«Katastrophal und enttäuschend»

20. November 2019 20:17; Akt: 21.11.2019 01:26 Print

Dieses Interview wurde Andrew zum Verhängnis

Mit einem Interview wollte Prinz Andrew zeigen, dass er nicht in den Fall Epstein verwickelt ist. Beobachter halten seinen Auftritt jedoch für eine «PR-Katastrophe».

Konfrontiert mit dem Foto, das Prinz Andrew mit der minderjährigen Virginia Giuffre zeigt, streitet er alles ab: «Ich habe daran absolut keine Erinnerung.» (Video: BBC)
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Der britische Prinz Andrew geriet nach seinem Interview zum Missbrauchsskandal um den toten US-Multimillionär Jeffrey Epstein enorm unter Druck. Am Mittwoch zog er Konsequenzen und entschied, von seinen königlichen Pflichten zurückzutreten.

Am Samstagabend hatte die BBC ein Interview mit Prinz Andrew ausgestrahlt. Der zweitälteste Sohn von Königin Elizabeth II. äusserte sich erstmals zu seiner Freundschaft mit dem mutmasslichen Sexualstraftäter Epstein. Für die britische Presse war klar: Der Auftritt war «eine PR-Katastrophe». Hier einige Gründe, wieso:

Eine Einladung aus London trotz Haftbefehl

Im Jahr 2006 lud Prinz Andrew Jeffrey Epstein zur 18. Geburtstagsfeier seiner Tochter Beatrice ein. Der Royal will zu jenem Zeitpunkt nicht gewusst haben, dass Monate zuvor ein Haftbefehl gegen Epstein wegen sexueller Übergriffe von Minderjährigen erlassen worden war. Andrews Ausrede: Epstein habe dies ihm gegenüber nie erwähnt.

Das Problem mit dieser Aussage: Die britische Königsfamilie hat zahlreiche Mitarbeiter, die vor einer Einladung sämtliche Gäste ganz genau untersuchen.

Wie eng war die Freundschaft zu Epstein?

In einem weiteren Moment des Interviews sagt Prinz Andrew, es sei übertrieben, zu behaupten, dass er mit dem US-Milliardär «eng befreundet» gewesen sei. Eingeladen zur Geburtstagsparty war eigentlich die britische Prominente Ghislaine Maxwell. Epstein sei lediglich als Begleiter an das Fest gekommen.

Das Problem mit dieser Aussage: Ghislaine Maxwell sowie vier Mitarbeiterinnen Epsteins werden verdächtigt, den Financier bei der Organisation seines Prostituierten-Netzwerkes geholfen zu haben.

Ein Widerspruch zur engen Freundschaft

Nachdem der Prinz gesagt hatte, er sei mit dem mutmasslichen Sexualstraftäter nicht eng befreundet gewesen, fragte die BBC-Journalistin Emily Maitlis, wieso er Epstein nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 2010 in den USA besuchte. Andrew gab an, er sei nach New York gereist, um die Freundschaft mit dem Verurteilten persönlich abzubrechen. Er verbrachte ganze vier Tage auf Epsteins Anwesen.

Das Problem mit dieser Aussage: Wer reist schon 5600 Kilometer über den Atlantik, um einem nicht engen Freund persönlich die Freundschaft zu kündigen? «Eine Freundschaft per Telefon zu beenden wäre feige gewesen», sagte Andrew dazu. «Ich gebe voll und ganz zu, dass mein Urteil wahrscheinlich von meiner Tendenz geprägt war, zu ehrenwert zu sein.» Auch dass er vier Tage dazu benötigte, begründet er mit seinen guten Manieren.

Kein Mitgefühl mit den missbrauchten Frauen

Andrew behauptete im Interview, dass Epstein «sich auf eine unwürdige Art und Weise verhalten» habe. «Unwürdig? Er war ein Sexualstraftäter», erwiderte Journalistin Emily Maitlis sichtlich überrascht. «Ja, tut mir leid, ich wollte höflich sein», antwortete der Royal.

Er stellte die Aussagen der Opfer in Frage

Andrew gab zudem an, Virginia Giuffre, eines der mutmasslichen Opfer, niemals getroffen zu haben. Die Frau hatte allerdings bei einer Anhörung ausgesagt, sie habe im Alter von 17 Jahren dreimal Sex mit dem Duke of York in Epsteins Haus gehabt. Sie sei vom Financier dazu gezwungen worden.

Prinz Andrew mag sich nach eigenen Angaben nicht an sie erinnern – obwohl es ein Foto der beiden gibt, auf dem er seinen Arm um sie legt. Das Bild sei ein Fake, sagte Andrew. «Die Experten können nicht beweisen, ob dieses Foto gefälscht ist oder nicht», so der Prinz.

Andrew redet um den heissen Brei herum

Im Laufe des Gesprächs machte Andrew eine Reihe von unglücklichen Aussagen. So habe er etwa nach Epsteins Freilassung keine Party geschmissen, sondern lediglich «eine kleine Dinnerparty für nur acht oder zehn Personen organisiert». Auch für Ghislaine Maxwell habe Andrew nicht eine Geburtstagsfeier im königlichen Sandringham organisiert, sondern «ein unkompliziertes, rauschendes Wochenende».

Kein Bedauern für die Freundschaft mit Epstein

Was den Zuschauern zum Abschluss des Interviews fehlte, war ein klares Zeichen von Reue. Andrew äusserte aber mit keiner Silbe sein Mitgefühl mit den missbrauchten Frauen. Auch die Freundschaft mit Epstein hat er nicht bedauert. Er habe an dem Mann seine «Gabe geschätzt, aussergewöhnliche Menschen zusammenzubringen».

Das Interview schlägt nun hohe Wellen in Grossbritannien. Der Chefredaktor der Website Royal Central News, Charlie Proctor, fasst es mit britischem Humor zusammen: «Ich habe einen Zugcrash erwartet. Das aber war ein Flugzeugabsturz auf einem Öltanker, was einen Tsunami auslöste, welcher daraufhin zu einer nuklearen Explosion höchsten Levels führte.»

(kle)