stöhnt Papademetriou. Er sei zwar ein Mann von Grenzen, denn Nationalstaaten seien immer noch wichtig. «Aber Zäune sind keine Lösung. Die Menschen werden Wege unter ihnen durch und um sie herum finden.» Zudem stehe viel auf dem Spiel. «Bauen wir Zäune, wird Europa allen Goodwill und alle Wertschätzung, die es im Rest der Welt über Jahrzehnte aufgebaut hat, aus dem Fenster werfen.»