Reaktionen auf Grass

05. April 2012 08:24; Akt: 05.04.2012 09:29 Print

«Er war SS-Mann, jetzt schreibt er wie einer»

Nach seiner scharfen Kritik an Israels Atompolitik geht die Debatte um Günter Grass und seine Äusserungen weiter. Dabei stösst Grass auf heftigen Protest, aber auch auf Zustimmung.

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Der Auslöser der Aufregung: Günter Grass' Gedicht in der «Süddeutschen Zeitung» (Bild: EPA/Stephan Jansen)

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Kritik aus der Politik, Verteidigung aus der Kunst: Das jüngste Werk des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass bewegt die Gemüter. Der aussenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, sagte, er halte Grass' Gedicht über Israel und den Iran für einseitig. «In dem Text geht die Gefahr ausschliesslich von der Atommacht Israel aus», sagte Mützenich dem «Kölner Stadt-Anzeiger» (Donnerstagausgabe). «Die Gefahren, denen sich der jüdische Staat gegenübersieht, werden hingegen verschwiegen.»Mützenich kritisierte, Grass verharmlose den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad als Maulhelden. Grass sei aber kein Antisemit.

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, nahm Grass in Schutz. «Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden», sagte Staeck der in Halle erscheinenden «Mitteldeutschen Zeitung». «Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen.» Staeck sagte, Grass habe seiner Sorge über die Situation im Nahen Osten Ausdruck verliehen. «Diese Sorge teilt er mit einer ganzen Menge Menschen», sagte Staeck.

«Vom eigenen Schweigen getrieben»

Zumindest einen Hauch von Verständnis äussert der israelische Historiker Tom Segev im Deutschlandradio Kultur: «Er ist kein Antisemit, er ist nicht anti- israelisch.» Trotzdem habe er den Eindruck, dass Grass vor allem von seinem eigenen langen Schweigen über seine Vergangenheit bei der Waffen-SS getrieben sei, so Segev in einem weiteren Interview mit Spiegel Online.

Zudem verdrehe Grass die Tatsachen. «Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erklärt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, während Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will», sagte Segev in Anspielung auf Aussagen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad.

«Schreibt wie ein SS-Mann»

Scharfe Kritik dagegen gab es unter anderem vom Publizisten Henryk M. Broder. Er warf Grass vor, im fortgeschrittenen Alter zu seinen Anfängen zurückgekehrt zu sein: «Damals war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer», sagte Broder dem Saarländischen Rundfunk.

Der Text wäre in der rechtsradikalen «National-Zeitung» «gut platziert» gewesen, empörte sich auch der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn im Interview mit Spiegel-Online. In dem Gedicht stehe «so ziemlich jedes antisemitische Klischee darin, das man aus der rechtsextremen Ecke kennt».

Grass hatte am Mittwoch unter anderem in der «Süddeutschen Zeitung» das Gedicht «Was gesagt werden muss» veröffentlicht. Darin heisst es: «Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.» Sich selbst bezichtigte der Autor, zu lange dazu geschwiegen zu haben, und fuhr fort: «Ich schweige nicht mehr.»

«Pamphlet der Agitation»

Politiker, jüdische Organisationen und Intellektuelle warfen Grass vor, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nicht Israel, sondern das iranische Mullah-Regime bedrohe den Weltfrieden.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text «ein aggressives Pamphlet der Agitation». Der Publizist Ralph Giordano nannte es einen «Anschlag auf Israels Existenz».

Grass hatte sich 2006 dazu bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm die moralische Integrität ab.

(sda)