Terror in Sri Lanka

23. April 2019 04:47; Akt: 23.04.2019 06:27 Print

«Eine Verbindung zum IS ist möglich»

Laut lokalen Behörden soll eine radikal-islamistische Gruppierung hinter dem Terror in Sri Lanka stecken. Es sei denkbar, dass die Behörden die Gefahr unterschätzt haben, so ein Experte.

Aufnahmen zeigen die Explosionen in den Kirchen am Ostersonntag. (Video: Tamedia/Reuters/AFP)
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Mindestens 290 Menschen sind bei den Terroranschlägen vom Ostersonntag in Sri Lanka gestorben, über 500 wurden verletzt. Nun soll klar sein, dass eine lokale radikal-islamistische Gruppe hinter dem Terror steckt. Was bisher bekannt ist und worüber sich vorerst nur spekulieren lässt.

Wer steckt hinter den Anschlägen in Sri Lanka?

Laut der Regierung Sri Lankas soll die lokale muslimische Gruppierung National Thowheed Jama’ath (NTJ) hinter den Anschlägen stecken. Über die NTJ ist nicht viel bekannt. Sie soll sich vor rund fünf Jahren in der Stadt Kattankudy geformt haben. Gemäss Terrorismus-Experte Lorenzo Vidino hätten Mitglieder der NTJ die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf Social Media glorifiziert. «Die sri lankischen Behörden hatten ziemlich sicher Kenntnis von der NTJ und der Tatsache, dass es sich dabei um eine radikal-islamistische Gruppierung handelt. Doch radikal ist nicht dasselbe wie terroristisch.» So seien bis zu diesem Ostersonntag keine Anschläge oder Verbrechen auf die NTJ zurückzuführen gewesen. Den IS öffentlich zu loben, führe in der Regel zu einem Monitoring durch die Behörden, reiche für eine Verhaftung aber noch nicht aus.

Was hat die Regierung gewusst?

Wie nun bekannt wurde, sollen der sri lankischen Polizei Hinweise auf mögliche Angriffe zugespielt worden sein. Am 11. April hatte der stellvertretende Polizeichef in einem Schreiben vor Anschlagsplänen auf katholische Kirchen gewarnt. Warum die Behörden trotz dieser Informationen das Terrorattentat nicht verhindern konnten, ist unklar. Vidino sagt, darüber könne man nur spekulieren: «Es könnte sein, dass die Informationen schlicht nicht ausreichend waren, um das zu verhindern. Möglich ist auch, dass die NTJ von den lokalen Behörden unterschätzt wurde.» So habe Sri Lanka bis anhin keine islamistischen Terrorangriffe erfahren und sei nicht als priorisiertes Anschlagsziel von Jihadisten gehandelt worden.

Wieso trifft es Sri Lanka?

«Islamistischer Terror kann heute eigentlich jedes Land treffen», so Vidino. Ein Hauptziel sei in aller Regel die christliche Bevölkerung, konkret etwa Kirchen. Die christliche Minderheit in Sri Lanka macht Schätzungen zufolge 7,5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Wieso die Terroristen nun genau dort zugeschlagen haben, lässt sich gemäss Vidino momentan nicht beantworten. «Sri Lanka ist in der Vergangenheit – in erster Linie durch die Tamil Tigers – immer wieder von Gewaltanschlägen heimgesucht worden. Radikal-islamistische Gruppierungen wurden bisher nicht als Hauptgefahr betrachtet.»

Tote und Verletzte nach mehreren Explosionen

Steckt am Ende der IS hinter den Anschlägen?

Laut Terror-Experte Vidino kann man auch darüber vorerst nur spekulieren: «Es überrascht mich ein wenig, dass die Anschläge vom IS bisher fast unkommentiert blieben. Zwar gab es vereinzelt schon Fälle, in denen der IS sich erst nach einigen Tagen zu einem bestimmten Attentat bekannt hatte, normalerweise geschieht das aber relativ schnell.» Ausschliessen liesse sich zum jetzigen Zeitpunkt nichts. «In den letzten Jahren gab es nur sehr wenige Terroranschläge, die ebenso gut geplant waren. Der Ablauf lässt darauf schliessen, dass ein grosses Netzwerk und eine lange Planung hinter allem stecken», sagt Vidino. Es sei deshalb sehr gut denkbar, dass die NTJ mit einer grösseren Organisation in Verbindung stehe.

Wie war die politische Lage in Sri Lanka vor den Anschlägen?

Vor ziemlich genau 10 Jahren ging der langjährige Bürgerkrieg zu Ende. Tamilische Separatisten, allen voran die Tamil Tigers, hatten zwischen 1983 und 2009 um die Unabhängigkeit von Sri Lanka gekämpft. Im letzten Herbst erschütterte eine erneute politische Krise das Land. Präsident Maithripala Sirisena setzte den damaligen Regierungschef Ranil Wickremesinghe Ende Oktober 2018 ab – obwohl die Verfassung ihn dazu eigentlich nicht ermächtigte. An dessen Stelle setzte er Ex-Staatschef Mahinda Rajapaksa, der als mutmasslicher Kriegsverberecher gehandelt wird. Rajapaksa hatte das Land bereits zwischen 2005 und 2015 regiert und den Bürgerkrieg mit viel Gewalt beendet. Ihm werden Kriegsverbrechen, die Ermordung politischer Gegner sowie Korruption vorgeworfen. Mitte Dezember trat Rajapaksa auf Druck des Obersten Gerichts wieder zurück.

(jk)