Sommerzeit

12. September 2018 10:22; Akt: 12.09.2018 13:48 Print

«Europäer werden dicker, dümmer und grantiger»

Viele Menschen wollen die Zeitumstellung abschaffen. Die dauerhafte Sommerzeit könnte schlimme Auswirkungen haben, warnen Forscher.

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Eingeführt wurde die Sommerzeit 1973 in Europa anlässlich der Ölkrise und mit dem Gedanken, Energie zu sparen. Mit der Zeitverschiebung sollte eine Stunde Tageslicht für Unternehmen und Haushalte gewonnen werden. Die Schweiz führte die Sommerzeit 1981 ein, um sich den Nachbarländern anzupassen. Vorher war sie in einer Volksabstimmung abgelehnt worden. Fachleute zweifeln mittlerweile am Nutzen: Zwar schaltet man im Sommer abends seltener das Licht an, ... ... dafür wird im Frühling und im Herbst in den Morgenstunden mehr geheizt. Laut einer Studie des deutschen Büros für Technikfolgenabschätzung von 2015 liegt die Einsparung bei weniger als 0,03 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs. Der Rückgang der für Beleuchtung nötigen Energie liegt bei 0,21 Prozent. Zudem führt es zu gesundheitlichen Problemen, wenn an der Uhr gedreht wird. Man sagt, im Durchschnitt benötigen Menschen ein bis zwei Tage, bis die innere Uhr wieder richtig tickt. Müdigkeit, ... ... verminderte Leistungsfähigkeit und ... ... vermehrte Herzinfarkte sind die Folge. Ein Schlafforscher nannte das einst «Jetlag unter erschwerten Bedingungen». Doch nicht jeder ist nach ein bis zwei Tagen wieder im Rhythmus. Vor allem ältere Menschen, Kinder oder Menschen mit Schlafstörungen tun sich damit eher schwer – die Eingewöhnungsphase kann bei ihnen bis zu sieben Woche dauern. Auch das Schlaganfallrisiko und ... ... die Infektanfälligkeit sind in den Tagen nach der Umstellung erhöht. Zudem ... ... wurde nach der Umstellung im Frühling eine erhöhte Fehlgeburtenrate bei künstlich befruchteten Frauen festgestellt. Der Körper wird während der Sommerzeit von der Natur zum selben Stand der Sonne fit gemacht, auch wenn er eine Stunde eher geweckt wird. Das liegt daran, dass die Wirkung des Stresshormons Cortisol nicht der veränderten Uhrzeit, sondern dem Sonnenaufgang folgt. Nach der Zeitumstellung im Frühling schläft man in den ersten Tagen durchschnittlich 40 bis 50 Minuten weniger. Zudem schläft man nach der Umstellung sowohl im Herbst wie im Frühling deutlich unruhiger. Nach der Umstellung im Herbst werden sprunghaft mehr Winterdepressionen diagnostiziert. Das liegt wohl daran, dass dadurch der Winter schlagartig fassbar wird, was eine Art psychologischen Schock auslösen kann. Die Menstruation kann bei Frauen, die nicht hormonell verhüten, bis zu zehn Tage später einsetzen. Die Verschiebung des Zyklus kann bis zu drei Monate andauern. Da sich Wildtiere am Sonnenlicht orientieren und keine Zeitumstellung kennen, kommt es bis zu vier Wochen nach der Zeitumstellung zu überdurchschnittlich vielen Wildtierunfällen. Mehrere Studien haben zudem ergeben, dass am Montag nach der Zeitumstellung generell mehr Unfälle passieren. Schuld daran: Der Sekundenschlaf, die morgendliche Dunkelheit und die verwirrte innere Uhr. Doch nicht nur der Mensch, auch das Vieh hat Mühe mit der Zeitumstellung. Eine Kuh kann nicht einfach eine Stunde später gemolken werden, wenn bereits 20 bis 25 Liter Milch im Euter warten. Sonst drohen Euterentzündungen. Die Bauern behelfen sich damit, dass sie die Melkzeit bereits ein paar Tage vor der Sommerzeit schrittweise nach vorne verlegen. Das funktioniert.

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Im Sommer eine Stunde vor, im Winter eine Stunde zurück – viele Menschen leiden unter der Zeitumstellung. Die EU-Kommission will nun vorschlagen, sie abzuschaffen. Wissenschaftler begrüssen das grundsätzlich. Aus ihrer Sicht widerspricht der künstliche Wechsel der Biologie. Viele Forscher warnen allerdings vor der dauerhaften Einführung der Sommerzeit – sie könne fatale Folgen haben.

