Augenzeugin im Bataclan

15. November 2015 09:56; Akt: 16.11.2015 13:37 Print

«Dutzende vor meinen Augen erschossen»

Eine 22-jährige Studentin überlebt den Terror im Bataclan, indem sie sich tot stellt und eine Stunde am Boden liegen bleibt. Den Horror schildert sie auf Facebook.

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Dieses T-Shirt trug die Studentin beim Angriff auf das Bataclan. (Bild: Facebook / Isobel Bowdery)

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«Du glaubst niemals, dass dir so etwas passieren wird. Es war einfach nur ein Freitagabend an einem Rockkonzert. Die Stimmung war so ausgelassen, jeder hat getanzt und gelacht», schreibt die 22-jährige Isobel Bowdery auf ihrem Facebook-Profil. Dazu postet sie ein Foto ihres blutverschmierten T-Shirts – ein traurigen Andenken an eine schreckliche Nacht.

Die Studentin aus Südafrika besuchte das Konzert der Band Eagles of Death Metal im Pariser Konzertlokal Bataclan. «Als die Männer durch den Haupteingang kamen, dachten wir naiverweise, alles sei Teil der Show.»

«Schreie von erwachsenen Männern»

Bowdery schreibt weiter: «Es war nicht nicht einfach eine Terror-Attacke, es war ein Massaker. Dutzende Menschen wurden vor meinen Augen erschossen, Blutlachen breiteten sich auf dem Boden aus.» Bildhaft beschreibt sie den Horror des Angriffs. «Schreie von erwachsenen Männern, die den toten Körper ihrer Freundin hielten, drangen durch die kleine Konzerthalle.»

Sie habe sich während einer Stunde tot gestellt, sei zwischen Menschen gelegen, die zusehen mussten, wie ihre Liebsten regungslos daneben lagen. Sie habe versucht, nicht zu atmen, sich nicht zu bewegen, nicht zu weinen. «Ich wollte diesen Menschen meine Angst nicht zeigen, die sie sehen wollten.»

Dankbar für die Hilfe

Sie habe unglaubliches Glück gehabt, so Bowdery. «Aber so viele andere hatten das nicht.» Die Studentin zeigt sich dankbar, dass ihr wildfremde Menschen halfen und sie umsorgten, als sie sich endlich in Sicherheit bringen konnte. Ein verletzter Mann, den sie für ihren Freund hielt, habe sie getröstet – obwohl auch er Angst gehabt habe und allein gewesen sei.

Sie dankt der Frau, die ihre Türen für die Überlebenden öffnete. Sie dankt dem Freund, der ihr Unterschlupf gewährte und ihr eine neues Oberteil kaufte, damit sie nicht mehr das blutverschmierte tragen musste.

«Es fühlte sich nicht real an»

«Diese Welt ist grausam», sagt Bowdery. Die Bilder der Angreifer hätten sich in ihr Gedächtnis gebrannt und würden sie für den Rest ihres Lebens verfolgen – «wie ruhig und sorgfältig die Männer auf die Menschen zielten». Es habe sich alles nicht real angefühlt. «Ich erwartete jeden Moment, dass mich jemand aus diesem Albtraum aufwecken würde.»

Die junge Frau gedenkt der über 80 Opfer, die das Massaker im Bataclan gefordert hatte, und denkt dabei an die Angehörigen dieser Menschen. «Ich verspreche euch, dass ihre letzten Gedanken nicht diesen Tieren galten, die das angerichtet haben, sondern denjenigen, die sie lieben.»

(num)