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In einer nicht repräsentativen Online-Umfrage der EU-Kommission hatten sich 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer gegen die Zeitumstellung ausgesprochen. Mitgemacht haben damit weniger als ein Prozent der EU-Bürger. Allein drei Millionen Antworten kamen aus Deutschland. Die meisten waren für eine dauerhafte Sommerzeit.

Die drastischsten Worte dazu findet Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München. Stelle man die Uhren ganzjährig auf Sommerzeit um, werde es «riesige Probleme geben», warnt er vor dem «Cloxit». «Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heisst, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.»

Nachteil für Schüler und Studenten

Der Chronobiologe prognostiziert zudem: «Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen.» Denn vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten, bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt werde. Im Alter von etwa 20 Jahren schlafe man besonders spät ein und stehe morgens entsprechend spät auf. Russland habe schon einmal versucht, dauerhaft die Sommerzeit einzuführen – und sei damit gescheitert, sagt Roenneberg.

Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen, sagt Roenneberg: «Je nach Wohnort haben sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.» Er kritisiert, dass die Online-Befragung weitgehend ohne Aufklärung geschehen sei.

«Wenn EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Strasse gewesen. Es ist aber nichts anderes.» Auch Ingo Fietze von der Berliner Charité sagt: «Da denkt im Moment keiner dran, weil es Sommer ist und so hell draussen. Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.»

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sprechen sich für eine dauerhafte «Normalzeit» aus. «Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist», sagt der DGSM-Vorsitzende Alfred Wiater. «Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach», sagt Wiater. Das könne Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Sozialer Jetlag

Licht und Dunkelheit bestimmen unsere innere Uhr – wann wir wach und wann wir müde werden. Das Problem ist: Die wenigsten Deutschen können sich nach diesem natürlichen Rhythmus richten. Ihr Tagesablauf wird von der sogenannten sozialen Zeit bestimmt. Der Grossteil braucht daher morgens einen Wecker, um pünktlich bei der Arbeit oder in der Schule zu sein. Roenneberg nennt das «sozialen Jetlag».

Wenn es durch die Sommerzeit abends länger hell ist, setzt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett. «Mit der Zeit droht ein Schlafmangel – wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft», sagte Schlafforscher Hans-Günter Weess kürzlich dem «Stern».

Auch die Umstellung der Uhren wie bisher bringt für viele Menschen Probleme mit sich – wie lange diese anhalten, ist individuell unterschiedlich. «Ein Drittel der Deutschen sind begnadete Schläfer. Die interessiert das alles gar nicht. Ein Drittel sind schlechte und ein Drittel sensible Schläfer», sagt Fietze. Und diese litten unter dem Hin und Her wie unter einem Jetlag. «Normalerweise braucht man für eine Stunde Zeitverschiebung einen Tag zur Gewöhnung – es darf auch bei manchen zwei oder drei Tage dauern.»

Stress für den Organismus

Die Symptome wie etwa Schlafstörungen, Unwohlsein am Tag oder leichte Magen-Darm-Probleme seien jedoch «verkraftbar», so Fietze. Grosse medizinische Probleme seien ihm nicht bekannt. Dennoch sei die Uhrenumstellung Unsinn: «Unser ganzer Biorhythmus ist dem Hell-Dunkel-Wechsel angepasst. Künstlich daran zu manipulieren, macht keinen Sinn und das versteht der Körper auch nicht.»

Auch DGSM-Chef Wiater sagt: «Besonders die ersten drei Tage nach der Zeitumstellung sind stressig für unseren Organismus.» Das zeige sich an einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. In der Regel finde man nach einer Woche seinen neuen Rhythmus. «Bei manchen Menschen kann es aber auch mehrere Wochen dauern – insbesondere wenn auch aus anderen Gründen der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört ist.» Er geht davon aus, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung Probleme mit der Zeitumstellung hat. Im Frühjahr sei sie für die meisten Menschen schlimmer als im Herbst. Denn sie verursache ein Schlafdefizit – uns wird eine Stunde genommen.

Grundsätzlich spielten aber viele psychische Faktoren bei Ein- und Durchschlafstörungen eine Rolle. Habe man Schlafprobleme, verschlechtere sich auch die Stimmung. Stress und Schlaf hingen eng zusammen, sagt auch Roenneberg: «Wenn Sie viel Stress haben, brauchen sie guten Schlaf, um diesen zu bewältigen. Wenn sie den nicht kriegen, wird der Stress noch grösser.»

Temporär unzufrieden

Einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg zufolge senkt die Uhrenumstellung auf die Sommerzeit vorübergehend sogar die Lebenszufriedenheit. Der Grund: Zusätzlich zum körperlichen Jetlag fühlten sich die Menschen in ihrer Souveränität im Umgang mit der Zeit beschnitten. In der zweiten Woche nach der Umstellung erreicht die Zufriedenheit demnach wieder ihr ursprüngliches Niveau. Die Zurückstellung im Herbst hat demnach dagegen keine messbaren Auswirkungen.

Helfen würden flexiblere Arbeitszeiten. Feste Zeiten zwischen 9.00 und 17.00 Uhr seien heutzutage nur noch in den wenigsten Branchen nötig, sagt Roenneberg. Eine Änderung hier sei «viel wichtiger als dieser Schnellschuss, ganzjährig die Sommerzeit einzuführen».

Wie auch immer: Die nächste Umstellung findet auf jeden Fall noch statt. In der Nacht auf den 28. Oktober werden die Uhren wieder eine Stunde zurückgedreht.

(nag/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Niggi am 12.09.2018 10:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ?? Sommerzeit??

    Wieso reden immer alle davon, dass die Sommerzeit bleiben soll? Die Winterzeit ist unsere normale Zeit!!

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  • Klaus am 12.09.2018 10:33 Report Diesen Beitrag melden

    Umfrage

    Welches Genie macht bei euch immer die umfragen bei denen eine von zwei möglichen Antwortmöglichkeiten fehlt?

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  • SaKo am 12.09.2018 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinnlos

    Wenn schon die Zeitunstellung abgeschafft werden soll, sollte die künstlich dazu genommene Zeit abgeschafft werden. Das heisst weg mit der Sommerzeit und das ganze Jahr die Normalzeit (Winterzeit)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tigres am 18.09.2018 09:56 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn das wahr wäre,

    müssten wohl die Skandinavier längst ausgestorben sein.

  • InKa am 18.09.2018 06:24 Report Diesen Beitrag melden

    Denkt nach

    Der Quatsch mit der Sommerzeit geht mir von Beginn an auf die Nerven-es gibt KEINEN positiven Effekt-(mein Tenniswart sagte damals der Platz bliebe länger offen-ha ha, 21:00 wurde die Anlage geschlossen-also wie immer) der Wecker klingelt trotzdem 5 Uhr-schlafen muss man auch gehen-das Einzige was es jedes Jahr bringt: 2x zusätzlich Kosten-zusätzlich JEDES Lebewesen wird belastet-wenn es uns schon anhängt-fragt einer wie es den Tieren geht??Wieder Entscheidungen von oben Gesetzesänderungen etc....Muss man überall seine Finger in die Normalzustände einstecken ??? Normal=WINTERZEIT -BASTA

    • Lirion am 18.09.2018 09:27 Report Diesen Beitrag melden

      Wusste gar nicht...

      ...dass die Tiere auch eine Uhr tragen?

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  • Schweiz am 16.09.2018 19:06 Report Diesen Beitrag melden

    Vorteile der Winterzeit

    Vorteile der Winterzeit: Morgenmuffel können länger schlafen. Es ist hell, wenn der Wecker klingelt. Energiesparen am Morgen.

  • Peter am 16.09.2018 18:57 Report Diesen Beitrag melden

    Winterzeit ist die Normale Zeit

    Winterzeit ist die Normale Zeit

    • Peter Baumann am 17.09.2018 03:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter

      Nein. Winterzeit ist auch nicht die normale Zeit. Die Sonne steht auch bei Winterzeit nicht um 12 Uhr im Zenith!

    • Chronos der Mittagsschläfer am 18.09.2018 08:42 Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Baumann

      In etwa schon, die MEZ ist darauf ausgelegt, dass 12 Uhr die Sonne im Zenit steht und so den "hellen" Tag halbiert. Leider kann man aber nicht nach jedem Meter eine neue Zeitzone definieren, damit Punkt 12 Uhr die Sonne im Zenit steht.

    • Tolot am 18.09.2018 09:30 Report Diesen Beitrag melden

      Was ist Normalzeit?

      Die Sonne steht nicht von Osteuropa bis an die Französische Atlantikküste genau um 12Uhr senkrecht. Also ist auch die Winterzeit nur eine von Menschen gemachte Zeit.

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  • Bob-Design am 16.09.2018 07:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Winterzeit

    Wieso nicht Winterzeit belassen? Ich habe keine Ahnung, doch wenn die Forscher damit wirklich recht haben, naja. Wieso können wir bei den wirklich wichtigen Themen keine Kommentare schreiben? Auf der Welt ist gerade was im Gange und man hat nirgends mehr die Gelegenheit Klarheit zu schaffen.